Hildesheim - Wir kommentieren keine Körper, weder im Netz noch im echten Leben, liebe Katharina – das ist ein Vorsatz, den wir beide wohl genauso wie viele andere unterschreiben würden.
Heutzutage gilt die Fünf-Minuten-Regel: Alles, was nicht auf die Schnelle behoben werden kann, wird nicht kommentiert. Punkt, aus, Ende. Du hast Spinat zwischen den Zähnen? Klar, da gebe ich dir Bescheid. Aber ob eine gute Bekannte jüngst zehn Kilo zu- oder abgenommen hat, ist ihre Sache – da braucht es keinen Kommentar von anderen.
Ein Dilemma
„Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag’ lieber gar nichts“ – davon bin ich große Verfechterin. Aber ich stehe nun vor einem Dilemma. Denn als ich die jüngsten Videos von Ariana Grande gesehen habe, die gerade nach sieben Jahren Pause wieder auf Tournee ist, fiel es mir schwer, ihr Aussehen nicht zu kommentieren.
Grande, die in den vergangenen Jahren eine der Hauptrollen in den beiden Wicked-Filmen verkörperte, hat während der Dreharbeiten enorm an Gewicht verloren. Nun steht die 32-Jährige wieder auf der Bühne, und die Videomitschnitte ihrer Auftritte zeigen erschreckend, wie sehr sich die Sängerin verändert hat.
Grandes Publikum besteht vor allem aus jungen, weiblichen Fans
Wie Grande körperlich in der Lage sein will, in den kommenden Monaten 40 Konzerte zu geben, ist mir schleierhaft – ich muss das aber ja auch gar nicht wissen oder verstehen. Ich bin weder ihre Ärztin, noch weiß ich etwas über ihren tatsächlichen gesundheitlichen Zustand.
Was aber alles andere als weit hergeholt ist: Dass Grandes Publikum vor allem aus jüngeren, weiblichen Fans besteht. Die wachsen gerade sowieso in einer Zeit auf, in der Gesichter auf Instagram bis zur Unkenntlichkeit retouchiert und Abnehmspritzen vermarktet werden.
Eine Gratwanderung
Und die sehen nun dabei zu, wie ihr Idol immer dünner wird und die Choreografien für ihre größten Hits in abgespeckter Version tanzt, weil für alles andere mutmaßlich die Kraft fehlt. Puh. Wie schafft man die Gratwanderung zwischen „nicht mein Körper, nicht meine Angelegenheit“ und ehrlicher Besorgnis, Katharina?
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.
