HAZ-Serie „Unter vier Augen“

Wie kann Hildesheim Barrieren abbauen, Herr Hodur?

Hildesheim - Zwei Menschen, ein Thema – in diesem Sommer startet die HAZ wieder ihre Sommerserie „Unter vier Augen“. Diesmal spricht Milan Bauseneik mit Hendrik Hodur, Fachbereichsleiter der Diakonie Himmelsthür, über Stadtplanung und den Abbau von Barrieren auf den Straßen und in den Köpfen.

Hendrik Hodur ist Fachbereichsleiter in der Diakonie Himmelsthür. Einer seiner Bereiche ist in Sorsum, der andere neu im Ostend. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Zwei Menschen, ein Thema – in diesem Sommer startet die HAZ wieder ihre Sommerserie „Unter vier Augen“. Diesmal spricht Milan Bauseneik mit Hendrik Hodur, Fachbereichsleiter der Diakonie Himmelsthür, über Stadtplanung und den Abbau von Barrieren auf den Straßen und in den Köpfen.

Herr Hodur, Sie sind Fachbereichsleiter der Diakonie Himmelsthür und für die Wohnbereiche Ostend und das Haus Oberlin in Sorsum zuständig. Unter anderem müssen Sie dafür sorgen, dass sich die Leute, die Sie betreuen, gut von A nach B bewegen können. Sobald Sie aber den Wohnbereich verlassen und auf die Straße treten, endet Ihr Einfluss darauf. Frustriert Sie das manchmal?

Ja, doch schon. Unsere Aufgabe sehe ich auch darin, dass wir grundsätzlich Menschen unterstützen, sich in der Stadt eigenständig bewegen zu können. Hier im Ostend hatten wir im Vorfeld Kontakt zur Stadtplanung, wo es darum ging, wie man Barrierefreiheit implementieren kann. Wie kann man sich im neuen Quartier orientieren? Wie kann Beschilderung aussehen, so dass sich Menschen mit Behinderungen, aber auch Menschen mit Sprachbarrieren oder Menschen mit Sehbeeinträchtigungen besser im neuen Stadtteil zurechtfinden?

Was ist bei der Beschilderung wichtig?

Dass man schnell sieht: Was findet man wo im Stadtteil und wie kommt man dahin? Dabei sollte man nicht nur mit Schriftsprache arbeiten, sondern auch mit Brailleschrift, mit Sprachausgaben oder eben mit Piktogrammen.

So etwas wie das bekannte Notausgang-Symbol?

Genau, das ist ein klassisches Piktogramm!

Sie sind jetzt im Ostend, das aktuell noch entsteht. Als in den Siebzigerjahren der Komplex der Diakonie Himmelsthür in Sorsum gebaut wurde, waren die stadtplanerischen Ambitionen andere als heute?

Auf jeden Fall.

Was sind die größten Unterschiede?

Ich denke, es ist ein klarer Paradigmenwechsel zu beobachten. Zu der Zeit, als in Sorsum das Quartier entstand, lebten Menschen mit Assistenzbedarf noch sehr am Rande der Stadt.

Buchstäblich, oder?

Genau. Ich kenne das nur aus Erzählungen, aber früher gab es da noch Pförtnerhäuschen und Schilder, auf denen „Achtung, Behinderte“ stand. Die wurden dann irgendwann entfernt, Gott sei Dank. Der Blickwinkel der Gesellschaft hat sich seitdem geändert. Menschen mit Assistenzbedarfen gehören mitten in die Gesellschaft und nicht an den Rand. Dafür sorgen nicht nur wir mit unserer Arbeit, sondern auch die UN-Behindertenrechtskonventionen.

Jetzt zieht die Diakonie nicht nur in das Ostend, sondern auch in Stadtteile, die lange vorher gebaut wurden, ohne Menschen mit Unterstützungsbedarf mitzudenken. Zum Beispiel in die Nordstadt. Was sind da die größten Schwierigkeiten?

Mit Blick auf die Stadtplanung, dass in der Nordstadt noch nicht alles barrierefrei ist. Es war beim Bau damals auch nicht darauf angelegt. Der Stadtteil besteht schon, darum muss man jetzt gucken: Was gibt es an kleineren Maßnahmen? Gibt es einen Bordstein, der abgesenkt werden muss? Gibt es Beschilderung, die fehlt?

Haben Sie Ideen für Stadtplaner, um den Blick dafür zu schärfen?

Ja, zum Beispiel sich selbst einmal in einen Rollstuhl zu setzen und zu gucken, wie das ist, so durch die Innenstadt zu fahren. Wie fühlt sich denn Kopfsteinpflaster an, wenn ich da drüberfahre?

Haben Sie das auch schonmal gemacht?

Ja, während meiner Ausbildung. Aber das ist jetzt schon etliche Jahre her.

Gut, seitdem sollte sich die Stadt schon verändert haben. Aber wie war ihr Eindruck damals, was hat Sie am meisten gestört?

Der größte Knackpunkt waren die Schwellen und auch das Kopfsteinpflaster. Das sieht zwar gut aus, ist aber nicht praktikabel.

Wenn man den Fokus jetzt etwas breiter setzt: Eine barrierefreie Stadt kommt ja nicht nur Menschen im Rollstuhl zugute, sondern auch älteren Personen oder Eltern mit Kinderwagen. Wenn es so vielen unterschiedlichen Leuten nutzt, warum entwickelt sich das dann so zäh?

Ich glaube, den meisten ist das einfach nicht so bewusst. Da ist dann eine Schwelle und die Leute denken: Die ist schon immer da, da geht man einfach drüber. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo das nicht mehr geht und dann ist es wichtig, dass man auf Grund seiner Erlebnisse das bei der Stadt anspricht.

Wo sollte man ansetzen, damit möglichst viele Leute ihren Blickwinkel dafür öffnen?

Tatsächlich durch eine Selbsterfahrung. Denn es geht ja nicht nur um Menschen mit Behinderungen, sondern um alle Menschen, die Unterstützung brauchen.

In welchem Kontext wäre das möglich?

Zum Beispiel, indem man sich in die Innenstadt oder auch die einzelnen Stadtteile stellt und den Leuten diese Selbsterfahrungen anbietet. Die Sensibilität im Alltag steigt am meisten, wenn man wirklich selber betroffen ist.

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