Der Countdown läuft

Zehn DFB-Pokal-Sensationen als Mutmacher für Hildesheim – Ex-VfV 06-Coach erzählt, wie er die Bayern rauswarf

Hildesheim - Am 18. August spielen die Oberliga-Fußballer des VfV Borussia 06 Hildesheim im DFB-Pokal gegen Zweitligist SV Elversberg. Eine klare Sache, könnte man meinen. Aber der Pokal ist reich an Sensationen und Überraschungen.

Das Trikot hält Andreas Golombek in Ehren: Mit dem damaligen Viertligisten 1. FC Magdeburg warf er die großen Bayern aus dem Pokal. 2011 schaffte er mit dem VfV 06 (rechtes Bild) die Qualifikation in die neue eingleisige Oberliga Niedersachsen. Foto: HAZ-Archiv

Hildesheim - „Ja, ich glaube daran, dass der VfV 06 eine Chance hat. Man muss nur an sich glauben und über sich hinauswachsen – dann hat man auch gegen einen Zweitligisten eine Chance.“ Das sagt Andreas Golombek, der die Oberliga-Fußballer des VfV Borussia 06 Hildesheim von 2005 bis 2012 trainierte, vor dem DFB-Pokalspiel gegen den SV Elversberg am kommenden Sonntag (15 Uhr, Friedrich-Ebert-Stadion).

Die Bayern rausgeschmissen

Golombek selbst war an einer der größten Sensationen in der Geschichte des DFB-Pokals persönlich beteiligt. Den 1. November 2000 wird er nie vergessen. „Keiner hätte gedacht, dass wir den großen FC Bayern München aus dem Pokal schmeißen“, erzählt Golombek.

Er spielte damals für den 1. FC Magdeburg. Oberligist gegen Rekordmeister – es war ein ungleiches Duell in der zweiten Pokalrunde. Doch der große Außenseiter lieferte den Stars um Oliver Kahn, Willy Sagnol und Thomas Strunz einen epischen Kampf. 1:1 stand es nach 120 Minuten, Magdeburg gewann das Elfmeterschießen mit 4:2.

„Golo“ verlädt Oliver Kahn

Auch „Golo“ trat an, er verwandelte den dritten Elfmeter gegen Oliver Kahn. Die Bayern-Stars Jens Jeremies und Giovane Elber verschossen, der Magdeburger Dirk Hannemann machte die Sensation perfekt. Danach herrschte im Ernst-Grube-Stadion der Ausnahmezustand, 26.000 Zuschauer rasteten völlig aus und feierten die Magdeburger Pokalhelden. „Das sind Momente, die du niemals vergisst. Das kann dir keiner mehr nehmen“, schwärmt Golombek.

Die Spiele des VfV 06 verfolgt Golombek, der in Senne (bei Bielefeld) lebt, aus der Distanz. Beizeiten lässt er sich selbst im Friedrich-Ebert-Stadion blicken. „Ich habe mit Präsident Michael Salge, Lutz Hille, Guido Danne und vielen Spielern Kontakt“, erzählt er. „Ich freue mich, dass der VfV 06 nach 47 Jahren endlich wieder im DFB-Pokal dabei ist.“

„Ich drücke die Daumen“

Während seiner aktiven Zeit spielte Ex-Profi Golombek unter anderem bei Arminia Bielefeld, VfL Osnabrück, Grazer AK und in Magdeburg. Hildesheim war seine letzte Station als aktiver Spieler (2003 bis 2005) und seine erste Wirkungsstätte als Trainer (2005 bis 2012).

Danach coachte er die Drittligisten SC Verl und Sportfreunde Lotte sowie den BSV Rehden und Rot-Weiß Ahlen (bis 2023). Aktuell hat der Fußball-Lehrer keinen Trainerjob. Doch der 56-Jährige ist überzeugt: „Es wird die Zeit kommen, wo Trainer gesucht werden und sich wieder eine Tür öffnet.“ Ob er am Sonntag selbst im Friedrich-Ebert-Stadion ist, weiß er noch nicht, aber Golombek verspricht: „Ich drücke dem VfV 06 fest die Daumen. Nichts ist unmöglich.“

Marc Vucinovics Pokalcoup

Auch der aktuelle VfV 06-Trainer Marc Vucinovic weiß, wie man einen Pokalcoup schafft. Den 19. August 2012 wird er immer in Erinnerung behalten. „Das Spiel ist immer noch sehr präsent. Genau für solche Erlebnisse und Erinnerungen spielt man Fußball.“ Das Spiel – damit meint der heutige Coach des VfV Borussia 06 Hildesheim die DFB-Pokal-Erstrundenbegegnung zwischen dem TSV Havelse und dem 1. FC Nürnberg.

Vucinovic kickte damals für den TSV und schaffte die Sensation, der Zweitligist schied aus – und Vucinovic höchstpersönlich traf in der Verlängerung zum 3:2-Sieg. An die Szene erinnert er sich noch bestens. „Saliou Sané hatte eine Riesenchance. Der Ball rollte vor meine Füße, und dann hatte ich nur den Gedanken: Ich muss das Ding jetzt machen.“ Gesagt, getan – der Rest? „Du hörst das Stadion, siehst alle auf dich zulaufen, dann entsteht Chaos im Kopf. Ich wurde von meinen Mannschaftskollegen begraben“, schmunzelt er. „Da werden Gefühle freigesetzt, die unbeschreiblich sind.“

„Das Spiel deines Lebens“

Das Rezept für eine Pokal-Sensation? „Als Underdog musst du das Spiel deines Lebens machen“, erklärt der VfV-Coach. „Wir haben damals nicht aufgehört, zu laufen, zu kämpfen und zu beißen. Du musst immer an die eine kleine Chance glauben. Man wird nicht viele bekommen, aber wenn man sie bekommt, dann muss man dem Favoriten weh tun.“

Er erzählt: „Dass wir das Spiel in der Verlängerung gewinnen, war der Wahnsinn – eigentlich ist es meist so, dass sich über die längere Dauer der Favorit doch noch durchsetzt und den Kopf aus der Schlinge zieht.“ Vucinovic weiß: „Es muss schon viel zusammen kommen, um eine Sensation zu schaffen.“


Von Geislingen bis Elversberg: Weitere Pokalsensationen

SC Geislingen – Hamburger SV 2:0. Am 31. August 1984 blamierte sich der HSV, damals deutscher Meister und Europacupsieger, beim Drittligisten SC Geislingen. Trainer Ernst Happel hatte extra noch ein Trainingslager organisiert. Nutzte nichts! HSV- Spielmacher Felix Magath war bedient: „Die eigentliche Katastrophe ist, dass wir überhaupt keine Siegchance hatten.“

FC Weinheim – Bayern München 1:0. Die großen Bayern traten am 4. August 1990 einen Monat nach dem WM-Sieg in Rom mit etlichen Weltmeistern beim badischen Oberligisten an. Zum Pokalhelden aber wurde kein Weltmeister, sondern Thomas Schwechheimer. Der erzielte per Elfmeter das Siegtor – und die Bayern rannten vergeblich an.

TSV Vestenbergsgreuth – Bayern München 1:0. Wieder die Bayern – und wieder eine Pokal-Blamage. Am 14. August 1994 setzte es beim Regionalligisten SV Sandhausen eine Pleite. Diesmal war Roland Stein der gefeierte Held, er traf nach 43 Minuten zum 1:0-Sieg – sehr zum Ärger von Bayern-Coach Giovanni Trapattoni.

SV Sandhausen – VfB Stuttgart 15:14 n.E. 2:2 stand es am 27. August 1995 zwischen dem Regional- und Erstligisten nach 120 Minuten. Es folgte das bis dato längste und torreichste Elfmeterschießen in der Geschichte des Pokals, das der große Außenseiter schließlich gewann.

VfB Stuttgart II – Eintracht Frankfurt 6:1. Am 26. August 2000 demontierte der Drittligist die Frankfurter Bundesliga-Kicker nach allen Regeln der Kunst. Es war der höchste Sieg eines Drittligisten gegen eine Erstliga-Mannschaft im DFB-Pokal.

SSV Ulm – 1. FC Nürnberg 2:1. Auch der 26. August 2001 war ein historischer Pokaltag, denn erstmals gewann ein Fünftligist gegen einen Erstligisten. Ein Jahr zuvor war Ulm noch erstklassig gewesen, stürzte nach einer Insolvenz aber bis in die Verbandsliga ab.

FK Pirmasens – Werder Bremen 4:1 n.E. WM-Torschützenkönig Miroslav Klose hatte Werder an diesem 9. September 2006 mit seinem Treffer zum 1:1 gegen den Regionalliga-Aufsteiger in die Verlängerung gerettet. Doch im Elfmeterschießen verschossen gleich drei Bremer Profis. Held des Tages war FKP-Torwart Rainer Schwarz. Der war eigentlich nur Ersatzkeeper, erzählte seinem Trainer aber, dass er noch nie ein Elfmeterschießen verloren habe. Schwarz hielt zwei Bälle – und die Werder-Profis waren raus.

SV Elversberg – Bayer Leverkusen 4:3. Der SV Elversberg, Pokalgegner des VfV 06, sorgte am 30. Juli 2022 für eine dicke Pokalüberraschung. Der frisch gebackne Drittliga-Aufsteiger gewann gegen den Erstliga-Topklub Bayer Leverkusen mit 4:3. Nach einem 1:2-Rückstand drehte der Underdog das Spiel.

von Thorsten Berner und Maximilian Willke

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