Hildesheim - „Oh, vermintes Gebiet“, so lautet die spontane Reaktion des Hildesheimer Psychiaters Thomas Duda nach einer Interview-Anfrage der HAZ zum Thema Trennungskinder. Er hat sich trotzdem bereit erklärt. So lauten die Antworten des Facharztes für Kinder und Jugendpsychiatrie:
Was macht es mit Scheidungskindern, wenn sie spüren, dass die Eltern sich eher wie Gegner verhalten, den Ex-Partner jeweils wie einen Feind darstellen?
Wie so oft kann nicht von allgemein gültigen Regeln ausgegangen werden, da sich Kinder in den jeweiligen Entwicklungsphasen und in Abhängigkeit von ihrem Alter unterschiedlich mit den Folgen einer elterlichen Trennung auseinandersetzen. Per se stellen die Folgen einer elterlichen Trennung auch keinen Krankheitszustand dar, der eine Behandlung zur Folge haben muss. Wenn Eltern ihre Elternschaft bei getrennter Paarbeziehung nicht weiter gemeinschaftlich verantwortet wahrnehmen, wird das Kind in einen Loyalitätskonflikt gezwungen und erhält unbewusst den Auftrag, sich zwischen den beiden Elternteilen entscheiden zu müssen und somit Position für den einen oder den anderen Elternteil einzunehmen. Die dadurch resultierende emotionale Situation engt das Kind ein und verändert das Verhalten dahingehend, dass das Kind nicht mehr frei und vorbehaltlos zum Beispiel von Situationen und Erlebnissen beim anderen Elternteil berichteten kann, sondern einer Wertung unterzieht, was es bei wem wie erzählen kann.
Ist es eine Lösung, dem einen Elternteil einfach das Sorgerecht zu entziehen, damit Ruhe einkehrt?
Der Versuch, eine emotional belastenden Situation juristisch zu klären, muss insuffizient bleiben. Der Entzug des Sorgerechtes stellt einen tiefgreifenden Eingriff in die elterlichen Rechte dar und mag zwar formal klären, wer welche Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten für das Kind übernimmt. Zu glauben, dass sich dadurch eine Klärung im Elternkonflikt zum Wohle des Kindes herbeiführen lässt, ist eine Illusion. Ein wesentlicher Aspekt bei konflikthaften Trennungseltern ist der, dass beide Eltern ja jeweils das Beste für ihr Kind wollen. Nur leider oft in diametral gegensätzlicher Weise in der Fortsetzung ihres bisherigen Paarkonfliktes.
Was bezeichnet man in der Psychologie als Parentifizierung? Warum trifft das auch auf Scheidungskinder zu?
Als Parentifizierung wird eine Entwicklung bezeichnet, die dazu führt, dass es in familiären Systemen zu einer Umkehr der sozialen Rollen zwischen Eltern(teilen) und Kindern kommt. Das Kind wird durch die übertragende, nicht kindgemäße Verantwortung einerseits überfordert, andererseits kann es dazu führen, dass das Kind dadurch ein hohes Maß an Kontrolle über das System erhält und der entwicklungsschädigende Charakter der Parentifizierung primär erst einmal nicht deutlich wird. In Trennungssituationen wird der Begriff der Parentifizierung oftmals mit dem Konstrukt des Pariental Alienation Syndrom (PAS, elterliches Entfremdungssyndrom) verwechselt. Hierbei geht es um die Annahme, dass ein Kind durch kontinuierliche negative Zuschreibungen eines Elternteiles gegen den anderen, indoktriniert wird und in der Folge Kontakte zu diesem Elternteil ablehnt und negative Zuschreibungen des Elternteiles übernimmt. Das PAS wird wissenschaftlich hoch kontrovers diskutiert und ist nicht als Störung anerkannt. Das PAS wird damit dem Elternteil zugeschrieben, bei dem das Kind lebt und dem damit unterstellt wird, das gemeinsame Kind derart zu manipulieren, dass es den Umgang zum anderen Elternteil ablehnt.
Ist das Wechselmodell eher für Eltern oder für das Kindeswohl vorteilhaft?
Das Wechselmodell ordnet die kindlichen Bedürfnisse nach Geborgenheit, Sicherheit, Verlässlichkeit und Struktur den elterlichen Bedürfnissen unter. Dem Kind wird zugemutet, sich in wechselnder Weise örtlichen, personalen und sozialen Strukturen des jeweiligen elterlichen Umfeldes anzupassen. Das mag bei älteren Kindern vielleicht funktionieren, bei jüngeren Kindern ist das Residenzmodell die wesentlich bessere Lösung. Hier sind die Eltern in der Pflicht, sich an die Lebenssituation des Kindes dahingehend anpassen, dass das Kind sein gewohntes Umfeld beibehält und die Eltern sich in der Betreuung des Kindes an einem konstanten, vertrauten Wohnort abwechseln.
Wie müssten sich betroffene Eltern idealerweise verhalten, damit bei ihren Kindern keine Loyalitätskonflikte entstehen?
Grundlage für eine ungestörte weitere Kindesentwicklung in Trennungssituationen ist das uneingeschränkte gegenseitige Vertrauen der Elternteile in Bezug auf die gemeinsam verantwortete Elternschaft für ihr Kind. Das ist in konflikthaften Paarsituationen naturgemäß schwierig, da ein wesentlicher Auslöser der Trennung oftmals ein Vertrauensbruch ist. Provokativ ausgedrückt: Damit kindliche Entwicklung in der Folge einer elterlichen Trennung gut gelingt, müssen sich die Eltern so gut abstimmen und vertrauensvoll miteinander umgehen, dass sie sich wahrscheinlich nicht hätten trennen müssen.
