HAZ-Interview

Wie macht man die Hildesheimer Innenstadt zum Wohlfühlort? Das sagt ein Hamburger Stadtplaner dazu

Hildesheim - Die Hildesheimer Stadtverwaltung will von den Menschen wissen, wie die Innenstadt lebenswerter werden kann. Für die Koordination des Projekts hat die Stadt ein Hamburger Planungsbüro ins Boot geholt. Was die über Wohnqualität, schlechtes Image und das Probewohnen auf Zeit sagt.

Um die Hildesheimer Innenstadt lebenswerter zu gestalten, möchte die Verwaltung mit den Menschen ins Gespräch kommen. Wer will, kann gleich probeweise eine Wohnung beziehen. Foto: Kilian Schwartz

Hildesheim - Hildesheims Innenstadt soll schöner werden. Deshalb hat die Stadtverwaltung den „Rahmenplan Wohnstandort Innenstadt 2030“ ins Leben gerufen. Ein bunter Strauß an Mitmachformaten, darunter eine Online-Umfrage, Workshops, Stadtspaziergänge und Podiumsdiskussionen. Dabei dreht sich alles um die Frage: Wer möchte in Hildesheims Innenstadt wohnen – und warum eigentlich? Die HAZ hat dazu mit dem Hamburger Stadtplaner Daniel Kauder gesprochen

Herr Kauder, wie muss eine Innenstadt gestaltet sein, damit Menschen dort gerne leben?

Wesentlich entscheidend sind hier Grünflächen, Naherholung, eine gute Erreichbarkeit sowie wenig Lärm und subjektive Sicherheit.

Für die Koordination des „Rahmenplans Wohnstandort Innenstadt 2030“ wurde Ihr Stadtplanungsbüro beauftragt. Gibt es vergleichbare Städte, die Sie als Erfahrungswerte mit ins Projekt nehmen?

Beim Thema Wohnen als Rahmenplan ist Hildesheim tatsächlich die erste Stadt, die diesen konkreten Fokus in der Innenstadt setzt. Auch wir haben diesen Bereich bislang eher im Zusammenhang einer integrierten Betrachtung untersucht. Deshalb ist es für uns als Planungsbüro auch neu, uns sozusagen bewusst erst einmal Scheuklappen aufzusetzen und vor allem das Wohnen in der Innenstadt zu betrachten. Aber ja, es gibt mehrere Städte in Niedersachsen oder Deutschland mit ähnlichen Problemen.

Zum Beispiel?

Beispiele sind Hamburg, Paderborn, Kassel oder Hannover. Diese Städte haben zwar alle etwas andere Strukturen und sind natürlich mitunter auch ein bisschen größer – beim Thema Innenstadt gibt es aber sehr wohl Ähnlichkeiten zu Hildesheim, gerade auch bezüglich der Nachkriegsschäden. Nach dem Krieg mussten diese Innenstädte schließlich wieder komplett neu aufgebaut werden. Hildesheim ist allerdings eine der ersten Städte, die diesen Umstand der Wohnlage Innenstadt explizit zum Thema machen möchte.

Muss man die Themen Einzelhandel und Wohnqualität gemeinsam denken, wenn man untersuchen will, ob Menschen gerne in der Innenstadt leben?

Wir können besagte Scheuklappen ja nicht über das ganze Projekt aufbehalten. Das machen wir anfangs zwar ganz bewusst – aber natürlich müssen wir beim Thema Wohnen auch die Nahversorgung und andere Querschnittsthemen, wie Mobilität und Ökologie miteinbeziehen. Das ist kein Widerspruch. Den Einzelhandel bewusst fördern, das wollen wir in dem Projekt jedoch nicht. Dafür gab es in der Vergangenheit andere Projekte.

Bei einer Online-Umfrage konnten Bürgerinnen und Bürger detailliert ihre Einschätzung zum Wohnen in der Innenstadt angeben. Wie wurde die Befragung aufgenommen?

Die Resonanz war sehr positiv. Wir sind momentan noch in der Auswertung. Spannend war etwa die Reaktion auf die Frage, wie die Personen selbst die Innenstadt bewerten – und wie sie glauben, dass andere sie bewerten. Dabei hat sich gezeigt, dass die Menschen die Innenstadt selbst besser bewerten, als sie es von anderen erwarten. Das Image halten viele also für schlechter als die eigene Wahrnehmung und den vermeintlich wirklichen Zustand. Gleichwohl ist die Bewertung der Innenstadt nicht die Beste, sie bewegt sich bei der Schulnote zwischen 3 und 4, das Image wurde noch schlechter bewertet.

Das klingt recht ernüchternd.

Am negativsten beurteilt wurde das Thema Grün und Freiraum. So ist es ja auch: Das Gebiet, das wir uns für den Rahmenplan anschauen, bietet wenig bis gar kein Grün. Die gefühlten Barrieren zum Marienfriedhof mit dem Grünbereich wurde dabei häufiger thematisiert – aber eher als Angstraum wahrgenommen. Das zeigt, dass subjektive Sicherheit – vor allem am Abend – auch ein wichtiges Thema bei der Umfrage war. Ein wichtiges Feld war auch Mobilität, etwa die Parkplatzsuche von Besuchern des Einzelhandels. Gut bewertet wurde wiederum das Versorgungsangebot. Auch zur sozialen Infrastruktur und Gastronomie gab es positive Rückmeldungen. Überrascht hat uns, dass das Thema Klimawandel und Klimaanpassung in der Innenstadt häufig aufgegriffen wurde. Hier scheint großes Interesse zu herrschen.

Neben Workshops, Umfragen und Exkursionen ist das Probewohnen sicherlich eines der spannendsten Themen des Projekts. Gibt es Vergleiche, wie ein Wohnen auf Zeit in anderen Städten funktioniert?

Probewohnen in anderen Städten in dem Umfang ist uns nicht bekannt. Frankfurt Oder hat 2021 vor dem Hintergrund Stadtmarketing mal ein vierwöchiges Probewohnen für potenzielle Zuzieher ermöglicht. Mit einem konkreten Untersuchungsraum und dem Fokus Innenstadt ist Hildesheim - soweit uns bekannt - jedoch ein Pilotprojekt.

Was genau erhoffen Sie sich vom Probewohnen?

Wir werden den Prozess des Wohnens in den drei Wohnungen dokumentarisch begleiten – und daraus hoffentlich viele Schlüsse zum Innenblick ziehen. Gerade dieser Blick ist entscheidend: Laut der Online-Umfrage haben viele Menschen, die im untersuchten Gebiet wohnen oder gewohnt haben, die Innenstadt besser bewertet, als jene, die außerhalb wohnen. Deshalb wollen wir auch unbedingt Menschen für das Probewohnen gewinnen, die noch nicht in der Innenstadt wohnen und diesen Schritt wagen. Wir möchten mit ihnen ins Gespräch kommen, welche Vorbehalte sie vielleicht haben. Im besten Falle erreicht man dabei eine Selbstkorrektur der Wahrnehmung und eine Verbesserung des Images der Innenstadt.

Um welche Wohnungen handelt es sich konkret?

Die Wohnungen werden derzeit noch gesucht. Wir müssen ja einen Vermieter finden, der sich darauf einlässt, dass die Stadt die Miete vorerst nur für sechs Monate bezahlt. Das ist auch für die Verwaltung ein großer Aufwand. Besteht der Wunsch nach Ablauf der Probewohnzeit in der Wohnung wohnen zu bleiben, wird ein Kontakt zur Vermietung hergestellt. Während des Bewerbungsprozesses sollen zeitnah auch kleine Videoclips der Wohnungen veröffentlicht werden.

Die Bewerbungsfrist für das Probewohnen ist inzwischen gestartet. Wie ist die Resonanz bislang?

Wir wurden ziemlich überrascht. Wir hatten gedacht, dass es leicht sei, Wohnungen zu finden, und schwer, Menschen, die dort probewohnen wollen. Das Gegenteil hat sich ergeben. Wir haben eine große Bandbreite an Interessierten aus allen Zielgruppen. Einige von ihnen haben uns lange Texte zu ihrer Motivation geschrieben. Das Interesse ist also da.


Zur Person

Daniel Kauder ist Chef des Hamburger Planungsbüros Lichtenstein Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, das mit der Koordination des Innenstadt-Projekts betraut wurde.

Online-Umfrage

Die Auswertung der Online-Umfrage kann hier eingesehen werden. Die Bewerbung zum Probewohnen erfolgt hier. Für Samstag, 13. Juli, ist im Rahmen des Hildesheimer Wochenmarkts auf dem Marktplatz ab 10 Uhr ein Informationsstand geplant. Dort wird es für Interessierte verschiedene Möglichkeiten zur Beteiligung geben.


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