Sarstedt - Ins Haus ist der neue Mitbewohner noch nicht gekommen – aber drumherum hinterlässt er unübersehbare Spuren: „Er frisst in unserem Garten alle Bäume an – und unsere Koniferenhecke sieht aus, als wäre eine Herde Elefanten durchgebrochen“, klagt eine Sarstedter Hausbesitzerin. Ihre Befürchtung: „Ich glaube gar, er wohnt bei uns! Was kann man da tun?“
„Er“ ist, das ist anhand seiner Hinterlassenschaften unbestreitbar, ein Biber. Deren Zahl hat in Stadt und Landkreis Hildesheim in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Entlang von Innerste und Leine sowie ihren Zuflüssen, aber auch in den Kiesseen im Leinetal breiten sich die Nager immer weiter aus. Zuletzt hatten Nabu-Experten im Kreisgebiet insgesamt 26 Reviere identifiziert, rund 100 Tiere könnten sie bevölkern. Fast automatisch kommen die Biber damit auch öfter in die Nähe menschlicher Ansiedlungen, gerade dort, wo Grundstücke ans Wasser heranreichen wie im Fall der Sarstedterin.
Streng geschützt
Nagt der Biber an Bäumen im Garten und damit auch an den Nerven der Hausbesitzer, müssen letztere allerdings sehr zurückhaltend reagieren. „Biber sind in Deutschland heimisch und gelten seit den 50er Jahren in vielen Regionen als ausgestorben. Sie gehören dementsprechend zu den besonders und streng geschützten Arten“, betont Carsten Lippe, Pressesprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Er mahnt: Biber zu fangen, zu verletzen oder zu töten ist streng verboten. Auch seine Fortpflanzungs- und Ruhestätten zu stören oder gar zu zerstören sei strengstens untersagt.
Doch es ist auch nicht so, dass man gar nichts tun darf: „Als einfachste, schnellste und zumeist auch ausreichende Maßnahme zum Schutz von Bäumen kann eine Ummantelung mit Maschendraht dienen“, erklärt Lippe. „Diese schützt in der Regel sehr effizient vor Nageschäden durch den Biber.“ Weitere Schritte zur Vergrämung besonders an den geschützten Fortpflanzungs- und Ruhestätten wie dem Biberdamm, seien hingegen nur mit einer „artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung“ gestattet, die bei der Unteren Naturschutzbehörde, also beim Landkreis Hildesheim, zu beantragen wäre.
„Drahthose“ als Lösung
Die Bäume im Zweifel zu „verdrahten“, empfiehlt auch Corinna John vom Umweltschutzverband Nabu, der sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Biber-Population in Niedersachsen befasst hat. „Bäume lassen sich leicht mit einem Stück Kaninchendraht schützen“, rät John. „Man wickelt es unten um den Stamm, schon kann der Biber nicht mehr daran nagen.“ Auf öffentlichen Grundstücken entlang der Ufer seien solche unter dem Suchbegriff „Drahthosen“ zu findenden Anlagen längst eine Routinemaßnahme zum Schutz vor Verbiss. Sie sind für einstellige Euro-Beträge zu bekommen.
Ansprechpartner vor Ort
Mit Dieter Mahsarski wohnt zudem ein absoluter Biber-Experte des Nabu in Heyersum und kommt im Einzelfall auch zu Betroffenen nach Hause, um mögliche Maßnahmen zu besprechen. Er ist über den Nabu in Laatzen (0511/8790110) zu erreichen.
Carsten Lippe vom NLWKN macht zudem Hoffnung darauf, dass der Biber im Garten der sich sorgenden Sarstedter Hausbesitzerin jetzt nicht einfach das ganze Jahr über weitermacht. „Auch wenn Biber große Bäume benagen können, sind diese Aktivitäten vor allem auf die Wintersaison beschränkt, da die Tiere in dieser Zeit nur unzureichend krautige Vegetation vorfinden.“
Langfristig und grundsätzlich könne es zudem helfen, strukturreiche und naturnahe Auenlandschaften an Fließgewässern wieder herzustellen. Das schafft auch für Biber zusätzliche Lebensräume – und macht Hausgärten uninteressanter.
