Typisch!

Was man auf einer Hildesheimer Baustelle übers Leben lernen kann

Hildesheim - Warten: mit dem Smartphone. Pause machen: mit dem Smartphone. Aufs Sofa: mit … na, Sie wissen schon. Unser Kolumnist fragt: Wie haben wir das eigentlich früher gemacht?

Dieser Mann greift viel zu oft zum Smartphone. Plötzlich mimt er den Nachdenklichen. Typisch! Foto: Julia Moras

Hildesheim - Auf dem Weg in die Redaktion komme ich an einer Baustelle vorbei. Frühstückspause. Zwei Bauarbeiter am Rand der Grube. Jeder für sich. Jeder mit dem Smartphone in der Hand. Ich denke: Was, wenn hier jetzt ein Funkloch wäre? Vermutlich würden die Männer miteinander reden. So was Verrücktes. Oder sich nebenbei die Gegend angucken. Oder mit dem Baggerfahrer scherzen. Vielleicht sogar die nächsten Arbeitsschritte durchgehen. Stattdessen: Insta und WhatsApp. Wir können keine Pausen mehr, nicht mal die Malocher. Ein paar Minuten später, ich komme an der Berufsschule vorbei. Drei Schüler warten stumm vorm Eingang. Klar, alle mit dem Handy in der Hand. Kein Gespräch, nix, gar nix. Wir haben auch das Warten verlernt. Handy im Bus, im Zug, am Esstisch, in der Raucherpause, im Bad und im Schlafzimmer. Auf dem Fußweg, beim Rumstehen als Zuschauer im Publikum. Nur mal kurz gucken, kurz scrollen, das muss ja erlaubt sein. Aber all das summiert sich ja, meine Güte, von wie viel Zeit reden wir denn hier?

Das Was-Wäre-Ohne-Experiment öffnet die Augen und Ohren

Ich frage mich: Was haben wir beim Vollzug unterkomplexer Handlungen früher nur ohne den Blick aufs Display gemacht? In die Ferne geguckt, vermutlich. Oder einfach mal nichts gedacht. Einen dummen Witz gemacht. Es könnte ja auch sein, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Kolumne gerade auf dem Handy lesen. Das freut mich ja. Doch, wirklich. Andererseits: Darf ich fragen, was Sie vor sich haben, wenn Sie jetzt den Kopf heben und sich umschauen? Ist da was Schönes? Sind da Menschen? Was wäre ohne? Der Gedanke lohnt sich. „Warten ohne Smartphone fördert Achtsamkeit, reduziert Stress und steigert die Konzentration“, wissen Sie, von wem das kommt? Hat mir soeben die Google-KI ausgespuckt. Per Smartphone. Schönen Dank auch!

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