Kreis Hildesheim - Seit Beginn der Corona-Pandemie waren Stand 5. Mai 24 905 Kontaktpersonen in häuslicher Quarantäne. Hinzu kommen bis zu dem Datum 8247 an SARS-CoV-2 erkrankte Personen, teilt der Landkreis mit. Wie immer stehen hinter den nackten Zahlen einzelne Schicksale. Wie ist es, wenn man 14 Tage lang das Haus nicht verlassen darf? Wie fühlt es sich an, derart isoliert zu sein? Die Hildesheimer Allgemeine sprach mit zwei Betroffenen.
Freundin verheimlichte positiven Test
Jasmin R. möchte ihren Nachnamen nicht nennen. „Ich will keine bösen Nachrichten von irgendwelchen Querdenkern bekommen“, sagt die 21-Jährige aus Banteln. Im Gespräch mit ihr wird zudem deutlich, dass es Covid-Infizierte gibt, die sich für ihre Ansteckung schämen. Ihre Freundin etwa. Diese verheimlichte offenbar aus Scham, dass sie positiv getestet war. Sie traf sich weiter mit Jasmin R., war mit ihr sogar zusammen im Auto unterwegs.
Erst zwei Tage später gestand sie ihrer Freundin Jasmin, dass sie positiv getestet worden ist. Jasmin R. arbeitet als Sozialassistentin mit behinderten Menschen zusammen. Deswegen war sie sehr entsetzt, als sich ihre Freundin ihr offenbarte. Jasmin R. hätte viele Menschen anstecken können. „Wir können diese schwierige Zeit nur gemeinsam schaffen, wenn wir ehrlich sind“, sagt die junge Frau.
Zweite Quarantäne
Auch sie wird daraufhin positiv getestet und muss in Quarantäne – zum zweiten Mal. Die erste Isolation verbringt sie mit ihrem ebenfsalls positiv getesteten Freund im Haus seiner Eltern. „Da war ich mit meiner Bezugsperson zusammen und wir konnten uns relativ frei bewegen, haben zusammen gekocht“, berichtet Jasmin R. Die 14 Tage im Haus mit Garten fielen ihr daher nicht schwer. Ganz im Gegensatz zum zweiten Mal. Die Zeit verbringt sie in der Dreizimmerwohnung ihrer Eltern – in ihrem alten Kinderzimmer. „Ich habe mal nachgeschaut, ich war täglich etwa zwölf Stunden am Handy“, gesteht sie.
Die Eltern schützen
Über das Handy kommuniziert sie in der Zeit auch mit ihren Eltern, die nicht infiziert sind und die sie schützen will. „Ich mache mir jetzt etwas zu essen“ oder „Ich muss mal ins Bad“, schreibt sie den Eltern. In Schutzkleidung verlässt sie ihr Zimmer, Mutter und Vater halten sich in der Zeit in den anderen Räumen auf. Wenn Jasmin R. wieder in ihrem Zimmer ist, desinfizieren die Eltern Küche und Bad. Die Zeit in ihrem Zimmer nutzt die junge Frau, um ihre Umzugskartons zu packen, denn nach der Quarantäne wird sie mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung in Holzminden ziehen. Jasmin R. übersteht die Infektion ohne zu erkranken – und ist mittlerweile geimpft. Eine große Stütze sei ihr in der Isolation eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes gewesen, die ihr sogar ihre Handy-Nummer gegeben hätte.
Die Mitarbeiterin war auch für Michael Reis aus Bockenem ansprechbar, was er lobend erwähnt. Wie Pressesprecherin Birgit Wilken mitteilt, gibt es beim Thema häusliche Quarantäne viele offene Fragen. Viele werden in einer Broschüre vom Robert-Koch-Institut aufgegriffen, die die Betroffenen an die Hand bekommen. „Aber natürlich ergeben sich noch viele Fragen aufgrund der individuellen persönlichen Situation. Zu den Spitzenreitern der Themen gehört die Frage nach der Haustierversorgung, wobei sich hier noch besondere Problemstellungen ergeben können, wenn etwa größere Tiere wie Pferde versorgt werden müssen. Weitere Themen sind die Pflege von Angehörigen, der Umgang mit dem Arbeitgeber oder die Organisation des Familienlebens“, erklärt Wilken. Bei all diesen Fragestellungen stehe das Gesundheitsamt im Zuge der Quarantäneanordnung beratend zur Seite. Für besonders problematische Einzelfälle werde auch gemeinsam nach einer Lösung gesucht, so die Kreissprecherin.
Für den 55-jährigen Michael Reis aus Bockenem ist die Zeit der Isolation nicht so schlimm gewesen, wie er berichtet. Nachdem Anfang April die Nase läuft und der Hals schmerzt, macht der alleinlebende Unternehmer einen Selbsttest: Positiv. Noch ein Test: Positiv. Der Mann kostet Maggi, Ketchup, will überprüfen, ob sein Geschmackssinn beeinträchtigt ist. Doch das ist er nicht. Ein weiterer Test am nächsten Morgen: Positiv. „Dann rief ich das Gesundheitsamt an“, berichtet er. Dabei waren die Symptome mittlerweile schon wieder abgeklungen. Als auch der PCR-Test positiv ausfiel war klar: Er muss in Quarantäne. „Ich bin beruflich unterwegs, immer auf Montage“, sagt der Inhaber eines Gleis- und Tiefbau-Unternehmens.
Arbeit im Haus erledigt
Da er sich gut fühlte, konnte er Liegengelassenes im Haus aufarbeiten. „Mal hier eine Leiste anschrauben, Fenster putzen, Laminat verlegen, Gardinen waschen“, zählt er auf. Er ist so aktiv, dass er sogar vier Kilo abnimmt. Dabei muss er nicht hungern, Freunde, Kollegen und Verwandte erledigen den Einkauf und stellten die Taschen vor die Tür. „Das klappte sehr gut“, sagt Reis. Doch trotz der vielen Arbeit in seinem Haus, fehlt ihm der Kontakt zu anderen Menschen. „Vor allem, wenn ich abends fertig war. Das war blöde“, sagt er. Aber Reis ist keiner, der viel klagt. Er ist froh, dass er keine Symptome hatte und die Zeit gut überstanden hat.

