Hildesheim - Joggen im Winter bei Kälte, Nässe und Wind? Da muss man nicht nur den inneren Schweinehund überwinden, sondern sich vor allem richtig anziehen. Die passende Funktionskleidung ist wichtig, um Erkältungen, Muskelkrämpfen und Stürzen vorzubeugen.
Laura ist eine erfahrene Joggerin
Doch welchen Schuh soll man kaufen? Welche Laufjacke ist die richtige? Und vor allem: Was kostet der Spaß? Laura Pöschel, Volontärin bei der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung, wollte es wissen und ließ sich einkleiden. Die 29-Jährige hat Erfahrung: „Ich laufe drei- bis viermal in der Woche jeweils rund zehn Kilometer. Natürlich auch im Winter.“ Und doch erfuhr sie während der Beratung bei Sport Voswinkel in Hildesheim manch’ Überraschendes.
Fakt ist: Laufen ist gesund – auch im Winter. Man tankt Vitamin D und die freigesetzten Endorphine sind eine gute Medizin gegen den Winter-Blues. Also Turnschuhe schnüren, Pudelmütze aufsetzen, Wollpulli und dicke Winterjacke überstreifen, in die ausgeleierte Jogging-Hose schlüpfen – und los geht’s? „Keine gute Idee“, sagt Thorsten Wolpers. „Schlechtes Schuhwerk begünstigt Ausrutscher, Stürze und Fehlstellungen. Der schweißnasse Woll-Pullover transportiert keine Feuchtigkeit und in der labberigen Jogging-Hose bleiben die Beine eiskalt.“
Das Wichtigste zuerst: die Schuhe
Wolpers ist Filialleiter bei Sport Voswinkel in Hildesheim: „Ich arbeite seit 20 Jahren hier – und es macht immer noch großen Spaß.“ Zudem ist der 40-Jährige selbst leidenschaftlicher Läufer. „Fast jeden Tag geht’s raus. In diesem Jahr habe ich sogar meinen ersten Marathon geschafft.“ Keine Frage: Der Mann ist ein echter Experte.
„Fangen wir mit dem wichtigsten an“, sagt Wolpers und bittet Laura zur Laufanalyse in die Schuhabteilung. Die „Kundin“ soll über eine kleine Laufbahn gehen und zwischendurch zweimal abstoppen. Auf einem Monitor erscheinen ihre Füße mit farbigen Punkten und Flächen. „An den roten Stellen ist die Belastung am größten“, erklärt Wolpers. Man müsse bedenken, dass die Schuhe beim Joggen das dreifache Körpergewicht abfedern müssen.“ Heißt: Eine gute Dämpfung ist sehr wichtig.
Leichte O-Beine? Das wusste ich noch gar nicht
Dann soll Laura sich gerade hinstellen, um eventuelle Fehlstellungen zu erkennen. „Aha“, bemerkt der Fachmann. „Sie haben eine leichte O-Bein-Stellung“. Laura lächelt etwas gequält: „Das wusste ich noch gar nicht.“ Bei der Kniebeuge auf beiden Füßen stellt sich dagegen heraus, dass beide Knie stark nach innen drücken.
„Nicht schlimm“, meint Wolpers, schreitet zum Regal und holt einen Laufschuh: Voilà, das Modell „Ghost“ von Brooks – und zwar die Goretex-Variante. „Da kommt auch keine Feuchtigkeit durch, wenn ich den Schuh unter den laufenden Wasserhahn halten würde“, beteuert er. Die Sohle habe eine sehr gute dämpfende Wirkung. Zudem habe der Schuh einen guten Grip. „Auf Asphalt kommt man nicht ins Rutschen und auch im Wald und Gelände ist man damit gut unterwegs.“ Dazu empfiehlt Wolpers Socken von CEP („sitzen eng und angenehm“) sowie Einlegesohlen der Marke Currex („sorgen für zusätzlichen Halt“).
Laura macht den Test. Im linken Schuh trägt sie eine Einlage, im rechten nicht. Sie staunt: „Der Unterschied ist deutlich spürbar. Mit Sohle laufe ich wie auf Wolken.“ Allerdings hat das softige Laufgefühl seinen Preis. Die Brooks-Schuhe kosten 170 Euro, für die Einlagen zahlt man 44,95 Euro und die Socken gibt es für 19,95 Euro. Wolpers nickt: „Nicht günstig, aber an den Schuhen und Einlagen sollte man definitiv nicht sparen.“
Günstigere Alternative bei der Laufhose
Wie sieht es mit Hose, Shirt und Jacke aus? Gibt es dort Einsparpotenziale? Wolpers nimmt eine lange Laufhose von Adidas vom Bügel. „Sehr gutes Material“, betont er. „Atmungsaktiv und wärmend durch eine Fleece-Beschichtung.“ Kostenpunkt: 65 Euro.
Lara zuckt ein wenig: „Geht es auch etwas günstiger?“ Wolpers nickt und präsentiert das Modell „Patani“ von Energetics. Energetics ist die Exclusivmarke der Intersport“, erklärt er. „In der Regel nicht so hochpreisig wie viele andere Marken, aber von der Qualität fast genauso gut.“ Laura blickt auf das Preisschild: 39,99 Euro. „Das ist okay.“
Laufshirt mit Wärme-Isolierung
Auch bei Unterhemd und Langarmshirt sind Feuchtigkeitstransport und Wärme-Isolierung wichtige Aspekte. Laura probiert einige Sachen an und entscheidet sich für Unterwäsche von McKinley (39,99 Euro) und ein Langarmshirt aus Polyester mit Fleece-Komponente von Adidas (45 Euro) . „Fühlt sich fast an wie eine zweite Haut“, sagt sie.
„Eine sehr gute Wahl“, bemerkt Wolpers. Er erläutert: „Auch im Winter sollte man sich beim Joggen nicht zu dick einpacken.“ Im Gegenteil: „Beim Start sollte man eher noch leicht frieren und nach rund zwei Kilometern seine Wohlfühl-Körpertemperatur erreicht haben. Gute Funktionskleidung speichert die Wärme, die der Körper produziert und gibt sie ab, damit sie sich nicht staut und man zu sehr schwitzt.“
Laufjacke mit Reflektoren
Diese Eigenschaften sollte auch die Laufjacke haben. Laura hat es ein Modell von Adidas angetan: „Sehr leicht und schöne Farbe.“ Zudem sind Reflektoren eingearbeitet. „Das ist gerade in der dunklen Jahreszeit sehr sinnvoll, damit man von Auto- und Radfahrern frühzeitig erkannt wird“, sagt Wolpers. Das gute Adidas-Stück kostet stattliche 75 Euro. Günstiger ist wiederum die vergleichbare Energetics-Variante (59,99 Euro). Laura überlegt: „Beide sind gut, aber die Adidas-Jacke ist etwas schicker.“
Recht erheblich ist die Preisspanne auch bei den Handschuhen. Zwischen 15 und 40 Euro kann man wählen. „Hier muss man sich nicht unbedingt für die teuerste Variante entscheiden“, meint Wolpers.
Fehlt noch die Kopfbedeckung. Auch die Auswahl an Mützen ist vielfältig. „Die meiste Wärme entweicht über den Kopf“, erklärt Wolpers. Deshalb sollte man unter der Mütze weder zu viel schwitzen noch frieren.“ Auskühlung sei die größte Gefahr, sich eine Erkältung oder Grippe einzuhandeln. Laura hat einen Favoriten: „Moby 4 UX“ von Energetics, eine leichte und bequeme Mütze aus Elasthan und Stretchfleece. „Und auch der Preis stimmt“, findet sie. 14,99 Euro kostet das Stück.
Und nun die Rechnung, bitte!
Rechnen wir mal zusammen: Laufschuhe 170,00 Euro, Einlagen 44,95 Euro, Socken 19,95 Euro, Laufhose 39,99 Euro, Unterhemd 39,99 Euro, Langarmshirt 45,00 Euro, Laufjacke 75 Euro, Handschuhe 15 Euro, Mütze 14,99 Euro. Macht unter dem Strich 464,87 Euro.
Da wird manch’ einer schlucken. Zudem locken Discounter und Internet-Anbieter eventuell mit günstigeren Produkten. „Man kann natürlich auch dort kaufen“, sagt Filialleiter Wolpers. „Ob die Qualität dann aber immer stimmt, ist eine ganz andere Frage.“
Seine persönliche Meinung: „Man muss ja nicht gleich die ganze Komplett-Ausrüstung kaufen. Lieber ein gutes Produkt erwerben, das lange hält, als Billigware, die nach wenigen Wochen schon verschlissen ist. Zudem können Artikel, die für die eine Person gut sind, bei anderen genau das Gegenteil bewirken.“
Jeder Sportler benötigt eine individuelle Beratung
Jeder Sportler benötige deshalb eine individuelle Beratung. „Vor allem, wenn man wie Laura die Ausrüstung häufig im Einsatz hat. Aber auch Anfänger sollten sich vor allem bei der Auswahl der Laufschuhe sehr gut informieren, denn Joggen soll ja Spaß machen und nicht zur Qual werden, weil man die falschen Schuhe trägt.“ Wolpers betont: „Ich möchte, dass unsere Kunden das Geschäft mit einem guten Gefühl verlassen.“
Und wie fühlt sich Laura? „Sehr gut“, sagt sie. „Morgen früh wird wieder gejoggt.“
Von Thorsten Berner und Laura Pöschel







