„Der zerbrochene Krug“

Wer sein Abi in Deutsch macht, kommt an diesem Stück nicht vorbei: Macht das am Hildesheimer Theater wenigstens Spaß?

Hildesheim - Ausgerechnet beim ersten Schauspiel dieser Spielzeit bleiben am Theater für Niedersachsen viele Plätze leer. Es steht schlicht Schullektüre auf dem Programm. Aber „Der zerbrochene Krug“ schafft in Hildesheim tatsächlich den Spagat zwischen „Stromberg“-Witz, True-Crime-Spannung und Aktualität.

Ein Gesicht wie Lene Jäger (Mitte als Eve) zieht, machen vermutlich viele Frauen, die mit einem Ekel wie dem von Martin Schwartengräber gespielten Dorfrichter zu tun haben. Auch von ihrer Mutter, gespielt von Simone Mende, kann sie kaum Unterstützung erwarten. Davon erzählt „Der zerbrochene Krug“ am tfn in Hildesheim. Foto: Tim Müller

Hildesheim - Gäbe es die Wahl zum Jugendunwort des Jahres, Pflichtlektüre dürfte sich wohl stets in den Top 10 wiederfinden. Mit Unwillen und Schaudern denkt vermutlich jede und jeder an einen Klassiker der Literatur zurück, weil darüber Referate gehalten und Hausarbeiten oder Klausuren geschrieben werden mussten. Vielleicht erklärt das, warum bei der ersten Schauspielpremiere am Theater für Niedersachsen (tfn) dieser Spielzeit die Reihen gelichtet waren. „Der zerbrochene Krug“ steht auf dem Spielplan sowie bundesweit als Pflichtlektüre in Deutsch auf dem Lehrplan des Abiturjahrgangs 2026. Da hat offenbar selbst das tfn-Abo-Publikum Vorbehalte. Schade.

Denn Regisseurin Ulrike Müller und ihr Kreativteam schaffen es, das Lustspiel von Heinrich von Kleist als rasante Tragikomödie für True-Crime-Fans zu inszenieren. „Der zerbrochene Krug“ handelt von einem Dorfrichter, der einen Fall verhandeln muss, in dem er selbst der Übeltäter ist. Eine Frau klagt, weil ein ihr lieber und teurer Krug zerdeppert wurde. Die Mutter beschuldigt den Liebhaber ihrer Tochter, denn in deren Zimmer stand das Gefäß. Der Liebhaber wiederum verteidigt sich, einen Nebenbuhler in den Gemächern der Jungfrau ertappt zu haben. Die Tochter schweigt, der Richter schwitzt und selbstredend steht der Krug für etwas ganz anderes.

Ein Mann wie Harvey Weinstein

Es fällt nicht schwer, in dem Text vom Beginn des 19. Jahrhunderts aktuelle Bezüge auszumachen. Ein mächtiger Mann wie der Richter, der für das Publikum von Anfang an offensichtlich des Nachts im Zimmer des Mädchens war, weckt sofort Assoziationen mit Hollywood-Magnat Harvey Weinstein oder US-Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh. Der Vergleich ist so offensichtlich wie erschreckend. Vielleicht deswegen verzichten Regisseurin Müller und Dramaturgin Maren Simoneit darauf, das auszuformulieren. Im Gegenteil lassen sie das Ensemble den Originaltext von Kleist sprechen. Der hat auch nach 200 Jahren nichts an Schärfe, Doppelzüngigkeit und bitterem Witz eingebüßt.

Die tfn-Fassung verschiebt allerdings geschickt den Fokus weg von Richter, Gerichtsrat und Schreiber zu den jungen Menschen, die in die Mühlen eines Systems aus Sittenzwängen und Machtmissbrauch zu geraten drohen. Das verleiht gerade der zweiten Hälfte eine grimmige Tragik, die im Vergleich zum rasant-unterhaltsamen Auftakt so eine eindrückliche Wirkung entfalten kann. Daniele Veterale und Lene Jäger, Letztere seit dieser Spielzeit neu im tfn-Ensemble, schaffen es, der absurden Komödie so menschliche Anknüpfungspunkte zu geben. Die unterschwellige und unaufdringliche Musik und Klanggestaltung durch Robert Eder unterstützt das gekonnt.

Ekel-Alfred trifft Bernd Stromberg

Damit das gelingt, bereiten vor allem Manuel Klein, Martin Schwartengräber und Paul Hofmann den Boden (wobei es auch Simone Mende und vor allem Linda Riebau in Nebenrollen verstehen, Akzente zu setzen). Als Gerichtsrat, Dorfrichter und Schreiber sorgen sie mit Slapstick-Einlagen, Wortwitz und trockenem Humor im Publikum immer wieder für lautes Auflachen. Anders gesagt: „Der zerbrochene Krug“ ist am tfn schlicht auch eine sehr unterhaltsame und lustige Komödie. Wie Schwartengräber den Balanceakt zwischen Richterwürde und Nervenzusammenbruch mit wedelnden Armen zu meistern, während Klein mit der versteinerten Miene des Bürokraten das beobachtet und Hofmann die Augenbrauen bis über die Stirn zieht, wirkt, als hätte sich Ekel-Alfred ins Büro von „Stromberg“ verirrt.

Bühnen- und Kostümbildnerin Ariane Salzbrunn hat dafür eine ansehnliche Kulisse erdacht. Das Geschehen spielt sich auf einem angeschrägten Schachbrettmuster ab, auf dem sich die meisten Hauptfiguren den Regeln der Bodenfelder folgend bewegen und ihrem Weltbild angemessen in Schwarz und Weiß gekleidet sind. Nur die Jugend bekommt Farbe zugestanden. Ob sich darüber hinaus eine tiefere Bedeutung finden lässt, darüber dürfen gerne die Deutsch-Leistungskurse grübeln. Für alle anderen bleibt zumindest ein schicker und atmosphärischer Anblick.

Die nächsten Vorstellungen

Generell darf man aber feststellen: Das tfn bietet eine stilsichere, unterhaltsame und kluge Adaption von „Der zerbrochene Krug“. Das Premierenpublikum unterstreicht das mit kräftigem Applaus. Junge Menschen auf dem Weg zum Abi können aufatmen.

Die nächsten Vorstellungen in Hildesheim sind Dienstag und Samstag, 16. und 23. September, je um 19.30 Uhr.

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