Hildesheim - Er hat auf dem Nordfriedhof gewohnt, dann zehn Jahre lang in den Wäldern rund um Hildesheim. Seine Heimat hat der ehemals Obdachlose Thomas D. aber so gut wie sein ganzes Leben nie verlassen hat. Außer als Soldat bei der Bundeswehr. Nun hat er wieder ein Dach über dem Kopf. Doch die Sehnsucht treibt ihn eigentlich wieder ins Freie. Wenn da nicht das Alter wäre...
Gleich vorweg: „Meinen Namen will ich nicht in der Zeitung lesen.“ Er hatte schon früh mit seiner Familie gebrochen und möchte nicht, dass die erfahren, dass er noch in Hildesheim lebt. Dass er überhaupt noch lebt.
Mit 17 die Eltern verlassen
Mit 17 hat er seine Eltern verlassen und hat sich als Zeitsoldat mustern lassen. Am liebsten wäre er schon vorher abgehauen. Bis zur mittleren Reife hat er gewartet. Auf welche Schule er gegangen ist? Thomas lacht: „Besser lautet die Frage, auf welche nicht?“ Er sei so beliebt und gut gewesen, dass ihn alle Schulleiter an die nächste verwiesen hätten. Kein Ruhmesblatt für einen möglichen Karriereweg.
Auch der Bund brachte ihn nicht weiter. Sechs Jahre habe er sich verpflichtet, sagt er: „Nach vier Jahren habe ich gekündigt.“ Als Hauptgefreiter: „Bisschen wenig.“ Dann hat er eine kaufmännische Lehre angefangen und abgebrochen. „Das ist ein toter Beruf.“ Auf diese Weise erzählt Thomas D. viele seiner Geschichten, kurz, knapp und würzt die Sätze manchmal mit Ausdrücken wie „Scheiße“. Doch das ist nur die Oberfläche.
Weg vom Alkohol
Denn nach und nach schält er sich als eine ganz andere Persönlichkeit heraus. Die das Leben von der „anderen Seite gesehen hat“, wie er es beschreibt. Jemand der es geschafft hat, von der Flasche wegzukommen, bevor das Hirn ausgeschaltet ist. „Willst du wissen, wie es den Menschen in dieser Gesellschaft gehen kann, auch Ärzten, Rechtsanwälten oder Lehrern? Dann geh’ mit 40 raus auf die Straße, lebe unter denjenigen von ihnen, die obdachlos geworden sind“, sagt er. „Ich habe sie kennengelernt.“
Was er eigentlich nicht wollte. Denn beim Vertrieb eines Hildesheimer Verlages hatte er sein Auskommen und eine Wohnung in der Nordstadt. Dummerweise mit einer Kneipe um die Ecke, die bis fünf Uhr früh geöffnet hat. Das mit der Arbeit hat nicht lange gehalten, das Verhältnis zur Kneipe schon. Bald zählte er zum Inventar, torkelte im Morgengrauen in seine Wohnung und schlief wie ein Stein. Bis zum nächsten Bier.
Plötzlich abgehauen
Irgendwann im Jahr 2010, er war mittlerweile 50 Jahre alt geworden, standen zwei alte Bundeswehrtaschen im Flur, fertig gepackt mit seinen Habseligkeiten. „Keine Ahnung wie das kam“, erzählt er heute. Er hat sie wohl im Suff gepackt. Dann hat er sie geschnappt und einfach seine Wohnung verlassen: „Ich bin einfach gegangen.“ Kurze Zeit hatte er das Mietverhältnis noch gekündigt, erinnert er sich. Dann war er verschwunden.
Ich bin einfach gegangen
An diesem Tag schien die Sonne. Er wollte seine Ruhe haben und wählte die Richtung zum Nordfriedhof. Dort setzte er sich auf eine Bank und atmete erstmal tief durch. Ihm war alles über den Kopf gewachsen. Er hatte kein Geld mehr, seine Post nicht mehr geöffnet, den Kontakt zu den Ämtern abgebrochen. „Ich wollte nix mehr erklären müssen, ich wollte nur noch meine Ruhe.“
Lernen, obdachlos zu werden
Nix zu essen, das war ihm egal. Mist war nur, dass er starker Raucher war und keine Zigaretten hatte. Bis Didi vorbeikam, mit seiner Tasche und seinem Fahrrad. „Ist hier noch Platz?“ Didi setzte sich und zündete sich erstmal eine Zigarette an. Bei Thomas D. brach der Schweiß aus. „Ich bin übrigens wohnungslos“, erzählt Didi und paffte weiter.
Bei seinem Banknachbarn stieg die Sehnsucht nach einem Zug, doch er sagte nur: „Ist ja interessant. Wie geht das denn?“ Und so fing seine erste Stunde Unterricht als Obdachloser an. Didi hatte 17 Jahre Erfahrung und Thomas hatte mittlerweile einen Bärenhunger. Also erzählte ihm Didi erstmal, wo er sich morgens die Kohle besorgen kann: 11,50 Euro bei der Ambulanten Wohnungslosenhilfe, der „Ambu“.
Pennen bei den Kriegstoten
Thomas D. verstaute sein Gepäck im Gebüsch und ging los. Dann kam er mit zwei Portionen Currywurst wieder, eine für Didi. „Bist du bekloppt?“, fragte der nur, du musst mit der Kohle haushalten. Und so begann sein erster Tag unter freiem Himmel. Als Didi weg war und es dunkel wurde, ging er bis zu der Ecke am Ehrenmal für die Kriegstoten und haute sich ins Gebüsch.
Ich wollte raus aus der Stadt, weg von den Menschen, den Häusern, dem Lärm, einfach nur weg.
Bis Didi die nächsten Tage wieder auftauchte und ihn sich vorknöpfte: „Mensch, du schnarchst so laut, dass man dich über den ganzen Friedhof hört. Du musst hier weg.“ Thomas D. packt seine Sachen und verließ die Stadt: „Ich wollte raus aus der Stadt, weg von den Menschen, den Häusern, dem Lärm, einfach nur weg.“
Mitten in der Natur – mit Kräuterlikör
In das nahegelegene Waldgebiet rund um Hildesheim. Toplage, grient er: „Man konnte von oben auf das ganze Elend gucken.“ Und man war selbst mitten in der Natur. Quasi eine Luxuswohnung – ohne Kosten. Morgens ging er los in die Stadt, holte sein Tagesgeld, kaufte Schnaps (Grafenwalder Kräuterlikör) und billiges Bier und irgendwas mit Fleisch. Nach und nach stockte er seinen Haushalt auf, besorge sich eine Pfanne, einen Kocher, ein kleines Zelt. Und ein altes Fahrrad.
Früh morgens aufstehen, Sachen zusammenpacken, Spuren verwischen, runter in die Stadt, Kohle bei der „Ambu“ holen, einen Kaffee beim Backwerk holen, Nachschub kaufen, hoch auf den Berg. Montags brachte er den Müll weg, dienstags das Leergut, mittwochs holte er Nachschub, flüssigen. Donnerstags was zu Beißen. Bei jeder Tour schleppte er 25 Kilo Gepäck mit sich: Wechselwäsche, Regensachen, sein ganzes Hab und Gut. Auch sein Smartphone, um es wieder aufzuladen. Dann war Wochenende: Pennen bis er irgendwann die Augen aufbekam, sonntags hat er dann meist gekocht.
Zwei Sonnenuntergänge jeden Abend
Im Wald war er mit sich allein, dem Bier, dem Schnaps und der Natur. „Jeden Abend gab es den Sonnenuntergang gleich zwei Mal“, erzählt er: „Einen links und einen rechts.“
Jahr um Jahr, sommers wie winters. Meistens fand er seinen Schlafplatz wieder, obwohl er sternhagelvoll war. Zweimal hat er sich verirrt: „Falscher Wald.“ Egal. Er hat sich einfach fallen lassen und ist eingeschlafen. Wie ein Stein. Ein schnarchender Stein.
Wieder vier eigene Wände
Schnarchen kann er jetzt zuhause, in seinen eigenen vier Wänden einer kleinen Mietwohnung über der „Ambu“. Hier sitzt der 60-Jährige häufig an seinem Computer. Das Internet bezahlt er über eine Prepaid-Karte, wenn er mal Geld dafür hat. Auf der Couch liegt sein Schlafhörnchen: „Ich brauche das, bin Seitenschläfer.“
Plötzlich hat das Bier einfach nicht mehr geschmeckt
Er streicht sich über seinen Bauch und grinst: „Gut genährt, was?“ Abends kommt Fleisch in die Pfanne: „Mindestens ein halbes Kilo, alles andere ist Aufschnitt.“ Thomas D. ist überzeugter Single. Familie gründen ist nix für ihn: „Ich bin froh, dass ich die los bin.“ Seine 50-Quadratmeter-Wohnung ist aufgeräumt. Nix weist darauf hin, dass er zehn Jahre obdachlos war. Vom Zimmer im fünften Stock kann er auf einen Hildesheimer Waldrücken blicken, wo er gelebt hatte. Seit zwei Jahren ist er trocken. „Plötzlich hat das Bier einfach nicht mehr geschmeckt, dann habe ich aufgehört.“ Auch mit dem Schnaps. Den brauchte er, um das Bier im Körper zu halten. War nicht mehr nötig, sagt er.
Verstand setzt wieder ein
Sein Glück. Der Verstand setzte wieder ein. Und er konnte das Leben in der Natur besser genießen. Bewusster. Das Leben mit den Tieren. Morgens stehen schon mal Wildschweine an seinem Zelt, nervig wird es, wenn in der Brunftzeit die Ricken rankommen und „blaffen“, wie er es nennt. „Das hört sich an wie das Bellen von einem überdimensionalen Hund, der Raucherhusten hat.“ Das Geräusch ist so bassig tief, „dass die Erde bebt“.
Einmal hat er miterlebt, wie ein Rotmilan einen ganzen Hasen geschlagen hat und mit ihm abfliegen wollte. Doch der Hase hat zurückgeschlagen, fiel auf den Boden und hetzte mit Hakenschlagen Richtung Dickicht. „Ich wollte es mit meinem Handy noch filmen“, sagt er, „aber dann hätte ich alles verpasst.“ In der Natur muss man Geduld haben. Viel Geduld.
Genervt von den „Stockgänsen“
Genervt haben ihn immer wieder die „Stockgänse“. Man muss wissen, dass Thomas D. nicht viel von laut schwatzenden Frauen hält. Vor allem nicht von älteren Damen mit Nordic Sticks, die in der Nähe seines Schlafplatzes auftauchen. Er hört sie schon von weiten – laut redend und lachend, erzählt er. „Dann bleiben die stehen und fragen sich, wo denn die Tiere sind“, schimpft er: „Die haben sie doch schon längst vor sich hergetrieben.“
Wenn wieder Ruhe war, da oben im Wald, oberhalb von Hildesheim, beruhigte sich sein Puls. Es dauerte meist lange, viele Schnäpse und Biere lang, bis er einschläft. Manchmal bekam er Besuch von Didi. Wie zu Weihnachten 2010, als es richtig stark geschneit hat. Ausgerechnet in seinem ersten Jahr da draußen.
Barfuß im Schnee
„Ich wollte schauen, ob du noch lebst“, hat ihn Didi aus seinem Zelt gelockt. Draußen herrschten Minusgrade, die beiden haben erstmal einen Kräuterlikör gezischt. Den letzten an dem Tag. Dann hat Thomas Kaffee gekocht. Barfuß im Schnee.
Er hat viel über die Szene der Obdachlosen zu erzählen, dass sich viele spinnefeind sind, es regelrechte Clans gibt, die sich die Butter nicht auf dem Brot gönnen. Und dass sich viele das Hirn mit Alkohol abschießen. Einigen wollten Didi und er noch helfen,obwohl sie schon am Ende angekommen waren. Einmal wurde Lars im Hafenbecken gefunden, erzählt Thomas. Suizid, meinte die Polizei. Blödsinn, sagt Thomas, der wurde um die Ecke gebracht.
Keinen Rucksack mehr schleppen
Er hatte sich längst an das Leben da draußen gewöhnt. Außerhalb der Zivilisation, in der es nur die tägliche Kohle und den Nachschub zum Essen und Trinken gab. Doch dann klopfte das Alter an die Tür, erzählt er. Als er allmählich 60 wurde. Gemerkt hat er es, als er einen Hügel rauf wollte, aber sein Körper nicht. „Gehe ich halt rum“, dachte er sich. Doch auch das wollte sein Körper nicht mehr. Und auch keinen Rücksack schleppen. „Trag den doch selbst, hat mein Körper mir gesagt“, erzählt er.
Das war der Punkt, an dem Schluss war mit draußen pennen. Didi war schon zwei Jahre tot, er selbst hatte sich nach einem Radunfall vier Tage durchgeschleppt, bis er sich ärztlich versorgen ließ. Die Schulter war ausgekugelt. Doch immer wieder zog es ihn nach draußen. Bis er im Oktober 2019 endlich mit Hilfe der Ambulanten Wohnungslosenhilfe seine Wohnung bekam. Hartz IV beantragte, wieder lernte, seine Post zu öffnen und ein Leben zu führen.
Ich brauche meinen festen Rhythmus
Nach einer Stunde Gespräch tönt der Sound von Big Ben von seinem Handy. Immer zur vollen Stunde: „Ich brauche meinen festen Rhythmus.“ Überhaupt Rhythmus. Obwohl er sich per Prepaid nur „wenige Minuten Internet“ im Monat leisten kann, hat er sich nach und nach eine Datenbank mit Musiktitel aufgebaut. Wenn er einen Song hört, der ihm gefällt, lässt er nicht locker, bis er alles über ihn weiß, Platte, Interpret, Erscheinungsjahr.
16 000 Titel hat er. Es waren viel mehr. 1,5 Terrabyte, sagt er. Doch die Festplatte ist kaputt. „Ich habe sie nicht mehr retten können“, sagt er. Das kann er. Technische Sachen. Auch in der Natur überleben: „Zu irgendwas muss die Bundeswehr ja schließlich gut sein.“
Jetzt heißt es, Corona überstehen
Und er hat angefangen, alte Filme aus einer alten Zeit zu schauen. „Bis ich den Löffel abgebe“, sagt er. Das kann aber noch dauern. Jetzt heißt es erstmal, Corona überstehen und seine Musikdatenbank auffüllen. Und ab und zu schaut er aus dem Schlafzimmerfenster auf sein altes Zuhause. Da draußen. Der Hildesheimer Wald.



