Hildesheim - „They have no fucking idea“ – sie haben keinen blassen Schimmer. So ist Lena Gerckes Instagram-Reel betitelt. Darauf zu sehen: die Frau, die 2006 die erste Staffel von Germany’s Next Topmodel gewann. Sie blinzelt einige Male, verzieht leicht den Mund. Unter ihrem Gesicht in einem Textfeld steht: „Hatte eine richtig stressige Arbeitswoche und dann kommt jemand ohne Kinder und sagt: Mach dir keinen Kopf, das Wochenende ist ja bald da.“ Und schon geht der Wettbewerb los, liebe Katharina.
Wer hat’s am schwersten? In diesem Spiel, so scheint es mir oft, haben Menschen mit Kindern immer die letzte Trumpfkarte. Egal, was du gerade so durchmachst – Eltern haben’s immer schwerer, wobei der Schweregrad des Lebens mit der Anzahl der Kinder steigt. „Ein Kind ist kein Kind!“, heißt es da dann plötzlich auch untereinander.
Kein Recht, gestresst zu sein?
Versteh mich nicht falsch: Ich hab nichts gegen Jammern. Ich glaube, es tut gut, sich mal auskotzen zu dürfen, zuzugeben: Ich mag mein Leben, aber heidewitzka, war das ’ne bescheidene Woche, und ich hab keine Ahnung, wo ich die Energie für die nächste hernehmen soll. Aber wieso müssen manche Menschen wie Gercke so tun, als hätten sie das Recht auf Stress gepachtet?
Denn wenn wir diesen Stress-Monopol-Gedanken einmal durchspielen, wird auch Gercke merken: Sie steht nicht am Anfang der Nahrungskette, was Überlastung angeht. Da könnte eine Pflegerin sicher daherkommen und sagen: Ich würde auch gern Millionen verdienen, indem ich einfach nur hübsch existiere, während Angestellte sich um Essen, Haushalt und Kinderbetreuung kümmern.
Vonwegen keine Ahnung haben
Das klingt deutlich einfacher als der Job einer Pflegekraft, bei der das Geld knapp wird, wenn unerwartet das Auto kaputtgeht. Davon, was Menschen mit chronischen Krankheiten tagtäglich durchmachen, um irgendwie zu funktionieren, will ich gar nicht erst anfangen.
Es gibt so viele Faktoren im Leben, die einen stressen können. Ich habe immensen Respekt vor Eltern. Ehrlich. Aber genau deshalb nervt mich Gerckes Post so sehr – „they have no fucking idea“. Doch, doch, liebe Lena, haben wir. Genau deshalb entscheidet sich so manche Frau dazu, kinderlos zu bleiben – weil sie versteht, wie hart es sein kann. Das bedeutet aber nicht, dass Stress ausschließlich auf zwei kleinen Kinderbeinen daherkommt. Also: Lasst uns doch ruhig mal jammern, aber bitte, jeder bleibt im eigenen Garten und schaut nicht verdrießlich darauf, dass der Rasen nebenan viel weniger pflegebedürftig erscheint als der eigene.
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.
