Bettmar - Da stand dieser junge Mann 1973 vor der Tür im niederländischen Enkhuizen und fragte, ob Gre Vok für ein Jahr mit nach Deutschland kommen würde, um ihm bei der Arbeit dort zu helfen. Die Mutter von Gre habe keine Minute gezögert, erinnert sich Peter Visser. „Nimm’ sie mit!“, habe sie gesagt. Schließlich habe sie noch neun weitere Kinder. Noch am gleichen Tag saß das junge Mädchen bei Visser im Auto und sie fuhren in Richtung Deutschland. Sie, die künftigen Eigentümer des Gartenmarktes in Bettmar.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie gleich einsteigen würde
„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie gleich einsteigen würde“, gesteht Visser. Doch die gerade einmal 18-Jährige tat es. Und es dauerte nicht lange, da verliebte sie sich in den acht Jahre älteren Mann. 50 Jahre ist es her, dass Gre und Peter Visser ihre Heimat verließen.
Schon 1968 Niederlande verlassen
Nein, ihre Herkunft können die Vissers nicht leugnen, zu stark ist der niederländische Akzent. Auch nach 50 Jahren noch. Peter Visser, ebenfalls mit neun Geschwistern aufgewachsen, verließ seine Heimat schon 1968. Wie der Vater wurde auch er Gärtner und bekam über einen Blumenzwiebelgroßhändler die Adresse eines Betriebes in Borsum, bei dem er sich vorstellen sollte. Der junge Mann machte sich auf den Weg, ohne auch nur ein einziges Wort Deutsch zu können und bekam die Stelle. Mit einem klaren Ziel vor Augen: In seiner neuen Heimat wollte er sich schnell selbstständig machen. An seiner Seite ab 1973 Gre, die zwar Deutsch in der Schule gelernt, aber Null Ahnung von Blumen hatte.
Wenn das Paar heute davon erzählt, hört es sich beinahe unbeschwert und leicht an, wie sie in ein neues Leben gestartet sind. Doch es bedeutete auch viel Arbeit. Auf der Suche nach einem geeigneten Standort für sein Geschäft, kam Peter Visser auf Bettmar. Dort stellte er sich an die Hildesheimer Straße, zählte Autos und kam zu dem Schluss: Hier soll es sein.
In der kleinen Verkaufsbude bekam man Winterfüße
Eine kleine Verkaufsbude war sein erster Laden. „Da bekam man Winterfüße“, erzählt Gre Visser und meint kalte Füße. Immerhin war es Januar, als sie zum Helfen nach Bettmar kam. Aber kalte Füße vor der Aufgabe bekam sie nicht. Sie packte mit an und plante für den Sommer eine Reise nach Lorette de Mar mit ihrer besten Freundin Rai, Vissers Schwester. Peter Visser reiste mit, im Gepäck zwei Ringe.
Von der Bude in eine Scheune
„Ich fand ihn ja nicht auf Anhieb gut“, erzählt Gre Visser. Doch die Liebe kam und blieb. Die Ringe aus dem Gepäck tragen sie noch heute, im 49. Jahr ihrer Ehe. Auch ihr Hochzeitskleid gibt es noch: Ein grünes Kleid mit beiger Spitze, dazu trug sie einen passenden Hut. Peter Visser, heute 76 Jahre alt, passte sich an und zog ein grünes Hemd zur Trauung an. Die Farbe passte zu ihrer Branche und zum Spitznamen von Visser, der in Bettmar lange Zeit Tulpen Peter genannt wurde. Am Ortsausgang hatte er damals ein ganzes Feld mit Tulpen angelegt. Nachdem Kloth Senking als Mieter der Scheune an der Hildesheimer Straße ausgezogen war, zog 1976 Blumen Visser ein.
Nebenbei Floristin gelernt
„In dem Jahr hatten wir unsere erste kleine Adventsausstellung“, erinnert sich Peter Visser. Die wurde mit jedem Jahr etwas größer, ebenso wie der Betrieb. Neben der Arbeit in der Gärtnerei lernte Gre in Hannover das Floristenhandwerk.
Ich war für die Dekoration zuständig
„Ich war für die Dekoration zuständig“, sagt sie. Und dass ist sie heute mit 69 Jahren immer noch – wenn es um die Gestaltung ihres Gartens geht. 1979 kam Tochter Friederike zur Welt, die heute in Groß Ilsede lebt, und 1981 Renske, die mittlerweile in Dubai ihr Zuhause hat.
Auswandern nach Australien?
1982 dachten die Vissers noch einmal ans Auswandern. Ihr Ziel: Australien. Drei Wochen waren sie dort zu Gast, als sie feststellten, dass im Melbourner Telefonbuch schon allein 33 Vissers standen. Da meinten sie, dass sie in Australien nicht gebraucht würden und kamen zurück. Auch, weil sie hier näher an ihrer alten Heimat sind, die sie mehrmals im Jahr besuchen.
In Bettmar bauten sie ein weiteres Gewächshaus, schlossen sich örtlichen Vereinen an und starteten jeden Tag um 3.30 Uhr ihren Arbeitstag mit der Fahrt zum Großmarkt in Hannover. 2014 verkauften sie ihr Geschäft an Hans-Heinrich Lehnhoff, der den Namen Visser beibehielt. 2021 schied Peter Visser aus, ein Jahr später Gre. Seitdem widmen sich die zwei ihrer immer größer werdenden Familie mit ihren vier Enkelkindern und dem Garten gleich neben ihrem einstigen Betrieb.
Fleißiges Lieschen
Dort kann Peter Visser auf eine Blumensorte nicht verzichten, die seine Frau allerdings gar nicht mag: Fleißiges Lieschen. „Wieso?“, sagt er und lacht als er sieht, wie seine Gre die Augen verdreht. „Ich habe doch ein fleißiges Lieschen geheiratet.“ Bis heute hegt Gre übrigens Zweifel daran, dass ihre Mutter sie leichten Herzens und mit Verweis auf die anderen neun Kinder hat gehen lassen.


