Hildesheim - Weihnachten? Das muss im Jahr 2023 ein Satz mit X sein, in dem dieses Wort vorkommt – zumindest für die Einsatzkräfte der Feuerwehren in Stadt und Landkreis Hildesheim, für hunderte Helfer, das Technische Hilfswerk, für die Polizei und viele andere. „Heilig Abend, doch, ja. Da hab ich mal kurz zuhause vorbei geschaut“, sagt Thorsten Plötze, stellvertretender Stadtbrandmeister Hildesheims, am Montagnachmittag. „Zwei Stunden war ich da.“ Keine Zeit fürs Feiern, für Geschenke, für Weihnachtsgans und Besinnlichkeit, Plötzes Familie muss wie so viele auf Gemeinsamkeit verzichten. Ihm selbst steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. So wie allen hier. Und doch machen sie weiter. Und das zumeist ehrenamtlich.
So wie auch Plötze und die Männer der Freiwilligen Feuerwehr Ochtersum, die auf der Innerste-Brücke an der Jo-Wiese stehen und von hier aus die mobilen Hochwasserdämme begutachten, die sie entlang des Flusses gelegt haben und die bis auf eine Höhe von 7,17 Metern vor den Fluten schützen. „In einen Schlauch gehen zehntausend Liter Wasser rein“, sagt Plötze. „Wir prüfen jetzt hier alle Anschlüsse und füllen die Schläuche dann noch einmal auf, sodass die die nächsten Stunden gut durchhalten.“ Durchhalten, das ist hier überhaupt die Devise für alle Einsatzkräfte. „Wir sind seit Samstag Mittag hier mit 20 Mann dabei. Die erste Schicht ging bis ein Uhr nachts.“
Die Tube wurde nach der Flut von 2017 angeschafft
An jenem Abend haben sie das Floodtube-System (engl. Flutröhre) aufgebaut, wie die Schläuche im Fachjargon heißen. „Die wurden nach dem großen Hochwasser von 2017 angeschafft“, sagt Plötze, „es ist jetzt ihr erster richtiger Einsatz im Ernstfall.“ Das ganze System hier sei in 12 Stunden aufgebaut worden. „Das ist super“, sagt Plötze, „hätten wir nur Sandsäcke gehabt, wäre das längst nicht so schnell gegangen.“ Seitdem halten die Dämme stand, von Entspannung kann aber noch keine Rede sein: Es steht neuer Regen an. Und die Innerstetalsperre im Harz, die bislang ein guter Puffer war, weil sie noch Kapazitäten frei hatte, ist nun so gut wie voll.
„Wenn die Harzwasserwerke deshalb mehr Wasser ablassen müssen, könnte das auch Hildesheim Probleme bereiten“, erklärt Plötze auf der Brücke Passanten, von denen er ohnehin alle paar Minuten angesprochen wird. Von hier oben fotografieren sie das Hochwasser, als wäre es eine Sehenswürdigkeit. „Das ist wie zuhause in der Badewanne. Wenn da zuviel Wasser auf einmal abgelassen wird, sucht es sich auch andere Wege und kommt im Waschbecken oder in der Dusche wieder raus.“ Aber man passe hier gut auf, versichert er den Leuten immer wieder, zumindest an dieser Stelle der Innerste werde es sicher keine Überschwemmung in den anliegenden Wohnhäusern geben.
„Danke, dass Sie hier für uns alle im Einsatz sind!“
Die Leute ihrerseits bedanken sich. Eine Frau steigt vom Fahrrad, als sie die neongrünen Jacken der Feuerwehrmänner sieht. „Wie gut, dass Sie hier sind!“, sagt sie. „Danke, dass Sie hier für uns alle Weihnachten verbringen, das ist großartig.“ „Jo“, sagt Plötze knapp, „ist ja unser Job, nicht? Die Leute, die im Krankenhaus arbeiten oder anderswo, die können auch nicht sagen, sie gehen jetzt mal Geschenke auspacken. Ist nun mal so.“ Froh seien sie hier trotzdem alle über den Zuspruch, über den Kaffee aus dem Tennisstübchen, über die Kekse, die Anwohner ihnen gebracht haben. Lauter Gesten der Anerkennung.
„Wasser marsch!“, tönt es da laut von unten, wo die Einsatzkräfte vor dem Tennisstübchen die Floodtube neu befüllen. Die Anschlüsse sind jetzt aufgedreht, es rauscht in den Schlauch. Nach und nach richtet sich dessen rote Haut auf und glättet sich. Wie eine Schlange, die lebendig wird. Fast prall gefüllt muss die Tube sein, immer wieder prüfen die Männer den Stand. Nur so hat das System die Kraft, dem Hochwasser zu widerstehen. Wenn das gesichert ist, werden sie alle erst einmal nach Hause gehen. „Dann gibt es hier in den nächsten Stunden nur noch Patrouillen“, sagt Plötze, „die kontrollieren die Schläuche und den Wasserstand.“ Am Dienstagmorgen soll das Hochwasser wieder steigen, so lautet die Prognose bislang – man werde sehen.
Ach, er wollte ja auch noch seine Frau anrufen!
Da klingelt Plötzes Telefon. „Doch, doch“, sagt er hinein, „Ihr Sohn ist schon auf dem Weg nach Hause. Der ist bestimmt gleich da.“ Er selbst wollte ja auch längst seine Frau angerufen haben, fällt Thorsten Plötze da ein, das macht er jetzt mal. „Ich muss ihr sagen, dass es mit dem Mittag heute nichts mehr wird.“ Aber heute Abend, da will er bei der Familie sein. „Was ist heute eigentlich für ein Tag? Ich komme schon ganz durcheinander. Ist doch noch Weihnachten, oder?“



