Kolumne „Unter uns“

Wenn schon Fehler, dann bitte mit Ausreden – und was wir sonst noch vom Tennis lernen können

Hildesheim - Eigene Fehler verschweigen oder sich überschwänglich entschuldigen? Wenn es nach HAZ-Kolumnistin Julia Haller geht, könnte ein offener Umgang mit Fehltritten helfen – wie beim Tennis.

In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller abwechselnd zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Als würde die Fußballweltmeisterschaft nicht genug mit meinem Schlafrhythmus Tango tanzen, bin ich jetzt auch noch im Tennisfieber. Wie du weißt, liebe Katharina, kann ich mich für die meisten Sportarten begeistern – ob Fußball, Basketball, Curling oder Synchronturmspringen.

Von Tennis habe ich bislang aber die Finger gelassen, weil die Begrifflichkeiten mir schlichtweg zu albern waren. Match, Spiel, Satz – und wer keine Punkte macht, hat Love? Da hat wohl jemand beim Erstellen des Regelwerks ein bisschen zu tief ins Champagnerglas geschaut. Egal, jedenfalls bin ich jetzt voll drin. Und merke schnell: Tennis ist nicht nur spannend, sondern auch aus philosophischer Sicht durchaus interessant.

Fehlerkultur beim Tennis

Da gibt’s nämlich eine Fehlerkultur, von der wir vielleicht sogar etwas lernen können. Denn wenn es ums Nachspiel von Fehlern geht, hat jeder ja seine eigene Strategie. Totschweigen ist eine Methode, überschwängliches Entschuldigen eine andere. Im Tennis ist es so, dass die Fehler gezählt werden – und zwar in den Kategorien erzwungen und unerzwungen.

Erzwungene Fehler sind solche, die ein Spieler macht, weil der andere Spieler ihm keine andere Wahl gelassen hat. Die will man natürlich lieber machen – wenn schon Fehler, dann wenigstens mit Ausrede. Die unerzwungenen, tja, das sind die Fehler, die passieren, ohne dass es besonderen Druck gibt. Da heißt es von den Kommentatoren also zwischendurch, die Naomi Osaka, die hat jetzt schon acht unerzwungene Fehler gemacht.

Wie gehen wir mit Fehlern um?

Was das wohl mit einem macht, die eigene Fehlerstatistik nach dem Match ganz konkret um die Ohren gehauen zu bekommen? Stell dir das mal in anderen Branchen vor. Am Ende des Arbeitstages steht der Chef vor der Tür und sagt, du hast heut aber viele unerzwungene Fehler gemacht, mach morgen mal lieber nur welche unter stressigen Bedingungen. Dem könnte man dann aber natürlich seine eigene öffentliche Fehlerquote entgegenbringen: Hast doch selbst unerzwungene gemacht! Schau doch mal auf deine Statistik! Praktisch oder unangenehm?

Vielleicht wäre das gar keine schlechte Idee: eine Welt, in der nicht nur die Fehler der anderen sichtbar sind, sondern auch die eigenen. Vielleicht wären wir da alle etwas gnädiger miteinander. Denn Fehler machen wir ja am Ende alle mal. Die erzwungenen, die unerzwungenen. Nur die, an denen der Wind Schuld trägt, gibt’s leider nur im Tennis.


In der Kolumne „Unter uns“ schreiben die HAZ-Redakteurinnen Katharina Brecht und Julia Haller im Wechsel über Themen, die nicht nur Frauen um die 30 bewegen.

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