Hildesheim - Um zu verstehen, warum ich an einem Freitagabend bis zur Schulter in der Schublade meiner Tiefkühltruhe stecke, ungefähr so, wie man es eigentlich nur aus Tierdokus von Bauern und gebärenden Kühen kennt, müssen wir 24 Stunden zurückspulen, liebe Katharina.
Am Donnerstagabend passiert es: Ich hüpfe vor Freude (mach ich auch nie wieder), zack, Wade gezerrt. In so einem Alter bin ich jetzt also schon, wo mich ein Freudenhopser niederstreckt. Hin sind die schönen Pläne fürs Wochenende. Nichts mit Sport, Spaziergängen oder Ausflügen. Ich komme nur noch humpelnd voran, das alles andere als elegant, vor allem aber sehr langsam.
Blinder Aktionismus
Anstatt die schmerzende Wade aber als Wink des Schicksals zu verstehen, im wortwörtlichen Sinne mal die Füße hochzulegen, setzt sofort mein blinder Aktionismus ein. Wenn ich schon nichts Schönes machen kann, dann vertreibe ich mir die Zeit wenigstens mit richtig blöden Sachen!
Immerhin lassen sich nervige Aufgaben, die man seit Jahren aufschiebt, auch humpelnd erledigen. Und da sitz ich dann am Freitagabend eben in der Küche mit der Tiefkühltruhe, die wir schon lange dem Eis überlassen haben.
Messer verboten
Die oberste Schicht, die seit Monaten dazu führt, dass die schmale Schublade nicht mehr aufgeht, ist hartnäckig. Mein Freund schlägt den Einsatz eines Messers vor; mit dieser Idee haben wir allerdings schon den vorherigen Kühlschrank verloren, mein Freund darf also nicht mehr mitreden. Den Föhn holen darf er aber schon.
Bringt nur leider auch nichts, denn diese Schicht ist ganz hervorragend durch besagte klemmende Schublade geschützt. Die Tiefkühltruhe zwingt mich schließlich in die Knie, also so halb, die Wade liegt artig erhöht auf dem Küchenstuhl, die soll ja schnell wieder heilen, ehe ich noch auf andere grandiose Ideen komme.
Nächstes Mal vielleicht doch entspannen
Meinen gesamten Arm durch einen winzigen Spalt gezwängt, erreiche ich schließlich den letzten Eisklops, den ich in Sekundenschnelle mit meiner Hand zum Schmelzen bringe. Na, war doch gar nicht so schwer. Die Tiefkühltruhe ist wieder einsatzbereit, die Fingerchen nicht erfroren – und vielleicht lern ich ja sogar was draus. Und entspanne beim nächsten Mal einfach, liebe Katharina. Vielleicht bei ’ner Tierdoku?
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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