Hildesheim - Seine schönste Erinnerung ans VfV-Freibad? Bei der Frage muss Dieter Kanstein nicht lange überlegen. Sie geht zurück aufs Jahr 1961, und was an jenem Tag im November los war und warum sein Erlebnis eigentlich gar nichts direkt mit Wasser oder Schwimmen zu tun hat, das kann der 77-Jährige Brillenträger mit dem kurz geschorenen silbergrauen Resthaar und dem Stoppelbart ohne Umschweife sofort erzählen.
Die schönste Erinnerung ans Bad hat gar nichts mit Schwimmen und Wasser zu tun
Also, damals sind die Fußballer des HSV zu Gast im Friedrich-Ebert-Stadion, unglaubliche 26.000 Zuschauer füllen die Ränge. Da ist kein Platz für den Jungen, zumindest findet er keinen, von dem aus er richtig sehen kann, was auf dem Platz vor sich geht. Kurzerhand entscheidet sich Kanstein zum illegalen Einstieg aufs direkt nebenan gelegene Gelände des 1948 eröffneten Freibads, er klettert aufs Dach des kleinen Baus, in dem Technik und Kassenhäuschen untergebracht sind. „Ich war ganz allein da oben“, erzählt Kanstein heute, während er im blauen Polohemd auf einer Bank direkt vor eben jenem Gebäude sitzt; er grinst, freut sich offensichtlich noch immer diebisch und ist stolz darüber, dass er damals die Idee zur Kletteraktion hatte. Damals, es ist der 5. November, ist wahrlich keine Freibadsaison mehr, das Schwimmerbecken auf der stadionabgewandten Seite des Gebäudes ist längst leer. In der anderen Blickrichtung aber, da liegt der Fußballplatz jetzt zu seinen Füßen, der 13-Jährige hat vom Dach aus den perfekten Blick auf den Rasen, wo der VfV in der zu der Zeit höchsten Spielklasse Nord-Westdeutschlands, der Oberliga Nord, den großen HSV samt Uwe Seeler spektakulär niederringt und mit 3:0 schlägt. Kanstein grinst über die Anekdote, was für ein Spiel, was für ein Erlebnis für den Jungen, der er einst war!
Und nun, im Juli des Jahres 2025, kümmert er sich tatsächlich genau in diesem Gebäude, auf dessen Dach er damals stand, um die Technik des Freibads. Wasserfilter, Umwälzpumpe, was eben dazu gehört, Kanstein behält die Übersicht. Ehrenamtlich. Wer hätte das damals gedacht! Auch, weil Anfang der 1960er Jahre sogar eben wegen der Erfolgsphase der VfV-Kicker zeitweilig darüber nachgedacht wird, die Wasserbecken zuzuschütten, um Platz zu schaffen für weitere Fußball-Rasenflächen.
Nun, im Sommer 2025, sitzt Kanstein seit einigen Wochen sogar mit im Vorstand des VfS, dem Tochter-Verein des VfV, der das Freibad betreibt. „Vom Alter her sollte ich da eigentlich nicht mehr mitmischen...“, sagt der 77-Jährige. Aber wegducken, wenn Leute gebraucht werden? Das ist auch nicht seine Sache. Schon früher nicht. Seine bis heute feste Bindung zum Verein entsteht, als seine Tochter Mitte der 1980er Jahre mit dem Schwimmsport anfängt. „Und wenn man bei Wettkämpfen sowieso dabei ist, dann kann man auch sonst mal mit anpacken“, fasst er knapp das Verständnis von Einsatzbereitschaft und Gemeinschaftsgefühl zusammen, ohne das viele Vereine wie der VfV ihren Betrieb wohl einstellen könnten. Was VfS-Vorstandsmitglied Tom Bodenbach bestätigt: „Ohne die Ehrenamtlichen könnte das Freibad von uns nicht betrieben werden.“ Bodenbach will mit dem neu zusammengesetzten Gremium die Modernisierung des Bads vorantreiben, zum Beispiel bei der Digitalisierung des Ticketverkaufs. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, Fördermittel einzuwerben. Denn klar ist: „Aus Vereinsmitteln können wir das nicht finanzieren.“
Dieter Kanstein, der mehrmals die Woche zum Schwimmen kommt, will bei alldem mithelfen, aber lieber „in der zweiten Reihe“. Da fühle er sich deutlich wohler als ganz vorne.
„Es gibt immer was zu tun“ Armin Garbrecht
Einer, der mittlerweile auch schon länger im Rentenalter ist und nicht loslässt, loslassen will, kann, oder vielleicht auch nicht losgelassen wird von diesem Verein und dem Freibad, ist Armin Garbrecht, 72, und er hat heute Baddienst. Schwimmaufsicht, Kioskverkäufer, Kassierer, alles in einem. Dass wegen der Wetterlage (dazu später mehr) heute wenige Gäste da sind, heißt nicht, dass er sich langweilt. „Es gibt immer was zu tun.“ Mal ist es das Rasenmähen, oder das Heckeschneiden, Kiosk-Aufräumen, irgendwas liegt schon an.
Das Wasser, das Schwimmen, ob in der Halle oder im Freien, sind Teil seines Lebens, so lange er denken kann. Zwischenzeitlich auch auf Leistung, so mit 14 muss das gewesen sein überlegt er, da habe er immerhin mal an den Deutschen Jugendmeisterschaften teilgenommen. „Ich bin früh einfach immer dabei gewesen, wenn es ins Wasser ging“, erzählt Garbrecht an diesem Sommertag auf der Bank neben Kanstein sitzend. Sein Vater nimmt ihn als kleines Kind mit, wenn es an den Müggelsee, ins Hallenbad oder ins Freibad geht. Ab seinem zehnten Lebensjahr ist er regelmäßig auf dem VfV-Gelände und in den Becken an der Pottkuhle unterwegs. Schwimmen lernt er schon viel früher, als kleines Kind „spielerisch, fast nebenbei“ erzählt Garbrecht. Durch gucken, nachmachen, probieren bis es klappt. Dass er als Kind nach Absegnung seines Vaters oder sogar auf dessen Vorschlag hin waghalsige Sachen macht, die er heute als Aufsicht am Beckenrand wohl unterbinden würde, das gehört auch zum Aufwachsen und Schwimmenlernen in einer anderen Zeit. Alles ändert sich. Den Sprungturm, in Freibädern stets Anziehungspunkt für übermütige Halbstarke und potenzielle Gefahrenquelle, gibt es beim VfV schon seit 1968 nicht mehr. Die alte Konstruktion müsste damals erneuert werden, um den Sicherheitsbestimmungen gerecht zu werden; der Verein entscheidet sich zum einen aus Kostengründen für den Abbau, aber auch, weil das Becken nach einem Umbau ohnehin nicht mehr tief genug ist für tollkühne Sprünge vom 3-Meter-Brett.
„Die Leute gucken in ihre Wetter-App, oft schon eine Woche im Voraus, und wenn da dann steht, dass es am nächsten Donnerstag regnen soll, dann kommen sie am Donnerstag nicht, auch wenn es gar nicht regnet und wir blauen Himmel haben“ Armin Garbrecht
An diesem Juli-Nachmittag kommt nun doch noch die Sonne raus, die Wolkendecke reißt nach mehreren Regenschauern auf, es ist angenehm warm. Gutes Freibadwetter. Eigentlich. Aber, auch das ist anders als früher, wissen Garbrecht und Kanstein. Es gab Zeiten, da hätten die Menschen halbwegs spontan nach einem Blick in den Himmel entschieden, ob sie ihre Sachen packen, zum Schwimmen gehen. Und heute? „Die Leute gucken in ihre Wetter-App, oft schon eine Woche im Voraus, und wenn da dann steht, dass es am nächsten Donnerstag regnen soll, dann kommen sie am Donnerstag nicht, auch wenn es gar nicht regnet und wir blauen Himmel haben“, sagt Garbrecht.
Neulich, da passen App-Vorhersagen und tatsächliches Wetter überein, es ist nicht nur warm, sondern heißt, die Sonne brennt, und das Bad-Gelände ist voll. Bis zu 500 Gäste sind den Tag über da. „Auf der Wiese wäre noch ein bisschen Platz gewesen“, sagt Garbrecht, lacht und ergänzt: „Aber im Becken gab es zeitweise nur Stehplätze.“
Ruhig, familiär – hier brauche man keinen Sicherheitsdienst, freuen sich die Ehrenamtlichen
Was Kanstein und Garbrecht schon immer schätzen: Auch wenn es voll ist, ist die Stimmung im Bad angenehm familiär ruhig. „Wir brauchen keinen Sicherheitsdienst“, sagt Garbrecht nicht ohne Stolz. Eine teilweise Erklärung liefert er auch noch mit: Als Gäste kommen vor allem ältere Semester und Familien mit Kindern, die werden dann älter, und während der jugendlichen Sturm-und-Drang-Phase kommen viele nicht mehr, „das ist ihnen hier dann vermutlich zu langweilig“. Aber dann, ein paar Jahre später sind viele wieder da, wenn sie eigene Familien haben – „weil sie sich daran erinnern, wie angenehm ruhig es hier ist.“
Garbrecht fällt etwas ein, am Beckenrand stehend kramt er sein Handy aus der Tasche, grinst und streckt es einem entgegen: „Das ist doch ein tolles Bild, oder?“ Auf dem Display läuft ein Video, zu sehen sind zwei Schwimmerinnen die gemütlich miteinander plaudernd ihre Bahnen durchs 26 Grad warme Wasser ziehen – und zwei Enten, die die beiden Frauen in entgegengesetzter Richtung passieren. „Alles einträchtig, so ist das hier“, kommentiert Garbrecht und steckt das Handy lächelnd wieder ein.
Damit dass so bleibt, es hier weitergehen kann im Bad trotz der finanziellen Herausforderungen, packen Garbrecht und Kanstein und all die anderen mit an, ehrenamtlich oder gegen eine kleine Aufwandsentschädigung wie für den Baddienst. Jede Hand zählt. Auch die von Kansteins Frau Petra, die zusammen mit der weiteren Ehrenamtlichen Christa Prellwitz diese für einen anständigen Freibadbetrieb nicht zu unterschätzende Aufgabe unternimmt: das Packen der bunten Tüten für den Kiosk. Wer nun Dieter Kanstein die entscheidende Frage nach dem richtigen Inhalt stellt – mit oder ohne –, bekommt als erstes ein Lächeln, dann die glasklare Antwort: „Also, wenn es nach mir geht: Immer mit Lakritz!“



