Hildesheimer Uraufführung

Woyzeck im Reißwolf: In Hildesheim entsteht das bekannte Drama als Punk-Rock-Musical

- Im Theater für Niedersachsen laufen die Vorbereitungen für eine besondere Uraufführung: Intendant Oliver Graf und Komponist Manuel de Rien wollen Woyzeck ganz anders auf die Bühne bringen. Das ist ihr Plan.

Neue Zusammenarbeit: tfn-Intendant Oliver Graf (links) und Komponist Manuel de Rien wollen das Drama-Fragment von Georg Büchner in Hildesheim ganz neu interpretieren. Premiere ist am Samstag, 2. September, am tfn in Hildesheim. Foto: Chris Gossmann

Bereits jetzt laufen am Theater für Niedersachsen (tfn) die Vorbereitungen auf die neue Spielzeit. Die Musical-Company hat sich „Woyzeck“ als Uraufführung vorgenommen. Intendant Oliver Graf hat die Musical-Adaption des nur in Teilen überlieferten Dramas von Georg Büchner geschrieben und sich als Komponisten Manuel de Rien dazu geholt. Im Interview sprechen die beiden über Punk als Attitüde, Morde an Frauen, von einem Reißwolf-Prozess und einer Riesenchance.

Herr Graf, warum gibt es eigentlich noch kein „Woyzeck“-Musical?

Graf: Es gibt ein Woyzeck-Musical!

Warum war Ihnen das nicht gut genug?

Graf: Es gibt tatsächlich ein koreanisches Musical, was keiner kennt, aber auch eine Fassung von Tom Waits. Als wir uns für „Woyzeck“ als Trilogie-Thema entschieden haben, haben wir aber gedacht, dass es eher Punk, Rock, laut ist. Dadurch, dass wir mit „American Idiot“ für die Musical-Company einen großen Erfolg hatten, wollten wir diese Musikrichtung auf der Bühne zeigen. Deswegen haben wir uns entschlossen, es einfach selbst zu machen.

Macht es das Fehlen von vergleichbaren Adaptionen einfacher oder anspruchsvoller, einen so klassischen Stoff in ein modernes Genre wie Musical zu überführen?

Graf: Die Erwartungshaltung ist sicherlich groß, weil es ein bekannter Stoff und ein großes Stück ist. Auf den ersten Blick schränkt uns das in der Kreativität ein. Ich finde aber, wenn man sich mit dem Stoff auseinandersetzt, schreit es nach Musical und Punk-Rock. Dadurch, dass es fragmentarisch ist, sind wir auch nicht festgelegt. Die Figuren sind aber da, es gibt ganz viel Sekundärliteratur und Interpretationen, um sich inspirieren zu lassen. Wir benutzen es als Material, um die Stimmung aufzugreifen. Das ist eine Riesenchance.

Herr de Rien, in Ihrer Biographie heißt es, Sie seien da zu finden, wo es laut und kompromisslos zugeht. Wo hat der Herr Intendant Sie denn gefunden?

De Rien: Tatsächlich haben wir, obwohl wir andere Lebensführungen haben, gemeinsame Bekannte. Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Dann haben wir uns erst in Hildesheim getroffen, dann im Portugiesenviertel in Hamburg zusammengesetzt – und einfach gemacht.

Sie sind unter anderem bekannt als Mitglied von Narcolaptic, einer Punk-Band. Jetzt vertonen sie urdeutsche Literatur. Da liegt der Gedanke an den „Shockheaded Peter“, die Struwwelpeter-Fassung der Tiger Lillies, die ja auch hier am tfn zu sehen war, nah.

De Rien: Die kenne ich nicht. Was meinst du?

Graf: Kann man dran denken, muss man aber nicht.

Ihre Vita besteht nicht nur aus Punk-Rock. Ihre Ausbildung war von elektronischer Musik geprägt, Sie spielen gerade in einem Post-Rock-Duo und sind mal durch Fernasien getourt. Wo wollen Sie „Woyzeck“ verorten.

De Rien: Es schreit nach Punk. Es geht um Punk als Attitüde, als Spiegel für die Gesellschaft. Es geht nicht darum, dass da gesoffen wird, sondern um eine Subkultur als Antwort auf gesellschaftliche Zwänge. Dieses Stück wirft ohne Ende existentielle und moralische Fragen auf. Immer wieder geht es darum, wie einzelne Persönlichkeiten, vielleicht auch als Parabel auf gesellschaftliche Schichten, aufeinander reagieren.

Wie klingt das?

De Rien: Ich habe es mal „Punk, der sich nach links und rechts ausrichtet“ genannt. Wir haben viele unterschiedliche Charaktere, dem wollen wir durch die Musik gerecht werden. Ein Woyzeck, der sich im stetigen Verfall befindet, kann nicht am Anfang wie am Ende klingen. Und ein rückwärtsgewandter Hauptmann verkörpert nicht modernen Electro-Punk. Rausgekommen ist ein Punk-Fundament, wir haben aber auch eine gute Prise psychodelische Einflüsse. Post-Rock, Noise-Rock. Hinterm Bindestrich steht aber immer Rock.

Die Geschichte erzählt aber schon von einem recht „banalen“ Femizid. Ein Mann bringt aus Eifersucht eine Frau um. Wie erzählt man das heute?

Graf: Es steckt ganz viel drin, auch Gesellschaftskritik. Es geht nicht darum, die Tat zu entschuldigen. Woyzeck ist Täter, aber auch gleichzeitig Opfer. Marie hat im Originaltext sehr wenig Text, sie ist sehr marginalisiert und als Opfer charakterisiert. Das finden wir nicht zeitgemäß. Für uns steht das Empowerment im Vordergrund. Es geht uns um Macht, Machtmissbrauch, Machtgefüge. Spannend ist zu hinterfragen, was macht das mit Menschen?

„Woyzeck“ bildet die Trilogie in der kommenden Spielzeit. Dazu gibt es ein klassisches Schauspiel und eine Tanz-Performance. Es wird also gesungen, gesprochen und getanzt. Wie bei „Die Räuber“, „Medea“ und „Hamlet“. Bisschen formelhaft?

Graf: Nö. Die Musical Company ist zum ersten Mal dabei. Ich kann schon verraten, dass es nicht festgelegt ist. Es kann auch Spielzeiten geben, wo es die Oper und das Musical sind oder Schauspiel oder Zirkus. Wir machen das vom Stoff abhängig und welche Sparten wir spannend gegenüberzustellen finden.

Welchen Aspekt fügt ein Musical dem „Woyzeck“ denn bei?

Graf: Im Schauspiel zeigen wir den Original Büchner, während wir im Musical dem Text deutlich mehr Material hinzufügen, das Fragmentarische betonen und die Szenenreihenfolge verändern. Wir haben es genommen, durch den Reißwolf geschickt und neu zusammengesetzt. Die Songs treiben nicht immer die Handlung voran, sondern oft bleibt die Zeit stehen und eine innere Emotion kommt zum Tragen. Wie bei einer Oper. So habe ich das Liberetto auch angegangen. Overtüre, Pausenfinale, Chor, das große Tutti-Bild. Danach schreit das Stück mit seinen Monologen und Zwei-Szenen nicht. So können wir den Schwerpunkt ganz anders legen.

Was haben Sie, Herr de Rien, dem Theater hinzugefügt?

De Rien: Man hat mich sehr viel machen lassen. Ich war ja hier, um die Außensicht und die Authentizität hineinzuholen. Ich hab das ganze Musical in einer umgebauten Damen-Toilette ohne Fenster geschrieben. Dadurch kann ich unserem Musical ein Alleinstellungsmerkmal geben. Nur so entstehen wirkliche Punk-Perlen. Es muss ein bisschen nach Schimmel riechen.


Zur Person: Oliver Graf

Oliver Graf ist seit der Spielzeit 20/21 Intendant des Theaters für Niedersachsen (tfn). Er wurde 1981 in Gifhorn bei Braunschweig geboren. Nach seinem Studium an der Wiener Uni für Musik und darstellende Kunst arbeitete er als ausgebildeter Schauspieler und Regisseur unter anderem an der Staatsoper Hamburg, am Schlosstheater Celle und am Mecklenburgischen Landestheater Parchim. Vor seinem Wechsel nach Hildesheim war er Künstlerischer Betriebsdirektor und Stellvertreter der Intendantin am Stadttheater Gießen, künstlerischer Produktionsleiter am Staatstheater Darmstadt sowie bei den Bayreuther Festspielen und der Semperoper Dresden.


Zur Person: Manuel de Rien

Manuel de Rien wurde 1986 in Hamburg geboren. Nach dem Abitur beschloss er zunächst, freier Musiker zu sein. Im Anschluss an eine 2007 abgeschlossene elektronisch geprägte Schulung zur Musikproduktion begann de Rien sein künstlerisches Profil und sein musikalisches Gefühl durch das duale Studium der Gitarre und rauchiger Clubs zu schärfen. Seitdem ist er immer dort aufzufinden, wo es laut und kompromisslos hergeht. Zu seinen Bandprojekten zählen die Punkband Narcolaptic oder das Post-Rock-Duo Silvertongues. Inzwischen arbeitet er auch als Songwriter für verschiedene Projekte. Die Bühne aber bleibt Dreh- und Angelpunkt seines Lebens.

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