Kreis Hildesheim - Die beiden Autos prallen bei Astenbeck auf der Kreuzung in Höhe der Abzweigung Schlossstraße gegeneinander. In dem einen Fahrzeug, ein Skoda, sitzt eine Familie mit zwei Kindern, in dem anderen ein Fahrer aus Holle mit Begleitung. Der Zusammenstoß ist so heftig, dass bei dem Skoda der eingebaute E-Call ausgelöst wird. Jenes vollautomatische Notrufsystem, das nach einem schweren Verkehrsunfall selbstständig Rettungswagen, Notarzt und Feuerwehr alarmiert.
So macht sich an diesem Tag im Juni sofort ein Großaufgebot an Rettungskräften auf den Weg zur Kreisstraße 305 in der Gemeinde Holle: ein Notarzt, vier Rettungswagen, die Feuerwehren aus Holle, Grasdorf und Derneburg-Astenbeck sowie der Rüstwagen der Feuerwehr-Technischen-Zentrale Groß Düngen. Und auch zwei Streifenwagen aus Bad Salzdetfurth eilen zur Unfallstelle. Also umgehend das ganz große Aufgebot. Aber ist das notwendig?
Rettung unterwegs – bevor jemand angerufen hat
Vor Ort stellt sich dann die Lage für die Einsatzkräfte doch weniger dramatisch dar. Niemand ist im Fahrzeug eingeklemmt, leicht verletzte Personen – hauptsächlich Blechschaden. Das konnte die E-Call-Technik allerdings nicht übermitteln. Solche Systeme sind seit 2018 für Fahrzeuge mit neuer Typenzulassung vorgeschrieben. Ziel ist, die Rettungszeiten deutlich zu verringern – und somit auch die Zahl der Verkehrstoten. Experten zufolge sinkt die Überlebenschance bei lebensgefährlich Verletzen pro Minute um zehn Prozent. Langfristig soll das E-Call-System europaweit rund 2500 Menschenleben im Jahr retten. Denn die Rettung ist schon unterwegs, noch bevor irgendjemand angerufen hat.
Das funktioniert so: Die Technik ist im Auto fest verbaut, die Alarmierung kostenlos. Bei einem Unfall werden Crash-Sensoren ausgelöst, was durchaus auch schon bei stärkeren Blechschäden der Fall sein kann. In Sekundenschnelle werden die GPS-Daten des Standorts, die Zahl der angeschnallten Insassen, die Antriebsart wie Benzin, Diesel, Gas oder Elektro sowie andere Infos automatisch übermittelt. Das kann für die Rettungskräfte schon vor der Ankunft am Unfallort sehr wichtig sein, um gezielt Sofortmaßnahmen starten zu können.
Leitstelle geht von schlimmstmöglichen Fall aus
Sogar eine automatische Sprechverbindung zur nächstgelegenen Rettungsleitstelle ist vom Unfallauto aus möglich. Wenn die Leitstelle dann aber keine Antwort erhält, muss sie vom schlimmstmöglichen Fall ausgehen – alle Betroffenen sind so schwer verletzt, dass sie nicht mehr reagieren können. Möglich ist aber auch, die Person aus dem Unfallauto ist bereits ausgestiegen und reagiert deswegen nicht auf die Nachfrage aus der Leitstelle.
Das ist ein typisches Beispiel für einen Fehlalarm. „Die Sprechverbindung wird mit der Notrufnummer 112 verbunden – nicht mit der 110“, erläutert Kristin Möller, Sprecherin der Polizei Hildesheim, auf Nachfrage. Zu Fehlalarmen mit sogenannten E-Call-Systemen könne die Polizei daher keine Informationen liefern.
Auch die Technik kann sich irren
Wohl aber die Berufsfeuerwehr in Hildesheim, die genaue Zahlen nennen kann: „In diesem Jahr hatten wir schon 266 E-Calls“, antwortet Patrik Grieger, Leiter der Rettungsleitstelle Hildesheim. Aber nicht nur die beteiligten Menschen, auch die Technik kann sich irren. Denn: „Die allermeisten Fehlalarme waren entweder fälschlicherweise ausgelöst worden oder dienten zu Schulungszwecken.“ Lediglich bei 17 Fällen kam es zu einem Einsatz der Feuerwehr. Oft können die betroffenen Autofahrer über die Sprechverbindung auch selbst mitteilen, dass es sich um eine Fehlalarmierung handelt.
Zusammenfassend lasse sich sagen, dass Fehlalarme durchaus vorkommen. „Allerdings sind sie deutlich in der Minderheit und stellen in dieser Anzahl für uns als Leitstelle und für die Feuerwehr kein Problem und keine Belastung dar“, bilanziert Grieger. Und: Grundsätzlich ist es besser, einmal zu viel rauszufahren, als zu wenig – gerade, wenn es darum gehe, Menschenleben zu retten.
Vollautomatische Notrufe auch per Handy
Dennoch könnte die Alarm-Tendenz in Zukunft steigend sein: Denn nicht nur immer mehr Neuwagen sind mit der E-Call-Technik unterwegs, sondern auch immer mehr Menschen haben ein Smartphone in der Tasche oder eine Smartwatch am Handgelenk, die ebenfalls vollautomatische Notrufe absetzen können.
Text: Mitarbeit Thomas Wedig
