Hildesheim - Seit November fragen die Leute. „Wann kommt die Eisenbahn wieder?“ Bei Michael W. Schuler: pünktlich zur Weihnachtszeit. Es klingt wie ein Wintermärchen, stimmt aber tatsächlich. Wer’s nicht glaubt, kann sich an der Osterstraße 6 überzeugen. Dort an der Ecke, wo gerade Bagger die Straße aufwühlen, bleiben Kinder und Erwachsene stehen, um ins Schaufenster der Kaffee Rösterei Schuler zu blicken. Solange geöffnet ist, drehen dort sechs Modelleisenbahnen ihre Runden. Auf der anderen Seite steht dann oft Inhaber Schuler und blickt mit genauso großer Begeisterung in die strahlenden und staunenden Gesichter.
Seit sechs Jahren baut er die Strecke für seine Weihnachtszüge jeden Dezember auf. „In meiner Kindheit gab es in allen Schaufenstern zu dieser Zeit eine Eisenbahn“, erklärt der gebürtige Freiburger. 2016 eröffneten seine Frau und er die Kaffeerösterei in Hildesheim, 2018 vergrößerte sich der Laden auf die heutige Fläche. Dadurch hatte Schuler den Platz für sein Mini-Miniatur Wunderland. „Ich kann und will mir nicht anmaßen, mich damit zu vergleichen“, betont Schuler, auf die berühmte Anlage in der Hamburger Speicherstadt angesprochen. „Aber ich möchte den Leuten auch die Faszination und Begeisterung näher bringen.“
1185 Stunden stecken in der Anlage
Immerhin 21,79 Meter an Gleisen hat er schon verlegt. Etwa 1185 Arbeitsstunden stecken in der Strecke, die sich von der Eingangstür des Ladens in einer S-Kurve an der ganzen Fensterfront entlang zieht. Die sechs Züge rollen vorbei an einem Windrad, unter dem ein Hirte seine Schafe weiden lässt, drehen eine Runde um ein festlich geschmücktes Dorf mit Markt und Fachwerkhäusern, um in einen Bahnhof am Fuße eines Berges mit Seilbahn einzufahren. Überall gibt es Fabelhaftes zu entdecken: In einem Waldstück saust eine Hexe auf ihrem Besen durch die Luft, andernorts tanzen Schlümpfe um ein Lagerfeuer, und sogar Asterix und Obelix schlendern umher.
„Das ist eine Reise in die Kindheit“, erklärt Schuler. Jedes Jahr erweitert er die Anlage. Seit diesem Jahr steht ein Riesenrad im Weihnachtsdorf neben der Ladentür. Ein kleiner Trost dafür, dass Hildesheim dieses Jahr auf die Attraktion auf dem eigenen Weihnachtsmarkt verzichten müssen. Das Modell leuchtet nicht nur, sondern dreht sich auf Knopfdruck sogar. Diese interaktiven Elemente hat sich Schuler tatsächlich beim Miniatur Wunderland in Hamburg abgeschaut. Überall entlang der Anlage lassen sich per Knopfdruck kleine Aktionen auslösen. So beginnt zum Beispiel ein Holzfäller, die Scheite an seiner Hütte zu spalten.
Das Modellzentrum Hildesheim hilft
Die Technik bastelt Schuler selbst. Denn die Kaffee Rösterei ist lediglich sein Nebenjob. Er ist gelernter Luft- und Raumfahrttechniker und stellt Photovoltaikanlagen für die Industrie her. Viel an der Anlage ist deswegen Handarbeit. Alle 96 LED-Pünktchen am Weihnachtszug – eine Lok vom Typ BR98 „Glaskasten“ mit drei Waggons – hat er selbst angelötet. „Ich habe viel geflucht“, gibt Schuler zu und muss lachen. Wenn es ein Problem gibt, geht er zum Modellzentrum Hildesheim an der Peiner Landstraße. „Die Jungs helfen mir.“ Das ist ihm wichtig zu betonen. Ohne die Fachleute dort wäre er oft aufgeschmissen gewesen.
Schuler geht es darum, zu begeistern. Authentizität sind kein Kriterium. Deswegen zieht zum Beispiel eine BR216/V160 zehn Waggons voller Kaffeebohnen in unterschiedlichen Röstgraden hinter sich her. Das überdimensionierte Kaffeezubehör dazu transportiert ein Schwerlastzug, an dessen Spitze eine Krokodil Ce6/8 fährt. „So schön! Ich liebe diese Lok“, jauchzt Schuler. Da kommt das Kind in dem 41-Jährigen durch. Diese Reaktionen von kleinen und großen Betrachtern motivieren Schuler. Seine Frau hat sich schon darauf eingestellt, dass er ab Herbst zwei Monate lang an mindestens zwei Abenden in der Woche in der Garage verschwindet, um an neuen Attraktionen zu tüfteln.
Gibt es Getränke per Zug?
Es macht nicht nur Spaß, gibt er zu. Dieses Jahr hat er sich zum ersten Mal an Schnee gewagt. Die weiße Pracht aber korrekt auf jedes Kleinteil zu legen, ist Detailarbeit. „Das war nervig“, sagt Schuler. Genauso flucht er jedes Jahr wieder, wenn es gilt, die vier Module aus dem Keller hochzuhieven und durch die engen Flure zu manövrieren. Wenn er dann aber durch die Schaufenster in die großen Augen schaut, so kitschig das klingen mag, dann hat es sich gelohnt. Ein Stammkunde kam mal mit seinem Sohn, und der Sechsjährige streckte Schuler stolz seine eigene Holzeisenbahn entgegen. „Da hätte ich fast losgeheult“, gibt er zu.
Schon jetzt schmiedet er Pläne fürs nächste Jahr. Er will den Bahnhof und die Seilbahnstation ausbauen. Maße für das Holzmodell hat er schon genommen. Er sucht außerdem weiter eine S-Bahn, die über die Schienen fahren kann. Märklin stellt keine mehr her und einen privaten Verkäufer hat er noch nicht gefunden. Schuler hatte auch mal darüber nachgedacht, die Bestellungen der Gäste per Zug liefern zu lassen. Aber dann bräuchte er weitere Schienen als den H0-Standard, und dafür müsste er eine Strecke durch den ganzen Laden legen. Das ist ihm zu weit – noch.


