Hildesheim - Wie viele künstliche Kniegelenke er schon eingesetzt hat? Dr. Christian Warzecha weiß es nicht genau, irgendwann habe er aufgehört zu zählen, sagt der Orthopäde und Chirurg, der ärztlicher Leiter der Hildesheimer Otos-Praxisklinik ist. Dass das Knie nicht nur eine filigrane Schwachstelle des menschlichen Körpers ist, sondern auch eine finanzielle im Gesundheitssystem veranschaulicht, dazu später mehr.
Volkskrankheit Arthrose – vor allem im Knie
Arthrose – durch Knorpelabbau verursachte Gelenkschäden – scheint inzwischen eine regelrechte Volkskrankheit zu sein, und das nicht nur bei Frauen und Männern im hohen Seniorenalter. Unter anderem führen Fehlbelastungen sowie starke Überbeanspruchung und Verletzungen bei jüngeren Menschen zu starken Knieproblemen – mitunter ist deutliches Übergewicht Ursache. Christian Warzecha verweist auf Studien, nach denen ein höherer Fettanteil im Oberschenkel das Knorpelvolumen im Knie messbar reduziert, auch Herz-Kreislauferkrankungen erhöhten das Risiko für eine Kniearthrose deutlich.
2022 waren deutschlandweit rund 820.000 Patienten mit entsprechender Diagnose in stationärer Behandlung –das waren 50 Prozent mehr als im Jahr 2000. Die Zahl der Knieprothesen-Implantationen ist im Zeitraum von 2013 bis 2022 gemäß Daten des Statistischen Bundesamtes von 143.000 auf 199.527 gestiegen. Dass die Eingriffe alle tatsächlich medizinisch unbedingt notwendig waren, daran gibt es aber auch zumindest Zweifel. Manche Experten sahen immer wieder die im Gesundheitssystem verankerten Fallpauschalen als Ursache: Die Zahlungen der Kassen pro Eingriff könnten als Anreiz dienen, möglichst viele Operationen durchzuführen. Der Leiter der 2022 zur Vorbereitung einer bundesweiten Krankenhausreform eingesetzten Regierungskommission. Prof. Dr. Tom Bschor, erklärte Anfang 2023 etwa, sinkende Pauschalen würden den Anreiz senken, etwa „Knieprothesen selbst bei fraglicher Indikation einzubauen“.
Einen Fehler im System macht auch Christian Warzecha aus. Es sei richtig, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern verhältnismäßig viele Knieendoprothesen implantiert würden. „Der Arzt als Behandler steht in einem Interessenkonflikt zwischen der hohen Anspruchshaltung der Patienten und den Budgetierungen der Krankenkassen“, sagt der Hildesheimer Mediziner. „Sehr viele konservative Therapien, die bei konsequenter Nutzung einen großen Behandlungserfolg für den Patienten bringen würden, werden von den gesetzlichen Kassen nicht bezahlt – eine OP jedoch wird zu 100 Prozent übernommen.“
Lieber operieren? Das Problem mit der Kassenzahlung
Konservative Behandlungsmethoden wie von Warzecha angesprochen sind etwa Akkupunktur, Magnetfeldbehandlungen, längerfristige Krankengymnastik, das Spritzen von Hyaluronsäure oder die Behandlung mit ACP – die Abkürzung steht für Autologes Conditioniertes Plasma: Aus dem Blut des jeweiligen Patienten gewonnenes, thrombozytenreiches Plasma als Wachstumsfaktoren, das in konzentrierter Form injiziert wird, um das Knorpelwachstum anzuregen. Die Erfolge seien gut, sagt Warzecha. Der Nachteil: Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nicht, für eine Behandlung muss der Patient Kosten von rund 130 Euro tragen.
Um bei schwerwiegenden Knorpelschäden seltener künstliche Kniegelenke einzusetzen, wenn konservative Methoden nicht zum Erfolg führen oder Patienten sie nicht bezahlen können, setzt Warzecha – vor allem bei Patientinnen und Patienten unter 65 Jahren –, inzwischen auf einen aus der ACP-Therapie weiterentwickelten Eingriff, der in den USA seit gut fünf Jahren angewandt wird, in Deutschland aber noch nicht weit verbreitet ist. In Hildesheim ist Warzecha bisher der einzige Arzt, der die AutoCart genannte Methode praktiziert. Es geht auch um einen operativen Eingriff, der findet aber minimalinvasiv statt und soll möglichst zum Erhalt des Gelenks führen. „Die Knorpel-Chirurgie ist wirklich ein tolles Verfahren. Das sollten wir den Patienten nicht vorenthalten“, sagt Warzecha. Gerade bei Jüngeren – die Altersgruppe 45 bis 60 Jahre – sollte man Prothesen möglichst vermeiden. „Ein künstliches Gelenk hält maximal 20 Jahre und bei jeder OP wird der Eingriff größer. Vor 65 sollte man möglichst auf Implantate verzichten.“
„Ein optimales Verfahren“: Christian Warzecha ist überzeugt
Vereinfacht gesagt passiert bei der AutoCart-Methode dies: Der Chirurg schabt aus dem großflächig beschädigten Knieknorpel Gewebe heraus, filtert Knorpelzellen heraus, ehe die gereinigte Masse mit aufbereiteten Blutbestandteilen des Patienten zu einer Paste vermischt wird. Diese trägt der Arzt dann auf den Knorpel auf und verschließt somit die beschädigte Stelle. Der Eingriff ist deutlich weniger aufwändig, dauert nur rund 45 Minuten, zudem trägt der Patient hinterher keinen Fremdkörper in sich. „Es ist alles körpereigenes Material, das benutzt wird“, sagt Warzecha. „Ein optimales Verfahren.“ Der Hildesheimer wendet die Methode seit gut einem Jahr an, hat bisher zwölf Personen mit der AutoCart-Methode behandelt; die Resonanz sei bisher positiv. Wichtig sei, dass Patienten das Knie direkt nach der OP schonen und anschließend durch Physiotherapie beweglich machen und gezielt stärken. „Es gibt ein strenges Nachbehandlungsregime“, stellt der Chirurg klar. Die beste OP bringe wenig, wenn Patienten sich hinterher nicht an die Vorgaben halten. Warzecha ist sich sicher: „Wer so etwas auf sich nimmt, der tut alles dafür, dass es gelingt.“


