Reportage

Wer hier am Steuer sitzt, braucht ein gutes Auge und ein dickes Fell: Unterwegs auf Gelbe-Tonnen-Tour in Hildesheim

Hildesheim - Rainer Lang fährt seit 35 Jahren für den ZAH Müllwagen in Stadt und Landkreis Hildesheim. Dass es auf seinen Touren nur noch um Gelbe Tonnen und nicht mehr um Säcke geht, wollen immer noch nicht alle wahrhaben. Wer mit Lang und seinen beiden Kollegen unterwegs ist, lernt aber schnell: Das ist nicht das größte Hindernis in diesem Job.

Hildesheim - Ja klar weiß er, dass es nicht gesund ist, sagt Rainer Lang, als er das Seitenfenster runterfährt und die E-Zigarette zum Mund führt. Aber: Weniger schädlich als richtige Zigaretten immerhin, von denen er Jahrzehnte lang eine Packung am Tag geraucht hat. Nach dem Schlaganfall 2021 war dann Schluss. Seitdem also diese Dampfdinger. „Auch ungesund, aber es beruhigt“, sagt Lang, während sein Blick unablässig zwischen Rückspiegel und den kleinen Bildschirmen am Armaturenbrett hin und her wechselt. Welche der diversen Kameras seines Müllfahrzeugs dort welches Bild zeigen soll, kann er auf dem Touchdisplay wählen. „Hier ist so viel Elektronik im Wagen verbaut, das ist der Wahnsinn“ sagt Lang. Der 61-Jährige mit dem grauen Schnäuzer und den kurzen Bartstoppeln am Kinn kennt ganz andere Zeiten, schließlich ist er schon seit knapp 35 Jahren als Fahrer in Sachen Müllentsorgung in Stadt und Landkreis unterwegs. Nach der Schule lernt er erst Kfz-Mechaniker, findet dann aber keine Stelle, schult schließlich um und wird Berufskraftfahrer.

Drecksack, Arschloch, was ich schon alles gehört habe...., ich hab’ aufgehört zu zählen, wie viele Stinkefinger ich schon zu sehen gekriegt habe

Rainer Lang, Fahrer beim ZAH über aggressive Autofahrer

„Junge, Junge, du siehst es doch!“, entfährt es ihm plötzlich, als mal wieder ein Autofahrer besonders dicht auffährt, drängelt und trotz der engen Straße zum Überholen ansetzt. Einer, der es nicht aushält, 20, 30 Sekunden hinter dem knallorangenen Mercedes-Laster des Zweckverbands Abfallwirtschaft (ZAH) abzuwarten, bis er freie Fahrt hat.

Auf einem der Bildschirme zeigt die Kamera am Heck des Müllwagens, wie der Autofahrer Langs mit den Gelben Tonnen beschäftigten Kollegen Michael Pulina und Berisha Binak viel zu nah kommt und fast in die Hacken fährt. „Man braucht schon ein dickes Fell“, konstatiert Lang. Woher diese Grundaggressivität und Ungeduld vieler Autofahrer komme? Keine Ahnung, kann er sich auch nicht erklären. „Drecksack, Arschloch, was ich schon alles gehört habe...., ich hab’ aufgehört zu zählen, wie viele Stinkefinger ich schon zu sehen gekriegt habe.“ Wer ein paar Stunden mit Lang auf einer Gelbe-Tonnen-Tour in Hildesheim unterwegs ist, der versteht, warum ihm ein beruhigender Zug an der E-Zigarette ab und zu vielleicht ganz gut tut. Und dabei ist es an diesem Dienstagmorgen in der Hildesheimer Neustadt vor Ostern noch eher ruhig: Es sind Ferien. „Zur Schulzeit ist es hier verrückt, da brauchste da irgendwann gar nicht mehr langzufahren“ sagt Lang in der Braunschweiger Straße und deutet mit einem Kopfnicken Richtung Goethegymnasium. Stichwort Eltern-Taxis.

Gelbe Tonne statt Sack – daran halten sich immer noch nicht alle Hildesheimer

Etwas später sind er, Pulina und Binak in der Annenstraße angekommen. Dort liegen vor einem Wohnhaus mehrere gelbe Säcke auf dem Gehweg – die nach der vom ZAH äußerst nachsichtig vorangetrieben Umstellung auf die Wertstofftonne nun endgültig nicht mehr benutzt werden sollten. Und auch nicht mehr entsorgt. Es gibt einige wenige Ausnahmefälle, in denen Hausbesitzer nachweisen können, dass sie absolut keinen Platz für eine Tonne haben. Aber es gibt eben auch weiterhin die besonders hartnäckigen Verweigerer, die sich vor der Umstellung mit zig Rollen Gelber Säcke eingedeckt haben und die nun, von sämtlichen Bitten und Ansagen unbeeindruckt, aufbrauchen. Und nun? Einfach liegenlassen? Wäre konsequent vom ZAH. „Aber glauben Sie mal nicht, dass die Verursacher die Beutel wieder reinholen, wenn wir sie nicht mitnehmen“, sagt ZAH-Chef Jens Krüger. In solch einem Fall wäre die Stadt zuständig, müsste ein eigenes Team losschicken. Frisst Zeit, verursacht zusätzliche Kosten. Also gibt es nun eine Vereinbarung: Die ZAH-Teams nehmen in Einzelfällen weiterhin herumliegende Säcke mit, verrechnet die Einsätze mit der Stadt. Klar ist: Die Verursacher müssen damit mit Ordnungswidrigkeiten-Anzeigen rechnen. Genauso wie die, die meinen in der Gelben Tonne Rest- und Sperrmüll entsorgen zu können. „Das merkt man, wenn die Tonne ungewöhnlich schwer ist“, sagt Lang. Bei offensichtlichem Missbrauch klemmen Pulina und Binak Hinweiszettel unter die Tonnen-Deckel – versehen mit der Ankündigung, den Behälter bei einem weiterem Verstoß nicht mehr zu leeren.

Für Müllwerker wie Binak und Pulina hat die Umstellung auf Tonnen eine Erleichterung gebracht: Sie müssen sich nicht mehr nach jedem Sack bücken und die Beutel nicht mehr hundertfach hoch in den Schlund des Lasters werfen. Rücken und Schultern danken es.

„Mann, Mann, Mann...“, ruft Rainer Lang jetzt plötzlich und hupt kurz. An der Ecke Annenstraße/Goschenstraße wären zwei Autos fast zusammengestoßen, weil ein Fahrer hektisch wenden will. Lang zieht die Augenbrauen hoch. Könnte bald wieder ein Zug aus der E-Zigarette fällig werden. In der Keßlerstraße, auch das gibt es, trifft er auf einen äußerst netten Bullifahrer: Der Mann arbeitet bei einem Landschaftsgärtner und hat seinen Transporter samt mit Erde beladenen Anhänger in der engen verkehrsberuhigten Straße so abgestellt, dass wohl schon mancher Kleinwagenfahrer Sorge hätte, nicht mehr daran vorbeizukommen. „Passt das?“, fragt der Gärtner in der Latzhose etwas schuldbewusst. „Kein Problem“, meint Lang und steuert den knapp 24 Kubikmeter fassenden Müllwagen zentimetergenau am Hindernis vorbei.

Er hat immer gesagt, er ist bald wieder weg. Das war vor elf Jahren!

ZAH-Fahrer Rainer Lang über seinen Kollegen Berisha Binak

Der Klein Düngener ist einer von 66 Fahrern beim ZAH, die mit insgesamt 73 Müllwerkern in der Region unterwegs sind, um abzuholen, was andere loswerden wollen. Lang ist erst viele Jahre auf Touren über die Dörfer im Landkreis unterwegs, ehe er ins Hildesheimer Stadtgebiet wechselt, um hier einen Teil der in der Region jährlich rund achteinhalb tausend Tonnen Verpackungsmüll einzusammeln. Berisha Binak hatte mal über eine Zeitarbeitsfirma beim ZAH angefangen. „Er hat immer gesagt, er ist bald wieder weg“, erinnert sich Lang und lacht. „Das war vor elf Jahren!“ Binak und er sind ein eingespieltes Team. Lange sind sie vor der Umstellung auf die Tonne als Duo unterwegs, vor einem Jahr stößt dann Michael Pulina dazu. Das Trio passt. „Wir verstehen uns blind.“ Sie haben eine Art Morsesystem, das per Hupe funktioniert: Je nachdem, wie Lang sie drückt, wissen die beiden hinterm Wagen genau, was er von ihnen will oder vorhat.

Es stehen heute weniger Tonnen draußen als es sein müssten. Lang hat einen Ordner in seinem Führerhaus liegen, in dem genau vermerkt ist, zu welcher Adresse wie viele Tonnen gehören. Er braucht aber gar nicht reinzugucken, ein Blick auf die Gehwege und zu den Häusern reicht. Lang hat alles im Kopf. Sei aber übrigens auch zu erwarten gewesen, dass welche fehlen, bemerkt er. „Ist ja wegen des Feiertags ein verschobener Abholtermin, das haben nie alle auf dem Schirm.“ Kaum hat er das gesagt, kommt ein Anwohner hektisch mit seiner Tonne an die Straße gelaufen, aufgeschreckt vom Müllwagengeräusch. Gerade noch rechtzeitig.

Wenn sich einer nett meldet in der Zentrale, weil er den Termin verpennt hat, dann ist Lang der Letzte, der sich querstellt. Seine Schicht beginnt um 6 Uhr, und er verlässt Hildesheim „grundsätzlich nie vor 13.30 Uhr“, sagt er. Auch nicht, wenn sein Team mit der eigentlichne Tour fertig ist. Weil er erledigen will, was vielleicht noch erledigt werden muss. Zum Beispiel eben bei netten Anrufern doch noch mal rumzufahren. „Wenn was anfällt, stehe ich zur Verfügung.“

Was er allerdings gar nicht leiden kann: Wenn Leute, die den Abholtermin versäumen, hinterher behaupten, die Tonne habe auf jeden Fall draußen gestanden, sei aber nicht geleert worden. Sein Blick sagt: Als würden seine beiden Jungs Berisha und Michael eine Tonne einfach stehen lassen!

Abholung drei Mal abgebrochen – weil alles zugeparkt war

„Na, wollen wir Wetten abschließen?“, fragt Lang seine Kollegen jetzt auf der Fahrt Richtung Bockfeld. Nach Abschluss der regulären Tour in der Neustadt unternehmen die Drei nun gegen Mittag einen erneuten Anlauf, die Tonnen in der Brabeckstraße zu leeren. Es soll der vierte und letzte Versuch sein, und irgendwann ist auch mal Schluss. Drei Mal machten seit vergangener Woche geparkte Autos, mehrere davon im Halteverbot, selbst für einen Könner am Steuer wie Rainer Lang die Zufahrt unmöglich.

Und heute? Ein Wagen steht erneut in der Verbotszone, zwei weitere verengen die Straße so, dass man wohl auch abwinken und wieder wegfahren könnte. Rainer Lang zieht kurz die Augenbrauen hoch, sagt kurz „na ja“, wendet und lenkt seinen Müllwagen rückwärts in die Straße. Es ist Zentimeterarbeit. Danach macht das Trio Pause, bevor es später zurück zur Zentrale geht.

Drei Jahre und fünf Monate. So lange macht Rainer Lang den Job noch, ehe er in Rente geht. Er scheint selbst noch unentschlossen, ob er das nun gut finden soll. Das Alter, die jahrzehnte lange Arbeit, dazu zwei Corona-Infektionen, die trotz Impfungen ihre Spuren hinterlassen haben – Lang merkt, dass es körperlich alles etwas schwergängiger ist. Je früher, desto besser, denkt er also manchmal, wenn es um das Thema Rente geht. Aber dann, das gehört zur Wahrheit, ist es eben auch so: Wenn er mal Urlaub hat und zwei Wochen nicht auf Tonnen-Tour gewesen ist mit Berisha und Michael, dann fehlt ihm was. Lang sagt: „Tja, ist so ein bisschen wie Familie hier.“

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