Von Martina Prante
Hildesheim. Jeder Mensch hat eine Macke“, ist Craig Simmons überzeugt. „Aber manche verbergen sie besser als andere.“ Genau so entstünden die Konflikte, die sich beim Musical „Elternabend“ zuspitzten. „Dazu kommt die nicht immer gesunde Gruppendynamik“, amüsiert sich der Leiter der MusicalCompany des TfN. Denn zumindest am Anfang ist das Treffen in der Nachmittagsbetreuung vor allem lustig, verspricht Simmons. Doch dann wird es – ähnlich wie im Film „Frau Müller muss weg“ von 2015 – bitterböse. „Ich liebe sowas – es geht boulevardesk los. Und dann – eine Mogelpackung.“
Vier verschiedene Genres will Simmons pro Spielzeit vorstellen: Das Musical für die reife Generation (dieses Jahr „Brücken am Fluss“), für die ganze Familie („Addams Family“), das Experiment („Jasper in Deadland“) und ein deutsches Musical. „Elternabend“ (2003) stammt – wie „Erwin Kannes“ – aus der Feder von Thomas Zaufke und Peter Lund.
Unter den deutschen Autoren und Komponisten die besten und talentiertesten, findet der Musicalchef. „Die beherrschen Musical“, verweist er auf den inhaltlichen 90er-Jahre-Mix à la „Sex and the City“, „Golden Girls“ und „Desperate Housewives“. Lund habe zudem einen sehr guten Blick für alltägliche Begebenheiten, die er aufgreife. Im Falle von „Elternabend“ war das ein Zeitungsartikel über den vermeintlichen Selbstmord eines Kindes. „Da kann man sofort andocken.“
Auch die Typen von Müttern und Vätern, die sich bei dem Elternabend träfen, seien aus dem Leben gegriffen: die Anführerin, der Mitläufer, das Opfer. Genau wie die Freundschaft, die keine mehr sei, oder die Ehe, die nicht mehr funktioniere: „Alles sehr realistisch.“
Das Besondere und die Herausforderung an dem „Schauspiel mit Musik“ sei allerdings, dass die Eltern gleichzeitig die Kinder spielten. „Am Anfang sind die Szenen getrennt, später vermischen sie sich.“ Das heißt, man könne erkennen, wie die Eltern mal als Kinder waren beziehungsweise, was aus den Kindern mal werden wird.
Die intensive Arbeit an den komplexen Charakteren steht für Musical-Chef Craig Simmons im Vordergrund seiner Regiearbeit: „Das Musical lebt von den Figuren, ihren Problemen, ihrem Dilemma und wie sie versuchen, zu überleben.“ Was ihm besonders gut gefällt: „Dass viele Fragen gestellt, aber nicht alle beantwortet werden.“ Simmons vermutet, dass Autor Lund keine gute Meinung über Menschen habe: „Der ist noch zynischer als ich.“ Ansonsten arbeitet Craig Simmons werktreu: „Das Musical funktioniert einfach ohne große Eingriffe.“
Das findet auch der musikalische Leiter Andreas Unsicker. Die musikalische Handschrift von Thomas Zaufke kenne man aus „Erwin Kannes“. Allerdings kommen in „Elternabend“ mehr Jazz-Elemente dazu und Soul aus den 60ern: „Musik, die für eine heile Welt steht und die Sehnsucht, dass es schön wird.“ Das wirke herrlich absurd zu den Szenen, „wo die Welt eben überhaupt nicht in Ordnung ist.“ Zudem beschreibt Unsicker chansonhafte Elemente, „die von der Sprache her gestaltet werden“. Die sechs Musiker in der ungewöhnlichen Besetzung Trompete, Holzbläser und Geige (dazu kommen Bass, Schlagzeug und Klavier/Keyboards) werden auf der Bühne hinter dem Kasperletheater sitzen und spielen.
Für die Bühne haben sich Simmons und TfN-Ausstattungsleiter Hannes Neumaier eine Welt aus Legosteinen ausgedacht: „Wir haben uns überlegt, wie Kinder das kreiert hätten.“ Ein Abbild eines realistischen Kindergartens wäre viel zu langweilig gewesen, findet Simmons.
Für die rund zehn Tanznummern zeichnet Dominik Büttner aus Berlin verantwortlich. Er lobt den musikalischen Mix mit Anleihen an Calypso, Swing, R’n’B oder Rumba. „Was das Duo gut kann: Draufschauen, wie der Deutsche tickt. Man erkennt sich selber wieder.“ Und das wollte er choreografisch umsetzen.
Die Premiere ist am Samstag, 11. Mai, um 19 Uhr im Stadttheater. Weitere Vorstellungen in diesem Monat sind am 13., 18. und 26. Mai. Karten kosten zwischen 12 und 36 Euro und sind im TicketShop der HAZ in der Rathausstraße im Stadttheater, unter 16 93 16 93 oder unter www.tfn-online.de erhältlich.
