Heiligabend in einer Wohngruppe

Wie eine große Familie Weihnachten feiern – nur ohne die eigenen Eltern

Hildesheim - In Hildesheim leben acht Teenager und junge Erwachsene in einer Wohngruppe der St. Ansgar Kinder- und Jugendhilfe wie eine Familie. Deshalb feiern sie Heiligabend auch zusammen.

Der Weihnachtsbaum ist geschmückt, die Betreuer, Mädchen und Jungen sitzen zusammen und spielen, bevor gemeinsam gekocht wird. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Im Wohnzimmer steht der Weihnachtsbaum schon festlich geschmückt, eine bunte Lichterkette funkelt im Baum, darunter liegen fein verpackt die Geschenke. Um den Couchtisch herum sitzen Sophia (17), Stella (15), Max (15) und Mohammed, sie spielen das „Verrückte Labyrinth“. Es wird gelacht und viel erzählt. Doch die Teenager sind keine Geschwister. Sie sind Mitglieder einer Wohngruppe der St. Ansgar Kinder- und Jugendhilfe. Den Heiligabend verbringen sie mit den anderen Mädchen und Jungen aus der Gruppe in Hildesheim - weil sie es so wollen.

„Ich habe Euch lieb!“

„Ich habe Euch lieb!“ steht in großen Buchstaben auf einem Blatt am Flipchart im Wohnzimmer der Wohngruppe geschrieben. Acht Mädchen und Jungen im Alter von 13 bis 20 Jahren wohnen hier auf drei Etagen. Fünf Betreuer kümmern sich um die drei Mädchen und fünf Jungen. An diesem Mittag des 24. Dezembers sind drei Betreuer da. Frau Barbara, wie Barbara Abramishvili von den Kindern genannt wird, Ekatarina Hoch und Bereichsleiter Matthias Beel. Sie sind für die Kinder da, die kaum eine Option haben, wieder in ihre Familien zurückzukehren. Die Gründe, warum das nicht geht, sind unterschiedlich. Mitunter haben die Eltern Probleme, den Alltag mit ihren Kindern zu meistern, sind schwer krank oder leben weit weg, in Afghanistan.

2015 gegründet

„Die Gruppe ist 2015 für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gegründet worden“, berichtet Beel. Mohammad (19), Basir (20) und sein Bruder Nabi (19) kommen aus Afghanistan und wohnen seither in der Gruppe. „Basir macht jetzt eine Ausbildung zum Elektriker“, sagt Beel und klopft dem jungen Mann auf die Schulter. „Da sind wir sehr stolz drauf“, sagt Beel. 2019 übernahm die St. Ansgar Kinder- und Jugendhilfe die Gruppe. Seither ist sie gemischt. Jungen und Mädchen, Deutsche und Afghanen. „Das hat sich sehr bewährt. Die Jungen lernen so besser deutsch und die Mädchen bringen Ruhe in die Gruppe“, erklärt Beel.

Zu Besuch bei den Eltern

Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, dass er nach seinem Geschmack gestalten kann. Paul (15) steht an seinem Schreibtisch und packt gerade die Geschenke für seine drei Brüder ein, die weiterhin bei seinen Eltern leben. Am ersten Feiertag wird Paul auch dort sein. Doch er wird wieder nach Hause, in seine Gruppe, kommen.

Pauls Zimmer und die der anderen Bewohner sind sehr ordentlich. Aufräumen gehört in der Gruppe zum Alltag, wie verschiedene Aufgaben im Haushalt. Ordnung und Sauberkeit sind ebenso wichtig, um sich wohlzufühlen, wie die gemeinsamen Mahlzeiten, erklärt Beel. An Heiligabend wird auch zusammen gekocht. „Als Vorspeise gibt es eine Hühnersuppe, die mache ich“, erklärt der 15-jährige Max. Danach gibt es eine Pute, Gemüse und Kartoffeln. „Bleiben Sie doch zum Essen“, sagt Basir zum Besuch. Es ist so herzlich in der Runde, ja man möchte am liebsten bleiben. Eine Herzlichkeit, die nicht aufgesetzt ist. „Die sind immer so“, sagt Beel und man sieht, dass er unter seiner Maske lächelt. Aber bleiben wird nur Frau Barbara. Wie in jedem Jahr ist sie an Heiligabend bis zum ersten Feiertag bei den Kindern. „Mein Sohn ist in Georgien. Und wir hier sind doch eine Familie. Da bin ich gerne, zum Feiern und zum Lieben“, sagt sie. Die Zuneigung, sagt der Bereichsleiter, ist sehr wichtig. Denn die Mädchen und Jungen benötigen das noch. „Sie brauchen die emotionale Bindung“, sagt Beel.

Voneinander lernen

Die jungen Menschen in der Gruppe lernen voneinander. In der Heimat von Mohammed, Basir und Nabi stehen sich Männer und Frauen nicht unbedingt auf Augenhöhe gegenüber. „Ich finde das nicht gut“, sagt Basir. In der Gruppe könne er von den Mädchen lernen. „Vielleicht bekomme ich ja auch mal eine Tochter, dann weiß ich, wie ich mit ihr umgehen muss“, sagt er. Mit den Mädchen in der Gruppe ist das Wohnen anders. Viel schöner, sagt Basir. Die drei Mädchen lächeln ihn an.

Gegenseitiger Respekt

Mohammad ist gläubiger Moslem, praktiziert den Ramadan. Stella, Angelina (13), Sophia, Max und Paul lernen so hautnah, was das bedeutet. Gegenseitiger Respekt und wechselseitiges Lernen charakterisieren die Gruppe. Und kulinarische Vielfalt, denn die Jungs aus Afghanistan kochen auch heimische Gerichte. Für Paul ist es das erste Weihnachten in der Gruppe. Auch er hat sich bewusst dafür entschieden, Heiligabend hier zu sein. „Wir sind zwar viele, aber ein Haushalt. Das ist schön“, sagt er.

Am ersten Weihnachtsfeiertag werden die meisten ihre Familien besuchen, denn die dürfen ja aus Covid-Sicherheitsgründen nicht in die Wohnung der Gruppe. Nabis fährt zu seinem Bruder, Basir zu seiner Freundin. „Dann bin ich ganz allein“, sagt Mohammad und setzt sich dicht neben Barbara Abramishvili. „Aber wir lassen dich doch nicht allein und sind bald wieder da“, sagen die Mädchen ernst und streicheln ihn. Mohammad muss lachen. „Kommt, lasst uns weiter spielen“, sagt er.

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