Kampf gegen das Coronavirus

Wie wirkt die Impfung? Helios Hildesheim nennt erste Ergebnisse seiner großen Antikörper-Studie

Hildesheim - Wie viel Antikörper bilden sich nach der Impfung, welche Unterschiede gibt es dabei zwischen den einzelnen Präparaten? Auf diese und viele andere Fragen gibt es nun erste Antworten.

Dr. Michael Dedroogh leitet die große Antikörper-Studie des Hildesheimer Helios Klinikums. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Seit Anfang des Jahres ist ein Großteil der Belegschaft des Hildesheimer Helios Klinikums Teil einer langfristig angelegten Studie zu den Corona-Impfungen und ihren Auswirkungen. Es ist nach Angaben des Konzerns eine in dieser Form in Deutschland bislang einmalige Studie – vor allem, was die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer angeht: 1206 Beschäftigte des Hildesheimer Krankenhauses machen mit, lassen sich regelmäßig Blutproben abnehmen und auf Antikörper untersuchen. Am Mittwochnachmittag hat Studienleiter Dr. Michael Dedroogh erste Zwischenergebnisse der „HelCO-Vac“ genannten Analyse vorgestellt.

Zugleich kündigte der Kardiologie-Oberarzt an, dass die Analyse länger fortgeführt werden soll als ursprünglich geplant – ein Jahr statt sechs Monate. Das Ziel: eine Art Antikörper-Grenzwert zu finden – also ein Mindestmaß an Antikörpern, das nötig ist, um eine Infektion oder zumindest eine schwere Erkrankung abzuwenden. Außerdem erhofft sich Helios weitere Erkenntnisse über Impfdurchbrüche und darüber, wann Auffrischungs-Impfungen nötig sind.

Was wird untersucht?

Bei 1206 geimpften Helios-Beschäftigten wurden vier Wochen, drei Monate und sechs Monate nach der Zweitimpfung je zwei Blutproben entnommen. Überprüft wird damit zum einen die Menge der durch die Impfung entwickelten Antikörper, zum anderen eventuell schon im Zuge einer unbemerkten Infektion entstandene Antikörper. „Das lässt sich im Labor unterscheiden“, erklärt Dedroogh. Einige wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfuhren so, dass sie offenbar schon vor den Impfungen eine Infektion durchgemacht hatten, die mangels Symptomen und Testmöglichkeiten nicht bemerkt wurde.

Welche Impfstoffe kommen vor?

Im Helios Klinikum kamen aufgrund unterschiedlicher Empfehlungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten vier verschiedene Impfarten vor. Zweimal Biontech mit drei Wochen Abstand, zweimal Biontech mit sechs Wochen Abstand, zweimal Astrazeneca mit zwölf Wochen Abstand und einmal Astrazeneca und einmal Biontech mit zwölf Wochen Abstand. „Für alle vier Varianten haben wir so viele Beteiligte in der Studie, dass die Ergebnisse als repräsentativ zu bezeichnen sind“, betonte Dedroogh. Zwischen 248 und 343 Personen fielen in die vier genannten Szenarien.

Welcher Impfstoff brachte die meisten Antikörper?

Die bei weitem besten Ergebnisse brachte die sogenannte Kreuzimpfung, bei der zuerst Astrazeneca und bei der zweiten Impfung das Biontech-Präparat gespritzt wurde. Dahinter folgen die reinen Biontech-Impfungen, wobei diejenige mit dem längeren Abstand im Schnitt mehr Antikörper brachte als die mit dem kürzeren Abstand. Die im Verhältnis wenigsten, aber immer noch deutlich genug Antikörper brachte die reine Astrazeneca-Immunisierung. Damit bestätigten sich die Studienergebnisse aus den Zulassungsverfahren, die bei Biontech besser waren als bei Astrazeneca – aber es bestätigte sich auch, dass die Kreuzimpfung die stärkste Wirkung hat.

Welchen Einfluss hat das Lebensalter?

Mit steigendem Lebensalter der Studienteilnehmer nahm die Bildung von Antikörpern im Durchschnitt ab. Was die These stützt, dass die Auffrischungs-Impfungen bei Hochbetagten beginnen sollen.

Sind diese Ergebnisse endgültig?

Nein, aber es ergeben sich laut Michael Dedroogh klare Tendenzen. Die konkreten Ergebnisse beziehen sich bislang auf die Auswertung vier Wochen nach der Zweitimpfung. Danach sei es zu einem erwarteten Rückgang der Antikörper-Menge gekommen, der aber prozentual im Wesentlichen bei allen Varianten gleich gewesen sei. Details dazu will Helios bei der geplanten Veröffentlichung der Studie als wissenschaftliche Arbeit nennen.

Ist ein Rückgang der Antikörper-Menge gefährlich?

Auch eine geringe Menge von Antikörpern kann den Kampf mit dem Coronavirus aufnehmen, dann bilden sich auch schnell wieder zusätzliche, sagt Dedroogh. Auch das führe zu einem milden Verlauf und geringerer Ansteckungsgefahr für Dritte.

Gab es auch Studienteilnehmer, die keinerlei Antikörper entwickelten?

„Es gab genau einen Kollegen, bei dem keinerlei Antikörper nachgewiesen wurden“, berichtet Dedroogh. Der Betroffene habe aber bereits unter einer Autoimmun-Krankheit gelitten. In direkter Abstimmung mit dem Paul-Ehrlich-Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel habe der Betroffene bereits vor der eigentlichen Zulassung eine Auffrischungs-Impfung erhalten. Danach seien bei ihm auch Antikörper nachgewiesen worden.

Gab es Corona-Fälle unter geimpften Beschäftigten?

Vereinzelt ja, sagt Dedroogh. Helios-Sprecher Marc Pingel ergänzt: „Es war immer klar, dass die Impfung nicht zu 100 Prozent vor einer Ansteckung schützt. Aber die Wahrscheinlichkeit wird geringer – und im Fall einer Infektion ist ein schwerer Verlauf viel unwahrscheinlicher, ebenso eine Ansteckung weiterer Personen.“

Welche Impfreaktionen stellte Helios fest?

Nach beiden Impfungen füllten die Helios-Beschäftigten Fragebögen dazu aus. Mehr als die Hälfte von ihnen stellte Impfreaktionen fest, meist Schmerzen an der Einstichstelle, aber auch Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit. Dazu gab es außerhalb von Helios viele, auch größere Untersuchungen, die ähnliche Resultate brachten. „Aber niemand hatte so schwere Reaktionen, dass er deshalb im Krankenhaus hätte behandelt werden müssen“, betont Dedroogh.

Gab es einen Zusammenhang zwischen Impfreaktion und Antikörpern?

Den stellten Dedroogh und seine Mitstreiter bei ihren Auswertungen tatsächlich fest: „Gab es nach der zweiten Impfung eine Reaktion gleich welcher Art, war die Wahrscheinlichkeit für einen sehr hohen Antikörper-Spiegel fast doppelt so hoch, als wenn es keine Reaktion gab.“ Das heiße aber keineswegs, dass Personen ohne Impfreaktionen nicht genug Antikörper gebildet hätten – nur eben im Mittel nicht ganz so viele.

Sollte jeder Interessierte seinen Antikörper-Status überprüfen lassen – um herauszufinden, ob eine Auffrischungs-Impfung für ihn schon sinnvoll ist?

Kann man machen, bringt aber nicht viel – so lässt sich Michael Dedrooghs Antwort etwas salopp zusammenfassen. Im wesentlichen verweist er auf das Robert-Koch-Institut. Vor allem für Personen mit Immun-Erkrankungen, die bei den Auffrischungen zunächst neben Senioren im Vordergrund stehen sollen, sei ein solcher Test aber tatsächlich hilfreich, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.

Hat Helios bei der Studie Partner?

Das Krankenhaus arbeitet vor allem mit dem Universitäts -Klinikum Witten-Herdecke zusammen, das sich unter anderem bei der aufwändigen statistischen Auswertung einbringt.

Gibt es schon ein Fazit?

Schon jetzt steht aber für Dedroogh fest: „Wie auch andere Studien zeigt unsere klar, dass die Impfung vor Ansteckungen schützt, dass man im Fall einer Ansteckung eine deutlich geringere Viruslast hat und deshalb auch andere weniger gefährdet, und dass die Impfung gut verträglich ist.“ Hinzu komme die bekannte Erkenntnis, dass Corona-Patienten im Krankenhaus heute zumeist ungeimpft seien.

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