Hildesheim - Der VfV Borussia 06 Hildesheim geht nach dem Abstieg aus der Fußball-Regionalliga mit einem Trainergespann in die Oberliga. Marcel Hartmann und Björn Kollecker übernehmen die sportlichen Geschicke. Im HAZ-Interview sprachen sie über die Arbeitsteilung und Entscheidungsfindung sowie den Kader und die Ziele für die neue Saison.
Eine Woche ist vergangen, seit der VfV 06 Sie als neues Chef-Trainergespann vorgestellt hat – wie war diese Woche für Sie?
Björn Kollecker: Es fühlt sich nach wie vor gut an. Die vielen Nachrichten und Anrufe, die wir bekommen haben, waren ein kleines i-Tüpfelchen. Die haben ein Gefühl vermittelt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.
Marcel Hartmann: Es kamen viele Nachrichten aus der Mannschaft sowie von Freunden und Bekannten aus Hildesheim – man hat ein bisschen gebraucht, das zu realisieren. Ich hatte Freitag vor einer Woche Kolli (Kollecker) noch geschrieben und gefragt, was passiert hier gerade, und er sagte nur: Mein Handyakku war heute zweimal leer (lacht).
Sie sind beide voll berufstätig – war die Entscheidung deshalb schwierig für Sie, den Job zu übernehmen?
Marcel Hartmann: Die Woche vor der Bekanntgabe war stressig, weil man viel mehr gegrübelt hat. Ist das kombinierbar mit den Sachen, die wir neben dem Fußball noch haben?
Björn Kollecker: Der Verein hat viel Rücksicht genommen, bisher hat das sehr gut funktioniert.
Welche Hürden gab es zu meistern?
Björn Kollecker: Ich arbeite im Schicht-System. Jede vierte Woche habe ich Spätschicht. Aber so war die Situation als Co-Trainer unter Markus Unger für mich auch. Es geht nur über Kommunikation und Absprachen. Sobald mein Schichtplan steht, weiß jeder, wann ich nicht kann, und dann kann sich Marcel strukturieren.
Marcel Hartmann: Wir bekommen das hin, es ist nur eine Frage der Kommunikation. Wir haben uns im letzten halben Jahr die Arbeit bereits gut aufgeteilt und dem Verein klar gesagt, wenn das euer Wunsch ist, dann nur so wie wir es einrichten können. Dass einer von uns immer auf dem Platz stehen wird, das haben wir uns auf die Fahne geschrieben. Dafür werden wir alles tun.
Sie waren beide als Co-Trainer im Einsatz. Wo sehen Sie die Gründe für den Abstieg, und fühlen Sie sich mitverantwortlich?
Marcel Hartmann: Wir saßen alle in dem Boot, natürlich fühlt man sich da mitverantwortlich. Es nagt extrem, das war ein sportlicher Tiefschlag. 39 Punkte sind erstmal keine völlig schlechte Ausbeute. Trotzdem haben in vielen Bereichen einfach Kleinigkeiten gefehlt. So ist es dann am Ende die Summe von ganz vielen Dingen wie Verletzungspech in entscheidenden Phasen, einige grenzwertige Schiedsrichter-Entscheidungen, aber auch, dass wir Spiele selbst hergeschenkt haben.
Björn Kollecker: Für mich war das Heimspiel gegen Jeddeloh der Knackpunkt, als wir nach einer 2:0-Führung noch 2:3 verloren. Das hat etwas mit den Jungs gemacht. Wir haben es danach nicht mehr geschafft, eine Konstanz hineinzubekommen, eine Serie von zwei, drei Spielen zu gewinnen. In einer Negativserie fängt der Kopf schneller an zu rattern.
Welche Fußball-Philosophie vertreten Sie? Wie soll die Mannschaft spielen?
Marcel Hartmann: Die Regional- und Oberliga unterscheiden sich grundlegend. Wir erwarten, dass mehr physisch gespielt wird. Das muss uns klar sein, deshalb brauchen wir einen intensiven Spielstil. Wir werden eine hohe Laufbereitschaft und Dominanz in den Spielen benötigen.
Björn Kollecker: Mentalität ist ein nicht zu unterschätzender Punkt. In der Oberliga wird es robuster zugehen, da kann es gut sein, dass du mal auf die Socken bekommst.
Gibt es ein festes System?
Marcel Hartmann: Das System ist fast egal. Es kommt mehr darauf an, welchen Spielstil pflegst du, und welche Art des Fußballs willst du verkörpern. Wir wollen flexibel auf Sachen reagieren können.
Björn Kollecker: Und vom Gegner nicht zu leicht zu lesen sein.
Es ist für Sie beide nicht die erste Chef-Trainer-Station, aber die Erste als Gespann – ist das ein Vor- oder Nachteil?
Marcel Hartmann: Ich sage ganz klar ein Vorteil. Es ist für uns beide Neuland, aber ich spüre, dass Kolli mir immer den Rücken frei hält, und genauso werde ich ihm immer den Rücken frei halten.
Björn Kollecker: Es ist erstmal etwas Neues, für alle. Für Marcel und mich vielleicht sogar etwas weniger, weil wir vorher schon in der Co-Trainer-Rolle waren und uns die Inhalte geteilt haben. Das ist über das letzte halbe Jahr gewachsen, und man hat einfach gemerkt, dass es zwischen uns passt.
Marcel Hartmann: Ich habe zudem das Gefühl, keiner von uns beiden will sich profilieren.
Wie werden die Aufgaben aufgeteilt?
Björn Kollecker: Natürlich hat der eine mal diesen Schwerpunkt und der andere einen anderen. Aber wir stimmen uns über alles ab.
Marcel Hartmann: Es soll auch nicht sein, dass einer eine Idee hat und sagt: Das mache ich jetzt. Wenn ich eine Idee habe, ist das Erste, was ich mache, Kolli zu schreiben oder ihn anzurufen.
Björn Kollecker: Ich glaube, ich habe noch nie mit einer männlichen Person so viel Kontakt über das Handy gehabt (lacht).
Haben Sie schon darüber gesprochen, wer von Ihnen bei Entscheidungen das letzte Wort hat?
Marcel Hartmann: Wir werden die Köpfe zusammenstecken, und dann diskutieren wir.
Björn Kollecker: Auch mit Markus Unger gab es solche Gespräche. Wenn er etwas vorgeschlagen hat, und Marcel und ich waren anderer Meinung, dann hat er mit einer vernünftigen Begründung auch unsere Empfehlungen angenommen. Wir werden uns da auch keine Vorwürfe machen, wenn mal etwas nicht funktioniert. Vom Gefühl her sind wir beide keine Sturköpfe, so dass wir immer Lösungen finden werden.
Sie haben zuvor als Co-Trainer gearbeitet oder als Cheftrainer in unteren Ligen – wie müssen Sie sich umstellen für die Oberliga?
Björn Kollecker: Die Verantwortung ist eine andere. Du hast als Co-Trainer auch Verantwortung, aber stehst dennoch in der zweiten Reihe. Jetzt müssen wir unsere Köpfe hinhalten.
Die Kaderplanung läuft sehr intensiv gerade – inwieweit waren Sie beide da eingebunden?
Marcel Hartmann: Natürlich sind wir seit Freitag intensiver eingebunden. Wir sind beide sehr froh, dass Oliver Jonas und Björn Rührer da viel in die Hand genommen haben. Jetzt lassen wir unsere Ideen einfließen.
Björn Kollecker: Der Verein hat gute Vorarbeit geleistet, obwohl nicht klar war, wohin die Reise geht. Er hat mit charakterstarken Jungs, die gute Fußballer sind, die Verträge verlängert oder Leute neu verpflichtet.
Welche Baustellen sehen Sie aktuell noch?
Marcel Hartmann: Mindestens 22 Spieler hätten wir schon gern im Kader, dass wir im Training elf gegen elf spielen können und alle Positionen mindestens doppelt, manche sogar dreifach besetzt haben. In der Offensive haben wir eine brutale Qualität, das ist sehr, sehr gut. Wir halten aber weiter die Augen offen.
Allein fünf Spieler, die verlängert haben, haben vergangene Saison 25 Regionalliga-Einsätze oder sogar mehr bestritten. Müssen Sie mit dem Kader nicht mindestens unter den Top-3 landen?
Björn Kollecker: Diejenigen, die vom alten Kern verlängert haben, zeigen, dass sie etwas gutmachen wollen. Was am Ende dabei herauskommt, das wird man sehen. Ich werde hier nicht sagen, wir müssen unter die Top-3 oder Top-5 kommen. Am Ende ist es etwas Neues für uns, aber auch für die Mannschaft. Wir wollen das Bestmögliche herausholen, aber mich auf eine Platzierung festlegen, das werde ich nicht.
Marcel Hartmann: Natürlich könnten wir jetzt sagen, wir müssen eine bestimmte Platzierung erringen. Es ist am Ende aber auch immer eine gemeinschaftliche Entscheidung, die das Team tragen muss. Intern wird es ein Ziel geben. In erster Linie wollen wir für intensiven Fußball stehen, und wenn wir diese Prinzipien auf den Platz bringen, dann werden wir Spiele gewinnen.
Der Vorsitzende Achim Balkhoff hat gesagt, dass der sofortige Wiederaufstieg nicht das Ziel sei – wie lautet das Ziel dann?
Björn Kollecker: Eine Platzierung gibt es nicht als Zielsetzung. Wir wollen ein Wir-Gefühl vermitteln. Das ist viel wichtiger, als über Platzierungen zu sprechen. Wenn wir eine gewisse Mentalität haben, dann können wir viel entfachen.
Marcel Hartmann: Beim VfV 06 wurde und wird sich oft an Zahlen orientiert. Wir wollen Taten sprechen lassen und werden dann sehen, wozu das führt. Wenn wir das in das Friedrich-Ebert-Stadion transportiert bekommen, dann glaube ich, dass in Hildesheim ganz viel machbar ist.
Erhan Yilmaz hat gesagt, dass die Spieler den Abstieg wieder ausbügeln wollen. Also Wiederaufstieg, oder?
Marcel Hartmann: Erhan ist ein Sportler und Kicker. Der will das Maximum, der will immer gewinnen. Er hat miterlebt, was im letzten halben Jahr eingeprasselt ist, und er ist jemand, der Ehre und Herz hat. Er lässt sich nicht unterkriegen und will gestärkt daraus gehen. Ich bin überzeugt, er kann die Jungs nächste Saison mitziehen. Wir bleiben dennoch dabei, die Zielsetzung intern zu belassen.
Was wissen Sie über die anderen Vereine? Welche sind die stärksten Gegner?
Björn Kollecker: Natürlich denkt man zuerst an die Absteiger. Sie kennen den Druck und sind aus der Regionalliga anderes gewohnt.
Marcel Hartmann: Mannschaften wie Egestorf-Langreder, Lupo Martini Wolfsburg oder Schöningen haben die letzten Jahre schon oben mitgespielt. Für mich ist Emden der klare Favorit.
Björn Kollecker: Viele rüsten aktuell sehr auf. Schöningen hat mit Christian Beck einen ehemaligen Zweitligaspieler in seinen Reihen. Wundertüten hat man auch immer dabei.


