Wechsel an der Inspektionsspitze

Zwischen Cybercrime und Streife auf dem Dorf: So will Hildesheims Polizeichef für Sicherheit sorgen

Hildesheim - Der neue Hildesheimer Polizeichef über die Freude am Beruf, Terrorismus, kriminelle Clans – und den Respekt vor dem neuen Job in seiner Heimatregion.

Michael Weiner, seit Anfang April Leiter der Polizeiinspektion Hildesheim. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Man muss sich Michael Weiner in diesen Tagen als sehr zufriedenen Menschen vorstellen. Noch ehe der neue Leiter der Polizeiinspektion Hildesheim etwas sagt, strahlt er mit jeder Faser aus: Ich bin angekommen und ich fühle mich wohl. Wenn der 52-Jährige dann spricht, sagt er Sätze wie diese: „Es ist eine besondere Ehre und Herausforderung, dort für Sicherheit und Ordnung einzustehen, wo man auch lebt“, „Ich habe mit großem Respekt verfolgt, wie mein Vorgänger die Inspektion geführt hat“, „Ich hatte einen ganz tollen Start hier, es war ein sehr angenehmer, herzlicher Empfang“.

Nun ist er Chef von mehr als 500 Mitarbeitern

Erst 16 Jahre ist Michael Weiner alt, als er 1985 mit der Ausbildung zum mittleren Vollzugsdienst seine Laufbahn bei der Polizei beginnt, die ihn im Lauf der Jahre über diverse Posten, unter anderem im Innenministerium, als Kommissariatsleiter in Holzminden, Dezernatsleiter bei der Polizeidirektion Göttingen und als Chef der Polizei Northeim nun an die Spitze der Inspektion an der Schützenwiese führt. Hier arbeitet er 2017 bis 2018 schon einmal für ein knappes Jahr vertretungsweise als Leiter der Einsatzabteilung. Viele Gesichter und Namen kennt er deswegen auch noch gut, alle anderen will er schnell lernen.

Mehr als 500 Mitarbeiter hat er nun bei der Polizeiinspektion mit Sitz in der Schützenwiese und den Kommissariaten in Sarstedt, Bad Salzdetfurth, Alfeld und Elze, hinzu kommen die zwölf kleineren Polizeistationen. Und die, sichert Weiner zu, sollen auch erhalten bleiben. Bei aller technischen Aufrüstung und Spezialisierungen der Behörde, etwa beim Thema Cybercrime, sei die Präsenz in der Fläche besonders wichtig. „Die Menschen haben zu Recht große Erwartungen an die Polizei: Wir müssen draußen wahr genommen werden und sichtbar sein, nicht nur mitten in Hildesheim, sondern auch in Capellenhagen.“ Und auch er selbst wolle ansprechbar sein, kurze Drähte zu den Bürgermeistern in Stadt und Landkreis sowie Verbänden und Einrichtungen wie Schulen, Hochschulen. Weiner will dabei das Netzwerk seines Vorgängers aufgreifen und erweitern.

Respekt vor der Herausforderungen in Hildesheim

Er habe durchaus Respekt vor den gewachsenen Herausforderungen der Polizeiarbeit und speziell der Aufgabe, im Raum Hildesheim für Sicherheit zu sorgen. Weiner verweist auf die Salafistenszene radikaler Islamisten aus dem Umfeld des verbotenen Deutschsprachigen Islamkreises (DIK) um den kürzlich verurteilten Hassprediger Abu Walaa. „Die Anhänger sind ja nach einem Vereinsverbot nicht einfach weg“, sagt der Polizeichef. Man müsse mögliche Gefährder immer im Blick haben.

Insgesamt sei das Aufgabenspektrum der Polizei viel komplexer als früher. „Zu der Zeit, als ich meine Ausbildung angefangen habe“, sagt Weiner bewusst zuspitzend, „haben wir Falschparker aufgeschrieben, heute kämpfen wir gegen Cyberkriminelle und Terroristen.“ Das geht auch mit personellen und strukturellen Veränderungen einher. In Hildesheim steht unter anderem die Zusammenlegung verschiedener Bereiche zu einem neuen Fachkommissariar Forensik an, in dem auch die digitale Datenanalyse ein Schwerpunkt sein soll. Zudem soll im Herbst eine neue Sondereinsatzgruppe ihre Arbeit aufnehmen, die sich dem Feld der organisierten Kriminalität widmet und sich um das Clan-Milieu kümmert.

Lieber immer einmal mehr hinschauen und hinterfragen – Weiner weiß, dass die Polizei mit diesem Ansatz besser fährt, um so auch zu vermeiden, dass es irgendwann heißt: „Hättet ihr mal...“. Ein Beispiel aus seinen ersten Diensttagen im April: Ein Unbekannter zerstört mit einem Stein ein Fenster der DITIB-Selimiye-Moschee Hildesheim in der Nordstadt. Es deutet zunächst nichts weiter auf einen fremdenfeindlichen und rechtsextremen Hintergrund hin – man könnte die Sache als dummen Jungenstreich und Sachbeschädigung abtun, oder aber eben die Staatsschutzabteilung einschalten und die Möglichkeit eines extremistischen Täters so lange in Betracht ziehen, bis das Gegenteil bewiesen ist. So verfährt die Polizei in diesem Fall. „Stellen Sie sich vor, wir prüfen das nicht nicht, und dann begeht derselbe Täter vielleicht ein paar Tage später einen richtigen Anschlag! Da würden alle zu Recht fragen: Warum habt ihr nicht genau hingeguckt und alles geprüft?“ Nur wenig später fassen die Ermittler den mutmaßlichen Steinewerfer. Nach allem, was bisher bekannt ist, gibt es wirklich keine politischen und extremistischen Motive. Weiner trifft sich trotzdem mit den Verantwortlichen der muslimischen Gemeinde, will Nähe und Offenheit signalisieren. Der 52-Jährige hat in seiner Zeit in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Innenministerium gelernt, welche Bedeutung die richtige Kommunikation haben kann. Und welche fehlende, oder falsche.

Im Fokus der Öffentlichkeit – das kennt Michael Weiner auch aus der Bundesliga

Im Fokus der Öffentlichkeit stehen – dass das eine besondere Erfahrung ist, die auch belasten kann, hat Weiner in den vergangenen Monaten als Leiter der Inspektion in Northeim erlebt, die heftig in der Kritik stand, weil schon vor Weiners Zeit dort bei Ermittlungen in Fällen sexuellen Missbrauchs nachlässig vorgegangen worden sein soll. Entsprechende Vorwürfe durch das Innenministerium hatten auch den geschassten Leiter der Polizeiinspektion Göttingen, den Hildesheimer Uwe Lührig, getroffen, Ende März folgte nun eine Klarstellung der Staatsanwaltschaft: Die Arbeit der Northeimer Polizei sei frei von Fehlern, die strafrechtlich bedeutsam sein könnten. „Das alles hat sehr auf den Mitarbeitern gelastet.“

Im Fokus der Öffentlichkeit stand Weiner jahrelang lang auch in einem Nebenjob, aus dem ihn vermutlich auch zahlreiche Hildesheimer kennen: Als FIFA-Schiedsrichter, der etliche Bundesliga-Spiele gepfiffen hat und es auch aushalten musste, wenn zehntausende Menschen im Stadion ihn wegen einer umstrittenen Entscheidung für den in diesem Moment schlimmsten Menschen des Planeten hielten. Was der Schiedsrichter-Job mit dem des Polizisten zu tun hat? Michael Weiner sagt: „Wir müssen immer versuchen, so objektiv und gerecht zu sein, wie es nur irgendwie geht.“

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