Hildesheim - Der mit den Puppen spricht: Sascha Grammel hat sich als Bauchredner inzwischen einen sehr bekannten Namen gemacht – zusammen mit seinen illustren Geschöpfen. Nun gastiert er am Dienstag, 25. April, in Hildesheim mit seinem Programm „Fast fertig“ in der Halle 39. Vorab verrät er im HAZ-Interview seine Angst vor einer Krankheit, seine Lieblingspuppen, sein erklärtes Lebensmotto – und wo Grammel-Island eigentlich genau liegt.
Haben Sie mit Ihrer Bauchrede-Kunst schon mal Leute im Alltag verwirrt oder erschreckt – also in der Bahn oder im Geschäft unauffällig gesprochen?
Nein, so etwas habe ich noch nie gemacht. Erschrecken und verwirren ist, ehrlich gesagt, nicht so mein Ding. Ich möchte mit meiner Art Comedy sogar genau das Gegenteil erreichen. Die Menschen sollen sich bei mir wohlfühlen, von Herzen lachen und sich sicher sein können, dass es so etwas wie eine „negative Überraschung“ bei mir in den Shows nicht geben wird. Bauchredner-Ehrenwort!
Überraschend ist immer wieder Ihre Kunst: Was muss man besonders gut trainieren, um so unauffällig sprechen zu können?
In erster Linie die Zunge, da diese im Zusammenspiel mit den oberen Frontzähnen die Funktion der Lippen übernimmt. Somit kann eine sichtbare Lippenbewegung eliminiert werden, da alle Labiallaute (V, W, P, B, M, F) beim Bauchreden mit der Zunge geformt werden. Somit stolpert man zu Beginn leider immer wieder genau über diese sechs Buchstaben, die für Anfänger eine große Herausforderung darstellen und deshalb im Text gerne, soweit es geht, vermieden werden.
Müssen Sie überhaupt noch trainieren?
Ja! Oder sagen wir, meine Sprechtechnik regelmäßig überprüfen. Denn dass ich auf Tour fast jeden Abend spiele, macht mich technisch nicht zwingend besser oder sauberer. Im Gegenteil. Oft verleitet es mich sogar, etwas zu lässig und schluderig zu sprechen, sodass sich auch schnell mal die eine oder andere Unsauberkeit einschleicht, die ich mir dann wieder mühsam abtrainieren muss. Ich denke, kein Bauchredner ist wirklich perfekt, ich also auch nicht. Jeder hat seine individuellen Stärken und Schwächen. Bei mir waren es etwa anderthalb Jahre, bis ich mit der Sprechtechnik technisch einigermaßen sicher und bühnentauglich war. Aber man hört eigentlich nie auf, weiter Bauchreden zu üben.
Kann ein Bauchredner eigentlich heiser werden?
Oh, ja. Wenn ich zum Beispiel erkältet bin, hört man das zuerst an Josies Stimme. Die ist so hoch und auch eher zart und manchmal geradezu gehaucht, dass, wenn ich heiser werde, sie sozusagen „verschwindet“, einfach weil ich in der Höhe nicht mehr genug Druck erzeugen kann, so dass noch ein hörbarer Ton aus mir herauskommt. Schlimmer als Heiserkeit oder Husten ist aber Schnupfen: Beim Bauchreden nutzt man eine bestimmte Atemtechnik, denn ich selber rede ja eigentlich ununterbrochen durch – entweder redet die Puppe oder ich, sprich: immer ich – und da ist das Luftholen ganz entscheidend. Deshalb kann ich bei einer richtig schweren Erkältung leider auch beim besten Willen nicht auftreten.
Ist die Schildkröte Josie eigentlich Ihr Liebling in der Puppentruppe?
Wenn ich eine Lieblingspuppe hätte, würde ich das natürlich niemals öffentlich sagen. Ich würde sonst mächtig Ärger mit allen anderen Puppen bekommen. (lacht) Frederic meint ja, er wäre meine unbestrittene Nummer Eins. Ich verrate jetzt aber mal was: Ich habe tatsächlich eine Lieblingspuppe, aber die wechselt bei mir immer wieder. Das hängt nämlich meist von meiner jeweiligen Tagesform ab. Bin ich zum Beispiel selbst sehr albern und aufgedreht, liegen mir Charaktere wie der berlinernde Katzenfisch Mieze oder der skurrile Humor von Prof. Dr. Peter Hacke näher als sonst. Bin ich etwas frecher drauf, habe ich natürlich am meisten Spaß an Frederic, bin ich selbst mal etwas melancholischer oder harmoniebedürftiger als sonst, dann fühle ich mich mit dem naiven Charme von Schildkrötendame Josie am wohlsten. So ist das an jedem Tag immer irgendwie anders. Am Ende habe ich aber alle Puppen gleich lieb.
Sie wirken immer so freundlich und gut gelaunt – Ihre Puppen nicht unbedingt. Wer erzieht hier wen?
Zuerst einmal bin ich wirklich ein von sich aus fröhlicher, positiv gestimmter Mensch. Man muss mich schon sehr oder sehr lange ärgern, dass ich meine gute Laune verliere. Und unfreundlich ist bei mir im Programm, auf der Bühne, und in der ganzen Puppenfamilie niemand. Wir sind alle miteinander befreundet. Aber wie das in jeder guten Freundschaft ist, hat man auch mal Tage, an denen man den anderen ein bisschen aufzieht und ärgert – aber immer im freundschaftlichen Rahmen. Ernsthaft beleidigt oder sogar verletzt wird bei mir definitiv niemand. Meine Puppet Comedy ist ja ganz bewusst FSK 0. Und da bin ich auch stolz drauf. Mein Humor geht niemals auf Kosten anderer. Und wenn, dann auf meine Kosten.
Das klingt sehr harmonisch. Schimpfen Sie denn privat mal mit sich selbst – so von Stimmband zu Bauch?
Wenn das so wäre, dann sollte ich wohl mal einen entsprechenden Doktor aufsuchen. (lacht)
Wer kreiert eigentlich die Grammel-Familie?
Die Puppencharaktere denke ich mir schon selbst aus. Natürlich bespreche ich meine Ideen dann aber ausgiebig mit meinem Team. Da bin ich sicher alles andere als beratungsresistent und höre wirklich jedem zu, der eine Ergänzung oder auch eine Kritik an den ersten Fassungen hat. Die finale Realisierung und Herstellung der Puppen sind dann ein monatelanger, sehr, sehr liebevoller Prozess. Denn am Ende soll ja ein neuer Bühnencharakter entstehen, der in meine Grammelfamilie passt und den die Menschen im Idealfall sofort sympathisch und authentisch finden.
Hat die Corona-Zeit eventuell neue Kreaturen hervorgebracht?
Nein, die Corona-Zeit war für mich wirklich nicht lustig.
Haben Sie sich deswegen auf Grammel-Island gebeamt?
Grammel-Island ist eine wunderschöne karibische Südseeinsel, nur einen Katzenwurf von Pompulompusien entfernt, mit einem Berg, ein paar Palmen, viel weißem Pulversand und mir darauf. Alles Weitere erfährt man nur, wenn man sich mein aktuelles „Fast fertig!“-live-Programmel anschaut.
Naja, Ihre Show ist hier in Hildesheim so gut wie ausverkauft – wie eigentlich überall. Ist Ihr neues Programm „Fast fertig!“ etwa noch im Entstehen?
Alle bisherigen Programmtitel haben etwas Autobiographisches. „Hetz mich nicht!“ beschreibt meinen etwas lockeren Umgang mit der Zeit im Allgemeinen und der Pünktlichkeit im Besonderen. „Keine Anhung“ unterstreicht schon beim bewusst falsch geschriebenen Titel, welches Etikett mich wohl am treffendsten beschreiben würde. Und „Ich finds lustig!“ ist mein unerschütterliches Lebensmotto: Bloß alles nicht so ernst nehmen. Tja, und „Fast fertig!“? Na, wer mich kennt, der weiß, dass ich niemals mit etwas, dass ich mache, so ganz und gar zufrieden bin. Und das gilt selbstverständlich im Besonderen für meine Live-Programme. Eigentlich arbeite ich von der ersten Idee über die Premiere, die TV-Aufzeichnung, bis hin zur letzten Aufführung immer weiter am Ablauf und Inhalt. Das bedeutet, dass eigentlich keine einzige Show ist wie die davor. Ich bin jeden Abend selbst überrascht, was da so alles passiert.
Wenige Restkarten für das Gastspiel von Sascha Grammel am Dienstag, 25. April, in der Halle 39 gibt es noch online und unter Umständen an der Abendkasse.


