Zu viel Bürokratie

Windkraftausbau im Kreis Hildesheim – Aufschwung in Sicht?

Kreis Hildesheim - Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will Tempo beim Ausbau der Windkraft machen. Der ist im Kreis Hildesheim fast zum Erliegen gekommen. So soll es weitergehen.

Zuletzt gingen 2020 die neuen Windkraftanlagen im lange umstrittenen Windpark Harsum-Schellerten im Landkreis Hildesheim in Betrieb. Foto: Chris Gossmann

Kreis Hildesheim - Nach den von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vorgestellten Plänen soll in puncto Energiewende ordentlich aufs Gas getreten werden. Dafür sollen beispielsweise Planungs- und Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen deutlich verkürzt werden. Habecks Ziel: Der Anteil der erneuerbaren Energien soll bis 2030 von derzeit 42 auf 80 Prozent verdoppelt werden. Doch in Niedersachsen ist der Ausbau der Windkraft in den vergangenen Jahren quasi zum Stillstand gekommen. Und der Landkreis Hildesheim macht da keine Ausnahme.

Kein neues Windrad in 2021

Dabei gehört Hildesheim unter den 37 niedersächsischen Landkreisen und acht kreisfreien Städten zu dem Drittel mit dem größten Flächenpotenzial für den weiteren Ausbau der Windkraft. Das geht aus einer Studie im Auftrag des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE) hervor. Dennoch: 2021 ging kein einziges neues Windrad im Kreis in Betrieb, das bisher letzte war Anfang 2020 die vierte Anlage im lange umstrittenen Windpark Schellerten-Harsum. Gerade mal drei neue Anlagen sind derzeit in der Region in Planung, berichtet Lars Günsel, Pressesprecher des LEE. Zwischen Bockenem und Bornum, bei Adensen (soll in diesem Jahr in Betrieb gehen) und nahe Neuhof/Lamspringe. Wobei Letzterer seit 2019 auf Eis liegt, weil dort die Auflagen nicht eingehalten werden können.

„Tatsächlich hat es für den Landkreis Hildesheim 2021 keine Zuschläge der Bundesnetzagentur für Windkraftanlagen gegeben. 2020 hat es zwei Zuschläge gegeben“, sagt Günsel. Aktuell seien 76 Anlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 139 Megawatt (MW) im Kreis in Betrieb.

Neue Formel soll helfen

Günsel hofft auf eine neue Berechnungsformel des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung, die dem Ausbau Auftrieb geben könnte. Aufgrund einer ungenauen Berechnungsmethode waren in der Vergangenheit die Störwirkungen von Windenergieanlagen auf den Flugverkehr häufig überschätzt und in der Folge zahlreiche Anlagen nicht genehmigt worden. „Möglicherweise lassen sich allein im Bereich des DVOR-Drehfunkfeuers Leine bei Sarstedt/Hildesheim bis zu 100 Anlagen mit einer Leistung von 460 Megawatt realisieren,“ so Günsel.

Doch für neue Windkraftanlagen bräuchte es grundsätzlich interessierte Betreiber. „Es gab eine Zeit, da hatten wir viele Anfragen“, sagt Wolfgang Moegerle, Bürgermeister der Gemeinde Algermissen und Sprecher der Bürgermeister im Kreis Hildesheim. Doch es sei still geworden. Die Investoren seien wegen der hohen Auflagen zögerlicher geworden, einige hätten gar das Handtuch geworfen. Auch Moegerle wäre sehr dafür, die Genehmigungsverfahren für Windkraftstandorte zu vereinfachen. Die seien derzeit „total überbürokratisiert“. Da sei er sich mit seinen Amtskollegen einig. Algermissen habe fünf Jahre gebraucht, um seinen Flächennutzungsplan zu ändern, damit ein Repowering bestehender Windkraftanlagen möglich sei, nennt er ein Beispiel. Doch für sehr wahrscheinlich hält er es nicht, dass die Verfahren deutlich entschlackt würden. Voraussetzung sei zunächst, „dass Politik sich grundsätzlich entscheidet, was ihr wichtiger ist“, so Moegerle und verweist auf den Naturschutz, der schon so manchen Antrag zum Scheitern gebracht hätte. Es sei schlicht nicht möglich, Regeln aufzustellen, mit denen alle einverstanden wären. „Aber wenn wir immer warten, bis alle einverstanden sind, dann tut sich einfach gar nichts“, so der Sprecher der Bürgermeister.

Die Pläne des Nachbarn

Die Region Hannover hat bereits signalisiert, neue Standorte für Windkraft ausweisen zu wollen. „Wir wollen schneller zusätzliche Flächen mobilisieren,“ hatte Regionspräsident Steffen Krach (SPD) angekündigt. Und ein erster Schritt ist schon getan: Die Region hat jetzt eine Windenergiefläche südöstlich von Pattensen-Mitte ohne Einschränkungen genehmigt. Das Areal wird 153 Hektar groß sein und befindet sich südöstlich von Pattensen-Mitte zu beiden Seiten der Bundesstraße 3. Vier Windenergieanlagen stehen dort bereits, weitere im direkt angrenzenden Sarstedt. 260 Windräder erzeugen in der Landeshauptstadt und dem Umland derzeit rund 560 Gigawattstunden Strom pro Jahr. Das decke rechnerisch den privaten Verbrauch von rund 350 000 Menschen. Um klimaneutral zu werden, wäre die fünffache Menge des erzeugten Windstroms nötig.

  • Region
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.

Weitere Artikel