Hildesheim - Ein älterer Herr aus dem Zuschauerraum bittet um das Mikrofon. „Wenn sich immer alle über die Innenstadt aufregen, frage ich mich: Warum sind die heute nicht hier?“. Die Plätze im großen Sitzungssaal des Hildesheimer Rathauses sind am Donnerstagabend tatsächlich eher spärlich besetzt. Dabei geht es heute nicht um verklausierte Ratspolitik, sondern um ein Thema, das bürgernaher kaum sein könnte. Die Hildesheimer Innenstadt soll lebenswerter werden – und das nicht nur beim Thema Einzelhandel, sondern auch in puncto Wohnqualität. Die Resonanz der Auftaktveranstaltung legt die Vermutung nahe: das Thema wird nicht unbedingt in den Händen der Bürger verortet.
Bisher hat die Verwaltung die Frage, ob Bürgerinnen und Bürger eigentlich gerne im Stadtzentrum wohnen, im sogenannten Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) „Meine Innenstadt“ behandelt. Nun sollen die Planungen in die nächste Runde gehen – und das ISEK als „Rahmenplan Wohnen Innenstadt 2030 ,Hier lebe ich!’“ fortgeführt werden. Dafür schreibt sich die Stadt größtmögliche Bürgerbeteiligung auf die Fahnen – und ruft zum öffentlichen Dialog auf. Dieser soll einen bunten Strauß an Formaten zur Mitgestaltung beinhalten. Für die Koordination hat die Stadt derweil einen externen Dienstleister ins Boot geholt: das Hamburger Planungsbüro Lichtenstein Landschaftsarchitektur und Stadtplanung.
3000 Wohnungen bieten 6000 Bewohnern Platz zum Wohnen
Wem das zu abstrakt klingt, den versorgt Stadtplaner Daniel Kauder beim Start im Rathaus mit Zahlen. Ins Auge gefasst wird beim Rahmenplan der Bereich vom Bahnhof im Norden, den Straßen Kennedydamm und Zingel im Osten, der Friesen- und Kreuzstraße im Süden und dem Bohlweg und der Kardinal-Bertram-Straße im Westen. Das gesamte Gebiet umfasst 70 Hektar, auf dem in 3000 Wohnungen knapp 6000 Bewohner leben. Welche Bedingungen hier an und auf Straßen, zwischen Baulücken, auf Innenhöfen, in Durch- und Zugängen oder an Fassaden zu finden sind, das soll bis zum Sommer 2025 unter Einbezug der Bürger eingeholt, analysiert und ausgewertet werden. Ein wichtiger Punkt: Mit den Daten solle kein neuer Bebauungsplan entworfen werden, macht Stadtplaner Daniel Kauder deutlich. „Es geht um die Aktivierung des Wohnens im Bestand.“
Der Stadt scheint der Dialog mit den Bürgern also wichtig zu sein, wenn es um die Frage geht: Warum sollte man in der Innenstadt wohnen wollen? Doch wie stellen sich die Planer die Beteiligung der Menschen eigentlich vor? Vier Formate sind geplant.
Online-Umfrage
Auf der eigens eingerichteten Internetseite www.hi-wohnen2030.de kann man sich nicht nur allgemein über das Projekt informieren, sondern auch an einer Online-Umfrage beteiligen. Erfragt wird hier zum Beispiel die Bewertung der Hildesheimer Innenstadt als Wohnstandort und dessen Image sowie Einschätzungen zu sozialer Infrastruktur, Versorgungsangebot, „Grün & Freiraum“ sowie zur Mobilität. Teilnehmen kann jeder, egal, ob man selbst in der Innenstadt wohnt oder nicht. Die Umfrage steht bis zum 3. Juni online.
Workshop „Mental Mapping“
Was einigermaßen kryptisch klingt, ist der Versuch, die eigene Wahrnehmung anderen Menschen möglichst verständlich zu erklären. Heißt: Bürger sollen darstellen, welchen persönlichen Bezug, welches Gefühl oder welche Idee sie von bestimmten Orten in Hildesheim haben. Mit dieser „mentalen Kartierung“ soll sozusagen die „DNA“ eines Ortes herausgefiltert – und dieses Konzentrat anschließend in messbare Werte übersetzt werden. Der eineinhalbstündige Workshop findet am Mittwoch, 29. Mai, um 17.30 Uhr und 19 Uhr im Puls, Angoulêmeplatz 2, statt. Anmelden kann man sich über die Projektwebseite.
Stadtspaziergänge und Podiumsdiskussionen
Dahinschauen, wohin man sonst nicht schaut – das soll laut den Stadtplanern das Ziel von drei geplanten Stadtspaziergängen sein. Zu Fuß sollen Teilnehmer dabei die Innenstadt erforschen, Probleme und Potentiale aufzeigen und sich über Ideen und Meinungen austauschen. Der erste Termin steht unter dem Thema „Lebendiges Wohnen in der Innenstadt“ und ist am Dienstag, 20. August. Am 27. August wird zum Thema „Inennstadt = Wohnumfeld?“ spaziert, am 3. September heißt es „(Innen-)Stadt im Wandel“. Nach den Spaziergängen findet eine Podiumsdiskussion statt. Treffpunkt ist jeweils um 17.45 Uhr am Puls. Auch hierfür ist eine Anmeldung notwendig.
Probewohnen
Beim vielleicht spannendsten Beteiligungsformat des Projekts können Menschen für sechs Monate probeweise eine von drei Wohnungen in der Innenstadt beziehen. Die Miete wird übernommen, nur die Nebenkosten müssen selbst gezahlt werden. Angesprochen werden sollen hierbei vor allem Studierende, junge Familien und Senioren. Die Bewerbungsfrist für das Probewohnen startet Mitte Juni auf der Projektwebseite, Interessierte können sich aber bereits jetzt unverbindlich registieren.
Im November soll schließlich ein Zwischenstand des Projekts veröffentlicht werden. Dabei werden unter anderem die Ergebnisse der Online-Umfrage präsentiert und der Entwurf des Rahmenplans gezeigt. Am Ende des Projektzeitraums – im Sommer 2025 – soll der Rahmenplan stehen. Und damit die Möglichkeit, Hildesheims Innenstadt für ein Förderprogramm zu qualifizieren.

