Elze/Nordstemmen - Nach einer Zugentgleisung im vergangenen Dezember mit mehrmonatigen Behinderungen des Zugverkehrs gibt es jetzt erste Informationen über die Ursache und den Ablauf des Unfalls. Demnach ist am 23. Dezember eine Radscheibe an dem Güterzug gebrochen, wie aus einem Zwischenbericht der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung hervorgeht.
Der folgenschwere Unfall begann laut dem Bericht bereits um 11.40 Uhr im Bahnhof Nordstemmen. Der Güterzug mit dem Namen GAG 47927 war auf dem Weg vom Hansaport in Hamburg-Waltershof zu den Stahlwerken im österreichischen Linz, als der erste Radsatz des 35. Wagens entgleiste. Der Lokomotivführer eines entgegenkommenden Güterzugs erkannte die Entgleisung durch umherfliegenden Schotter und setzte daher per Funk einen sogenannten Nothaltauftrag ab, um den Zugverkehr zu stoppen.
Vier Kilometer mitgeschleift
Trotzdem fuhr der Zug nach Erkenntnissen der Ermittler der Bundesstelle noch vier Kilometer weiter. Erst kurz vor dem Bahnhof Elze entgleiste der Wagen im Bereich einer Weiche vollständig. Die Wagen 36 bis 41 gerieten aus den Gleisen und der Zug wurde auseinandergerissen. Weil dabei auch die Hauptluftleitung des Güterzugs getrennt wurde, wurde eine Zwangsbremsung ausgelöst.
Vor allem durch das Mitschleifen des entgleisten Rads über die lange Strecke entstanden hohe Schäden. Aber auch die Leit- und Sicherungstechnik sowie die beteiligten Fahrzeuge wurden erheblich beschädigt. So trafen Schottersteine das Triebfahrzeug des entgegenkommenden Zugs. Beide Lokführer wurden leicht verletzt.
Massive Auswirkungen auf den Bahnverkehr
Die massiven Sachschäden sind der Grund dafür, dass der Bahnverkehr zwischen Nordstemmen und Banteln monatelang unterbrochen war. Fahrgäste mussten auf eingesetzte Busse ausweichen. Erst seit Mitte März läuft der Verkehr auf der Strecke wieder.
Ursache für den Vorfall ist nach den ersten Erkenntnissen der Bundesstelle eine gebrochene Radscheibe. „Bruchstücke dieser Radscheibe konnten am Anfangspunkt der Entgleisungsspuren aufgefunden werden“, schreiben die Experten in ihrem Bericht.
Teil einer ganzen Serie von Unfällen?
Die Ermittlungen in dem Fall sind indes noch nicht abgeschlossen. Die Bundesstelle hat einen Gutachter beauftragt, der das betroffene Rad sowie die anderen Räder des Wagens einer Materialprüfung unterziehen soll.
Schon jetzt aber deutet sich an, dass der Unfall Teil einer ganzen Serie ähnlicher Vorfälle im europäischen Bahnsystem ist. „Diese Serie betrifft Radscheibenbrüche an Güterwagen und ist bereits seit mehreren Jahren Gegenstand umfangreicher Expertenberatungen.“ So war etwa an Silvester, also acht Tage nach dem Unfall in Elze, ein Güterzug im Landkreis Rosenheim entgleist. Auch dort war ein Radscheibenbruch Unfallursache. Das gilt auch für die Entgleisung eines Güterzugs 2023 im Gotthard-Tunnel mit einer Schadenhöhe von umgerechnet rund 96 Millionen Euro.
Bereits 2017 wies Deutsche Bahn auf Risiko von Radscheibenbrüchen hin
Bereits 2017 wies die Deutsche Bahn ihre Mitarbeitenden in einer „Fahrzeugtechnischen Weisung“, die öffentlich im Internet abrufbar ist, auf die Probleme hin: „Es ist daher vermehrt auf Schäden im Bereich der Lauffläche und Radscheibe zu achten. Stellen Sie Merkmale fest, die auf diese Schäden schließen lassen, muss an dem betroffenen Radsatz eine Sichtprüfung der Außen- und Innenflächen, der Radsatzlauffläche und der Radscheibe erfolgen.“
Ein Sprecher der Deutschen Bahn wollte sich zu konkreten Konsequenzen nach dem Unfall bei Elze noch nicht äußern. „Wir bewerten derzeit den Zwischenbericht“, sagte der Sprecher. Sicherheit sei das oberste Gebot im Eisenbahnverkehr: „Wir haben das höchste Interesse, den Betrieb noch sicherer zu gestalten und stehen darum mit den zuständigen Behörden in engem Austausch und unterstützen sie bei den Ermittlungen. Sollten sich daraus Änderungen in den behördlichen Regelwerken und Zulassungsvorschriften ergeben, würden diese dann die gesamte Branche des Schienengüterverkehrs betreffen und nicht allein DB Cargo.“
