Arbeit und Gesundheit

Wie ein alter Kfz-Mechaniker in Hildesheim dank Exoskelett wieder mehr schafft – und warum das auch vielen anderen helfen könnte

Hildesheim - Nach gut 40 Jahren im Beruf war Rainer Schad immer öfter krankgeschrieben – mit Rücken- und Schulterproblemen. Dank eines neuen Hilfsmittels fällt er viel seltener aus und kann mehr Aufgaben erledigen. Ein Vorbild für andere Branchen? (Mit Video)

Rainer Schad kann mithilfe seines Exoskeletts auch schwere Teile wieder gut heben. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Rainer Schad steigt vorsichtig hinab in die schmale Arbeitsgrube, über der die mächtige MAN-Zugmaschine steht. Kabel kontrollieren, ein kleines Bauteil auswechseln – nichts Großes eigentlich für den erfahrenen Mechaniker. Routine. Und doch immer wieder eine Herausforderung – denn Schad hat seit Jahren Probleme mit Rücken und Schulterpartie, ist immer öfter krankheitsbedingt ausgefallen. 42 Jahre körperliche Arbeit fordern ihren Tribut. Doch auch wenn Schad gleich wieder mit den Händen über dem Kopf arbeiten muss, was ihm besonders viele Probleme bereitet hat, schaut er ganz entspannt, als er sich sein Werkzeug schnappt und unter dem MAN-Truck verschwindet. Ohne Sorge vor dem nächsten eingeklemmten Nerv oder der nächsten schweren Nackenverspannung.

Nacken weniger verspannt

Denn Schad hat nicht nur die übliche Arbeitskleidung an. Um Oberkörper und Oberarme spannt sich ein bewegliches Gestell, ein sogenanntes Exoskelett. Beim Aufsetzen erinnert es an einen Wanderrucksack. Hineintun kann man allerdings nichts – dafür verfügt das Gerät zusätzlich über zwei Stützen, die an die Oberarme geschnallt werden. Bowdenzüge halten das Konstrukt beweglich – und es einen entscheidenden Effekt: Hebt der Träger die Arme in Kopfhöhe, können sie dort ohne jede Anstrengung verharren – eben dank der Oberarmstützen.

„So kann ich lange über Kopf arbeiten, ohne dass die Belastung zu groß wird“, sagt Schad. Zumal Becken- und Bauchgurt den Oberkörper zusätzlich stabilisieren. Zusätzlich ist eine Nackenstütze eingebaut: „in meiner Physiotherapie-Praxis haben sie schon festgestellt, dass meine Nackenmuskulatur weniger verspannt ist“, berichtet Rainer Schad.

Es gibt auch einen „Exo-Coach“

„Rainer ist in den vergangenen Jahren immer öfter ausgefallen, für Über-Kopf-Arbeiten konnten wir ihn eigentlich gar nicht mehr einplanen“, sagt Karsten Fette, Betriebsleiter am MAN-Servicestandort Hildesheim im Bavenstedter Gewerbegebiet. „Seit er das Exoskelett hat, hat er weniger Krankheitstage – und kann wieder alle Arbeiten ausführen. Das hilft uns allen hier.“

Und Rainer Schad soll kein Einzelfall bleiben. Sein Exoskelett wurde noch über die Schwerbehinderten-Vertretung von MAN organisiert und vom Versorgungsamt bezahlt. Doch inzwischen hat das Unternehmen am Standort Hildesheim zwei weitere dieser Hilfsmittel angeschafft. Mechaniker Frank Lopp hat sich zum „Exo-Coach“ fortbilden lassen und ermuntert Kollegen dazu, sich ebenfalls das Exoskelett umzuschnallen, unterstützt sie dabei, es richtig einzustellen. Auch an anderen MAN-Standorten werden die Geräte zunehmend eingesetzt, berichten Lopp und Fette.

„Jüngere können vorbeugen“

Tatsächlich gehören sogenannte „Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems“ seit Jahren zu den häufigsten Gründen für Krankschreibungen in Deutschland und auch im Landkreis Hildesheim. Im vergangenen Jahr waren sie für 17,4 Prozent aller Fehlzeiten verantwortlich, nur Atemwegs-Erkrankungen waren mit 17,5 Prozent minimal häufiger. Und gerade in körperlich fordernden Berufen dürften die Ausfälle durch „Rücken“ und ähnliche Probleme im Verhältnis noch weit häufiger sein.

Das kurzfristige Ziel bei Rainer Schad war, dass er wieder kontinuierlicher arbeiten und mehr Aufgaben erledigen kann. Das langfristige Ziel bei MAN reicht weit darüber hinaus. „Wenn mehr Mitarbeiter das zumindest bei schweren Arbeiten regelmäßig einsetzen, schont und entlastet sie das deutlich und ist damit praktische Prävention gegen Gesundheitsschäden“, sagt Betriebsleiter Fette. „Gerade jüngere können damit vorbeugen, um später eben nicht Probleme zum Beispiel mit dem Rücken zu bekommen.“ Könnten dadurch Ausfälle vermieden werden, amortisierten sich die derzeit 3500 Euro für ein Exoskelett auch für das Unternehmen schnell, ist Fette überzeugt.

Der Nachwuchs ist skeptisch

Schad und Lopp sehen das genauso, werben unter Kollegen für den Einsatz des Hilfsmittels: „In unserem Beruf ist eigentlich spätestens mit 60 oder 61 Schluss, der Verschleiß ist einfach zu groß“, sagt Schad und fügt an: „Hätte ich so etwas schon mit 30 gehabt, hätte ich heute weniger Probleme.“ Zudem verweist er darauf, dass man das Hilfsmittel ja nicht den ganzen Arbeitstag über tragen müsse, sondern es nur für bestimmte Arbeitsschritte anlege.

Doch der Gedanke der Prävention sichert nur zögerlich bei jüngeren Kollegen ein, bedauert Frank Lopp. „Da müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten.“ Wer jung und fit sei, sehe das Problem nicht und empfinde das Exoskelett bei der Arbeit sogar eher als hinderlich. Rainer Schad kann das nachempfinden: „Mitte 20 hebt man alles Mögliche allein hoch, lehnt Hilfsangebote von erfahrenen Kollegen ab und macht sich keine Gedanken, wie es mal in 30 Jahren aussieht“, erinnert er sich.

Hilft auch beim Renovieren

Karsten Fette hofft, dass sich der Einsatz des Exoskeletts mit der Zeit durchsetzt, wenn Mitarbeiter die Vorteile erst einmal im wahrsten Sinn des Wortes am eigenen Leib gsspürt haben. „Das ist was Neues, das dauert ja meisten sein bisschen, bis es akzeptiert wird“, sagt der Betriebsleiter. Dabei seien Exoskelette auch in anderen Branchen auf dem Vormarsch, berichtet Frank Lopp, der sich intensiv in die Materie eingearbeitet hat: „Lager-Arbeiter bei Ikea oder auch Fassadenbauer arbeiten teilweise schon standardmäßig damit.“

Und selbst zu Hause lässt sich das Exoskelett nutzen, hat Rainer Schad inzwischen festgestellt: „Als wir renoviert haben, habe ich das mal mitgenommen – zum Beispiel fürs Über-Kopf-Streichen.“ Hauptsächlich soll es ihm aber auch weiterhin helfen, noch lange MAN-Maschinen zu reparieren.

Wer übernimmt die Kosten?

Exoskelette können gerade bei körperlich anstrengenden Berufen dazu beitragen, dass Beschäftigte seltener ausfallen und im Lauf ihres Berufslebens auch insgesamt fitter bleiben – was direkt miteinander zusammenhängt. Doch wie sieht es mit der Finanzierung aus? Gibt es Zuschüsse? Und wenn ja, vom wem und unter welchen Bedingungen?

Im Fall von Rainer Schad hat zum Beispiel das Versorgungsamt ein solches Exoskelett bezahlt, weil der MAN-Mitarbeiter aufgrund seiner gesundheitlichen Einschränkungen einen Schwerbehinderten-Ausweis hat. Einheitliche Regeln oder Vorgehensweisen, etwa bei den Krankenkassen, gibt es aber – zumindest derzeit noch – nicht.

Arzt und Orthopäde gefragt

„Die Wirksamkeit und Eignung im spezifischen Fall sollte zuerst durch den behandelnden Arzt oder im Rahmen der Reha-Therapie bewertet werden“, erklärt beispielsweise der Exoskelett-Hersteller Otto Bock. „Nach Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Kostenträger wird voraussichtlich ein Zweitgutachten durch einen Facharzt oder Orthopäden erforderlich sein.“

Das Unternehmen berichtet aber auch von einem Fall, in dem die Bundesagentur für Arbeit die Kosten für ein Exoskelett übernahm. Der Betroffene hatte einen irreparablen Knorpelschaden in der Schulter, das Hilfsmittel ermöglichte es ihm aber, seienn Beruf ohne große Einschränkungen weiter auszuüben – was im Interesse der Arbeitsagentur war. Auch dies war allerdings ein Einzelfall, in dem von der Arbeitsagentur beauftragte Gutachter sich für die Finanzierung des Exosklettes aussprachen.

Auch Krankenkasse kann helfen

In anderen Fällen kommen aber auch die Krankenkasse oder die Rentenversicherung als Zuschussgeber oder Finanzierer in Betracht, Letztere unter anderem bei Maßnahmen der beruflichen Wiedereingliederung. Interessierte Unternehmen oder auch Beschäftigte sind in jedem Fall gut beraten, sich mit dem individuellen Anliegen an verschiedene infrage kommende Institutionen zu wenden.

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