Hildesheim - Da sitze ich bei feinstem Wetter auf der Terrasse und schaue so vor mich hin, als ein Tiefflieger durch mein Sichtfeld düst. Eine Amsel mit einem knallgelben Blatt. Hui, denke ich so, die hat es aber eilig. Diese Information teile ich meinem Mann mit. Nicht weil sie wichtig ist, sondern weil ich gerne rede und mein Hirn nach Feierabend gerade nicht mehr hergibt.
Herr Amsel mag es schlicht
„Du“, sage ich, „die Amseln bauen wohl schon für die zweite Brut. Eben ist eine hier mit Affenzahn und einem knallgelben Blatt im Schnabel an mir vorbeigezischt.“ Mein Mann meint, dass die Amsel bestimmt weiblich sei und das farbige Stück schnell ins Nest einbauen will, bevor Herr Amsel nach Hause kommt. Der mag es nämlich lieber schlicht. So wie er, also mein Mann.
Ich kann Frau Amsel sehr gut verstehen. Sie wird wissen, dass ihr Amselrich angesichts der Deko laut piepen wird. Dann wird sie ihm entgegnen: „Na, hör mal, wer sitzt denn den ganzen Tag im Nest und brütet? Das bin ja wohl ich. Während du in der Weltgeschichte rumfliegst und Dinge erlebst!“ Na, da wird das Männchen aber böse! Für wen er sich denn abrackere Tag für Tag, während das gnädige Fräulein zu Hause sitzt und es sich im Nest gut gehen lässt. So was Undankbares!, zetert er noch und fliegt davon. Ach, manchmal ist es doch ganz schön, auch den unnützen Gedanken einfach mal freien Lauf zu lassen.
Wie geht es aus?
Sie und ich, liebe Leserinnen und Leser, wir wissen natürlich, wie die Geschichte mit Herrn und Frau Amsel weitergeht. Die beiden vertragen sich wieder. Gehen weiter ihren Aufgaben nach. Und wenn er dann irgendwann sagt: „Wo kommt eigentlich das bunte Blatt her? Ist doch auch mal ganz nett, so ein Farbtupfer im Nest!“, dann wird sie sehr zufrieden den Schnabel halten. In sich hineinlächeln. Und munter weiterbrüten.
