Alfeld - Bekannte Serien wie „Vikings“ oder „The Last Kingdom“ zeichnen ein bestimmtes Bild von Wikingern: Hartgesottene Krieger, die auf Raubzüge gehen und am laufenden Band epische Schlachten schlagen. Dass die Realität aber ganz anders ausgesehen hat, zeigt eine kleine Gruppe, die bei Alfeld das Wikingerdorf Fjallidhal betreibt.
Wikinger leben einen Katzensprung von der Bundesstraße 3 entfernt
Es ist ein Gegensatz, der größer kaum sein könnte: Auf der Bundesstraße 3 fahren täglich Hunderte Fahrzeuge entlang, es ist laut und riecht nach Abgasen. Wenige Hundert Meter weiter, zwischen Alfeld und Gerzen beim Warberg, sucht man Derartiges vergeblich. Kein fließendes Wasser, keine Technik, kein Verkehrslärm. Denn dort befindet sich seit 25 Jahren das privat geführte Wikingerdorf Fjallidhal.
Der Name der kleinen Siedlung bedeutet übersetzt „Die Halle auf dem Berg“ und meint das Langhaus – das Zentrum des Dorfes –, das auf dem Warberg bei Gerzen steht. Dorfoberhaupt Berwyn lebt zusammen mit Aud, Ares, Hakon, Uba, Wiebke, Sven, Helga und einigen Kindern in den kleinen Holzhütten, die die Einwohner des Dorfes mit eigenen Händen ohne moderne Werkzeuge gebaut haben. Im Dorf und für diesen Artikel benutzt die Gruppe ausschließlich ihre Wikingernamen.
Jedes Haus im Dorf ist einzigartig und in Handarbeit entstanden
Wie viel Handarbeit und Liebe zum Detail in jedem einzelnen Gebäude des Dorfes steckt, zeigt sich während eines Rundgangs. Jedes Haus ist einzigartig: die Dächer verschieden, die Dekorationen zahlreich. An dem einen Haus hängt am Eingang ein handgewebter Teppich, die Türpfosten sind bunt bemalt. Das Haus daneben ziert ein Geweih, eine lange Kette aus Hölzchen und wieder einen Eingang weiter hängt ein Fischernetz und ein geflochtener Kranz aus Zweigen.
Dabei befand sich auf dem Stück Land noch vor 25 Jahren nichts als Wiese. Berwyn hat damals als Leiter der Gruppe „Die schlechte Saat“ das Dorf aus der Taufe gehoben. Seitdem wächst Fjallidhal unter wechselnder Besetzung immer weiter. Die Bewohner, die oft das gesamte Jahr über ihre Wochenenden im Dorf verbringen, nehmen dafür Strecken von Braunschweig oder Hannover auf sich. „Der Kern ist aber aus Alfeld und der Umgebung“, erklärt Aud. Unter der Woche führen die Wikinger aber ein Leben im 21. Jahrhundert.
Auch Mittelalter-Fans erleben manchmal einen „Kulturschock“
Wenn ein neuer Wikinger in das Dorf einziehen will, gibt es zunächst einen Probelauf, um zu schauen, ob die Gruppe harmoniert. Obwohl sich natürlich jeder daran versuchen könne, wird letztendlich über die endgültige Aufnahme abgestimmt, erklärt Berwyn. Insbesondere Personen aus der Larp-Szene (Live Action Role Play oder Liverollenspiel) würden manchmal schon einen kleinen „Kulturschock“ erleben.
Denn zum dörflichen Leben der Wikinger gehört „nicht jeden Tag Krieg und Klopperei“, macht Berwyn klar. „Wir versuchen hier, ein authentisches Bild einer Wikingersiedlung von vor 1000 Jahren darzustellen“, erklärt Aud. In Fjallidhal liegt der Fokus auf dem friedlichen Zusammenleben und dem Handwerk. Im Dorf gibt es eine Schmiede, eine Wollstube, eine große Feuerstelle und einen Lehmofen. Möbel, Küchenutensilien, Kleidung und Dekorationen stellen die Dorfbewohner selbst her – und das möglichst so, wie es die Wikinger vor 1000 Jahren getan haben. „Wir benutzen, wenn es geht, keine modernen Werkzeuge“, sagt Berwyn.
So werden beispielsweise die eckigen Balken, die als Hauspfeiler dienen, mühsam mit einem Beil geformt. In der Schmiede, die mit einem Blasebalg betrieben wird, können in ein Messer durchaus schon mal hundert Arbeitsstunden fließen.
Im Dorf leben auch Schweine und Schafe
Die Alfelder Wikinger versorgen in ihrem Dorf auch zahlreiche Tiere. Dazu gehören Wollschweine und bretonische Wildschafe – aber auch drei Wildschweine. „Die habe ich mit der Hand aufgezogen“, verrät Berwyn. Geschlachtet oder geopfert werden die Tiere nicht. „Wir schlachten hier auch keine Schafe“, erklärt er. Diese sind schließlich Woll-Lieferant und Rasenmäher in einem.
Die authentische Lebensweise der Wikinger hat aber auch Nachteile. Das Holz der Gebäude ist beispielsweise nicht mit Holzschutzmittel behandelt. Dementsprechend verfällt das Material schneller und es fallen konstant Reparaturarbeiten an. Der Bau des neuesten Projekts – einer Werkstatt – musste unterbrochen werden, um das Dach des Lehmofens zu ersetzen, das eingestürzt war.
Dass es in Fjallidhal kein Wasser aus der Leitung gibt, kann während der Hitze im Sommer oder während des Frosts im Winter schon mal zu logistischen Herausforderungen führen.
Wochenend-Besuch oder Geburtstagypartys sind in Fjallidhal möglich
Damit nicht nur die Dorfbewohner selbst die Lebensweise der Wikinger erfahren, sind Besucher in Fjallidhal immer willkommen. Wer Fjallidhal besucht, kann sich im Axtwerfen und Bogenschießen ausprobieren oder lernen, mit Leder umzugehen und Runen zu schreiben. Von Ostern bis Oktober jeweils samstags ab 10 Uhr wird die Welt der Wikinger erlebbar. „Wir haben hier auch ganz viele Kindergeburtstage oder Junggesellenabschiede“, erklärt Aud.
Immer wieder wird die Siedlung auch Kulisse von Rollenspiel-Events von Larpern. Einmal war sie sogar Drehort eines Musikvideos der Band Saltatio Mortis.
Erreichbar ist das Dorf über die Straße Im schwarzen Siek von der Göttinger Straße aus und über die Abbiegung zwischen Alfeld und Warzen von der Straße Vor dem Rettberge.






