Hildesheimer Schuhmacher

Was von Hacken-Franz bleibt: Kunden trauern um ein Original

Hildesheim - Franz-Josef Wichmann war Hacken-Franz. Einen Monat nach seinem Tod merkt die Tochter im Laden in der Neustadt erneut, wie sehr seine Kunden den Schuhmacher gemocht haben.

Julia Stevanovic kümmert sich nach dem Tod ihres Vaters am Samstag um Kunden – viele kommen auch nur vorbei, um der Tochter Beileid zum Tod von Franz-Josef Wichmann auszusprechen, der für die meisten einfach nur Hacken-Franz war. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Es ist 10 Uhr am Samstag. Julia Stevanovic kommt gerade aus der Nachtschicht, die Sozialpädagogin betreut eine Wohngruppe für Jugendliche. „Ist das warm hier!“, sagt sie, als sie die Tür des Ladens in der Braunschweiger Straße aufschließt. Heißt also: Die Heizung geht wieder, sie war neulich mal ausgefallen.

Oben, an einem der Regale, in denen sich Schuhe stapeln, hängt ein Kinderfoto das Julia Stevanovic mit ihrer Schwester Annika zeigt. Sie muss nicht dieses Bild anschauen, um sich in die Kindheit zurückversetzt zu fühlen, es reicht, den Laden zu betreten. Der Geruch von Leder und Kleber, die vollgestopften Kisten und Regale mit Schnürsenkeln, Einlegesohlen, Schuhcremes, die Nähmaschinen.

Auch die Polizei war Kunde

Hier war das Reich ihres Vaters, des Mannes, den die meisten nur unter dem Namen Hacken-Franz kannten. Vor einem Monat ist Franz-Josef Wichmann, geboren am 29. September 1949 als Sohn des Schuhmachers Franz Wichmann, nach schwerer Krankheit gestorben. Die 40-Jährige kümmert sich jetzt um die Auflösung des Geschäfts in der Braunschweiger Straße, in dem Hacken-Franz seit Mitte der 1970er Schuhe reparierte, Stühle polsterte, Taschen nähte, Reißverschlüsse einsetzte und zwischenzeitlich sogar Holster für die Waffen der Hildesheimer Polizei anfertigte.

„Ich muss doch in den Laden“

Was ihm in all den Jahren aber immer am wichtigsten war: Der Kontakt zu den Kunden, der Schnack am Tresen, der dann bei einem Kaffee auch mal länger dauerte, da konnte die Arbeit auch mal ein bisschen warten, um sie dann später mit hoher Präzision und Können nachzuholen. „Ich muss doch in den Laden“, habe er immer wieder gesagt, erzählt Stevanovic mit einem Lächeln, auch als der Krebs und die Behandlungen ihn einfach daran hinderten und nicht daran zu denken war. Für gut zwei Wochen schaffte er es im August tatsächlich in seinen kleinen Betrieb, nahm noch neue Aufträge an. Zuletzt war er noch im Oktober für ein paar Tage in der Werkstatt. Am 5. November starb er.

Wie sehr auch seine Kunden den Plausch bei ihrem Schuhmacher und Franz-Josef Wichmann als Menschen schätzten, haben seine Kinder Julia, Annika und Max schon früher gewusst, aber seit seinem Tod noch einmal besonders deutlich gemerkt. So auch an diesem Samstag, an dem alle die Chance haben, Schuhe und Taschen abzuholen, die Hacken-Franz noch repariert hat. Und die, zu denen er nicht mehr gekommen ist.

„Das ist alles so traurig“, sagt eine Frau, die ein schwarzes Portemonnaie abholt. Julia Stevanovic dreht an der Kurbel der alten Kasse, die schon ihrem Großvater gehört hatte, der natürlich auch Schuhmacher war. Es macht Rrrrrrring, „einmal Nähen, drei Euro“, sagt die Tochter zu der Kundin, und dann, nach einer kurzen Pause: „Mein Lieblingsgeräusch.“ Sie dreht noch einmal. Rrrrrrring.

Die Krankheit hat leider gesiegt

Ein anderer Kunde möchte einen braunen Halbschuh abholen, die Sohle sollte an der Spitze geklebt werden. Stevanovic sucht, schaut in allen Regalfächern, zuckt entschuldigend die Achseln, verspricht, das gute Stück zu suchen und sich telefonisch zu melden. „Schau mal da, Julia“, sagt da Hussein Makki, der schon länger in der Ecke des Ladens steht, plötzlich und zeigt auf einen Stuhl, rechts hinter dem Tresen. Tatsächlich, da steht der Schuh. Aber Stevanovic sieht gleich, was das Problem ist, die Sohle ist nicht richtig fest. „Mit Kreppsohlen ist das schwierig ...,“, sagt sie zu dem Kunden, „er hätte es jetzt noch mit einem anderen Kleber versucht.“

Die Trauer des Freundes

Hussein Makki will keine Schuhe abholen, er ist hier, weil er Franz-Josef Wichmann vermisst. Sie waren Freunde. Makki wohnte um die Ecke, als sie vor elf, zwölf Jahren zum ersten Mal trafen und unterhielten. Hacken-Franz und der fast 20 Jahre Jüngere freundeten sich an. „Er hatte zwischendurch große Schmerzen “, sagt der 50-Jährige, „aber er hat es nie gezeigt“. Leider, sagt er mit glasigen Augen, leider habe die Krankheit gesiegt. Er macht weiterhin samstags seine Runde und schaut am Laden vorbei. Dass er heute hinein kann, weil Hacken-Franz’ Tochter da ist, sei „ein unbeschreibliches Gefühl“. Sein Freund sei ein toller Mensch gewesen, sagt er. „Solch einen Charakter trifft man ganz selten.“

Ballons für die Kinder

Dann steht Gerhard D’ham mit seiner Tochter Gesche im Laden. „Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass es uns sehr leid tut“, sagt er zu Julia Stevanovic. Und dann fragt D’ham zurückhaltend, ob es vielleicht noch ein paar von diesen tollen Ballons gebe, die seine Tochter so liebe. „Die halten ewig!“ Stevanovic lacht, „Klar!“ dreht sich um und greift nach einem Schuhkarton. Ihr Vater hat immer an die Kinder gedacht, die mit in den Laden kamen, oder die auf dem Neustädter Markt vorbeigingen. Da gab es auch mal ein Eis und kleine Spielzeuge geschenkt. Dass Gesche jetzt auf ihrem Laufrad mit seinen Luftballons in der Tasche nach Hause fährt, das hätte Hacken-Franz ganz sicher gefallen.

Auflösung des Ladens: Zwei weitere Termine

Julia Stevanovic will an zwei weiteren Samstagen jeweils von 10 bis 13 Uhr bisher nicht abgeholte Ware herausgeben. Aber auch Geräte und Produkte wie Schuhcremes und Schnürsenkel werden reduziert abverkauft. Die Termine sind am 25. Januar und am 1. Februar.

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