Hasede - Wie soll sie ihr das bloß sagen? Karin Schrader fühlt eine unglaubliche Last, als sie an diesem Morgen im September zu Silvia Schillack in das kleine Büro geht, das hinter der Eingangstür gleich rechts liegt, direkt gegenüber dem Wohnzimmer. Hier, bei Schraders, verläuft die Grenze zwischen Privatem und Arbeit fließend, nicht nur räumlich. So war es schon immer. Weil Karin Schrader jetzt nicht weiß, wie sie der Mitarbeiterin, die so viel mehr ist als einfach eine Angestellte, erklären soll, dass alles vorbei ist, sagt sie: erst einmal gar nichts. Sie nimmt Silvia Schillack in den Arm. Und drückt sie, bis sie irgendwann die Worte findet, die ausgesprochen werden müssen. Einen Satz, der Schillack so sehr mitnimmt, dass sie mehrere Tage nicht richtig schlafen kann. Sie ist geschockt, verzweifelt. Die Entscheidung trifft sie ins Mark. Und das, obwohl doch eigentlich alles gar nicht mehr schlimmer kommen konnte.
Dies ist eine Geschichte über Verlust, Angst, den Tod und tiefe Traurigkeit. Und zugleich ein Lehrstück über Zusammenhalt, Liebe, Zuversicht, starke Frauen und Freundschaft.
Ihr Mann fehlt – und ist doch noch überall im Haus da
An einem Tag Anfang Dezember sitzt Karin Schrader am Wohnzimmertisch. Eine Frau mit weichen Gesichtszügen, die grauen Haare halblang, Brille, ein weißes Oberteil mit kleinen funkelnden Applikationen. Fast wie die aus dem Diamond Painting mit einem japanischen Motiv, das neben ihr auf dem Tisch liegt. Unzählige farbige Steinchen, es müssen viele tausende sein, hat sie bereits geklebt, es ist fast fertig. „Für die langen, dunklen Abende“, sagt sie und lächelt. „Da brauche ich was zu tun.“ Ihr Mann fehlt, in jeder Minute und überall, seit er am 26. Juni starb, auch wenn sie oft das Gefühl hat, er ist irgendwie doch ganz nah bei ihr. Am 14. Dezember wäre Johannes Schrader 70 Jahre alt geworden, im Januar hätten seine Frau und er das 30-jährige Bestehen der Firma gefeiert. Und im November 2025 stünde ihre Goldene Hochzeit an. Ein Leben im Konjunktiv.
Die chronische Lungenkrankheit COPD hat Johannes Schrader im Lauf der Jahre geschwächt, 2022 liegt er fünf Wochen im Koma. Danach kommt er langsam auf die Beine, und die Menschen in seinem Umfeld sind sogar erstaunt, wie gut er sich zunächst erholt: Den Rollator kann er nach der Reha sogar in die Ecke stellen. Doch im Frühsommer 2024 hat sein Herz einem gesundheitlichen Rückschlag nicht genug entgegenzusetzen. Nach wenigen Tagen in der Klinik stirbt er. Ein Schock für seine Frau und die Familie. Und für die Mitarbeiter des kleinen Industrieservice-Betriebs, der viel für KSM Castings arbeitet – das Unternehmen, bei dem Johannes Schrader einst gelernt hatte, bevor er sich selbstständig machte. Und eine Firma aufbaute, die wie ein zweites Zuhause war für alle, die hier arbeiteten.
Es war Arbeit mit Familienanschluss
„Es war Arbeit mit Familienanschluss“, sagt Silvia Schillack. Die blonde 52-Jährige mit dem Pferdeschwanz hat sich an diesem Dezembermorgen inzwischen zu Karin Schrader und dem Gast von der Zeitung ins Wohnzimmer gesetzt. Sie lächelt, wirkt amüsiert und zugleich traurig, wenn Karin Schrader über ihren Mann spricht. Sie kennt die Anekdoten und Geschichten. Darüber, wie sehr Johannes Schrader die Natur und seinen Garten liebte, am liebsten jede Brennnessel stehen ließ, damit sich die Schmetterlinge wohlfühlten. Wie er sich über Jahre hinweg beharrlich weigerte, die große Kiefer hinterm Haus fällen zu lassen. Bis er schließlich irgendwann den Bitten seiner Frau nachgab.
Der Tod des Mannes, der 23 Jahre ihr Chef gewesen war, ohne jemals den Chef heraushängen zu lassen, trifft die Bürokraft im Juni schwer. Der menschliche Verlust ist hart. Und da ist auch die Angst vor der Zukunft. „Ich bin ein Mensch, der schlecht mit Veränderungen und Unsicherheit umgehen kann“, erklärt Schillack, über die Karin Schrader sagt, sie sei eine wahre Perle. Vor 23 Jahren hat Schillack hier angefangen zu arbeiten, das Vorstellungsgespräch, sie führt es mit Karin Schrader, ist für sie damals eine Offenbarung. Zuvor haben ihr, der jungen ungebundenen Frau, mehrere Arbeitgeber mehr oder weniger direkt gesagt, dass sie sich ja ins eigene Knie schießen würden, sie einzustellen – sie werde ja sicher bald schwanger. Karin Schrader ist anders, offen, herzlich, solidarisch. Sie teilt der Bewerberin mit: „Ich weiß, wie es ist, sich zu bewerben und Absagen zu kriegen, weil man zwei kleine Kinder hat. Keine Sorge – wir bekommen das hier zusammen hin.“ Ja, so war das, bestätigt Schillack. „Meinem Mann habe ich damals hinterher nur Bescheid gegeben, dass wir sie einstellen“, erzählt Schrader, und beide Frauen lachen zusammen.
Eine herzliche Gemeinschaft trägt die Firma
Die herzliche Gemeinschaft hier, die trägt die Firma über die Zeit. Umso beruhigter ist Silvia Schillack im Spätsommer 2024: Denn alles sieht danach aus, dass wohl Johannes Schraders Enkel den Betrieb, den er bereits seit einiger Zeit im Tagesgeschäft mit seinem Opa unterstützend im Hintergrund leitet, nach dessen Tod weiterführen wird. Ihr Ziel, in diesem Betrieb bis zur Rente zu bleiben, scheint erreichbar.
Und dann dieser Tag, an dem Karin Schrader ins Büro kommt und sie in den Arm nimmt. „Ich wusste nicht, wie ich es ihr sagen soll“, erinnert sich Schrader heute und schaut zu Schillack hinüber. Sagen, dass Ende des Jahres Schluss ist, die Firma nicht im Januar das 30-jährige Bestehen erleben wird. Ihr Enkel will sich die Übernahme nicht aufhalsen, zumal die Auftragslage zuletzt nicht so aussah, als würde er auf rosige Zeiten zusteuern. Eine baldige Insolvenz scheint nicht ausgeschlossen. Karin Schrader selbst will und kann nicht Chefin werden, nicht in ihrem Alter, außerdem kennt sie sich in der metallverarbeitenden Branche nicht genug aus. Sie bekommt über die Jahre viel mit in dem kleinen fünfköpfigen Betrieb, arbeitet selbst aber immer woanders. Bis zur Rente ist sie bei Bauhaus als Kassenaufsicht beschäftigt, erst in Hildesheim, später in Braunschweig.
Schweren Herzens trifft Schrader schließlich die Entscheidung, den Betrieb zum 31. Dezember einzustellen. Und eine zweite: Sie wird Silvia Schillack und die anderen beiden langjährigen Mitarbeiter, Schlosser, 60 und 62 Jahre alt, nicht hängenlassen. Es geht auch ums Geld, denn Schrader müsste die Angestellten noch einige Zeit weiter bezahlen, auch wenn die Firma schon nichts mehr abwirft. Das kann sie sich mit ihrer Rente nicht leisten, weiß die Hasederin. Was sie mindestens genauso bewegt: Sie muss zwar akzeptieren, dass ihr Mann tot ist – aber sie möchte nicht hinnehmen, dass sein eingeschworenes Team deswegen arbeitslos wird. Und so setzt sie sich am 24. Oktober hin und beginnt zu schreiben: Hallo liebe Hildesheimer...
Herzliches Beileid über den Verlust Ihres Ehemannes und meinen allergrößten Respekt dafür, dass Sie sich so sehr für Ihre Angestellten engagieren. Es ist einfach schön zu wissen, dass es so tolle Menschen, wie Sie es sind, gibt
Schrader veröffentlicht einen Text in der Facebook-Gruppe Hildesheim, die inzwischen rund 57.000 Mitglieder hat, und erklärt darin, warum sie die Firma ihres Mannes auflösen muss und deswegen um Jobangebote für die beiden erfahrenen Schlosser und ihre Büro-„Perle“ bittet. Schrader hofft, dass das etwas bringt, sicher ist sie nicht. Doch die Resonanz ist überwältigend und rührt die 67-Jährige nach wie vor. Ihr Beitrag wird bis heute nicht nur 800-mal geteilt, erhält 1000 Reaktionen wie Herzen und erhobene Daumen und 82 ausschließlich positive Kommentare. Zum Beispiel diesen hier: „Herzliches Beileid über den Verlust Ihres Ehemannes und meinen allergrößten Respekt dafür, dass Sie sich so sehr für Ihre Angestellten engagieren. Es ist einfach schön zu wissen, dass es so tolle Menschen, wie Sie es sind, gibt.“
Sie freue sich sehr darüber, sagt Schrader. Und sie meint, aus den Reaktionen etwas ablesen zu können, etwas von größerer Bedeutung: „Es ist, als würden viele Menschen auf irgendetwas Gutes warten, weil sie um sich herum so viele negative Nachrichten mitbekommen.“ Eigentlich nicht verwunderlich, meint Schrader, „mir geht es ja genauso.“
Das Beste aber ist: Es hat wirklich geklappt. Alle bisherigen Mitarbeiter der Firma Haus & Industrieservice von Johannes Schrader aus Hasede haben neue Jobs entweder schon fix oder sie stehen kurz vor der Vertragsunterzeichnung. Wie viele Angebote insgesamt auf ihren Facebookpost hin per E-Mail eingehen, weiß Karin Schrader aus dem Stand nicht genau. Aber es sind viele.
Es kostet Silvia Schillack Mut, neu zu beginnen
Silvia Schillack, die Veränderungen eigentlich so scheut, wird bei einem Hildesheimer Familienunternehmen anfangen. Die neue Chefin wirke ausgesprochen nett, sagt sie und strahlt. Es kostet sie Mut, neu zu beginnen. Aber sie ist dankbar für die Chance. Und dafür, dass Karin Schrader sich für sie eingesetzt hat.
Bis sie ihre neue Stelle antritt, arbeitet sie noch Papierkram ab. Hier in dem kleinen Büro, in dem sie vor 23 Jahren angefangen hat, das gleich gegenüber dem privaten Wohnzimmer der Schraders liegt. Dort, wo ihr Chef zuletzt gerne auch mal Arbeit Arbeit sein ließ. Wenn er, der bei Computern gerade mal den An-Schalter fand, seine Bürokraft fragte, ob sie mit ihm nicht im Intenret dies oder das über sein Hobby Bonsai-Bäume raussuchen könnte.
Wenn mit der Firma alles erledigt ist, dann habe ich auch endlich Zeit zu trauern
Jetzt steht Silvia Schillack hier mit Karin Schrader, die ein Foto ihres Mannes in der Hand hält. Die Frauen lächeln, als sie es anschauen. Sie beide ziehen das jetzt zusammen durch, sie erledigen den Papierkram, der noch ansteht in den letzten Wochen des Jahres, den letzten Tagen dieser Firma. Danach, das haben sie sich fest versprochen, werden sie sich mindestens einmal im Monat treffen.
Bevor ihr Mann im Juni ins Krankenhaus gekommen ist, erzählt Karin Schrader, sei er noch öfter im Garten gewesen als sonst. Er habe dort lange still gestanden und geschaut, als wolle er sich alles genau einprägen. Und Tschüss sagen.
Karin Schrader laufen Tränen über die Wange, zum ersten Mal an diesem Vormittag. Fast beiläufig hat sie kurz davor etwas gesagt, das ahnen lässt, wie schwer die vergangenen Monate waren. „Wenn hier mit der Firma alles erledigt ist, dann habe ich auch endlich Zeit zu trauern.“



