Kolumne „Unter uns“

Zwischen großer Scham und herrlichem Entertainment – bitte lest niemals meine Tagebücher!

Hildesheim - „Was passiert mit meinen Tagebüchern, wenn ich sterbe?“: Das fragte eine Seniorin die Redaktion der Süddeutschen Zeitung – und der Gedanke daran, dass Angehörige Einblicke in ihre intimsten Geheimnisse bekommen könnten, bereitet auch HAZ-Kolumnistin Katharina Brecht Kopfschmerzen.

In der neuen HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller abwechselnd zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Pikante Details über heiße Nächte nach dem Tanztee, die bittere Enttäuschung über das Weihnachtsgeschenk der Enkelin oder heimliche Schwärmereien für den Mann von nebenan: Solche Geschichten will man von seiner Oma eher nicht lesen, oder Julia? Ich komme drauf, weil eine 71-Jährige die Redaktion der Süddeutschen Zeitung in einer Kolumne gefragt hat, was mit ihren Tagebüchern passiert, wenn sie stirbt. Die Seniorin schreibt, dass sie mehr als 70 Tagebücher in ihrem Leben geschrieben hat und nicht möchte, dass ihre Kinder ihre intimsten Gedanken nachlesen können, wenn sie nicht mehr da ist. Doch schreddern, schreibt sie, möchte sie die Bücher auch nicht. Was ich absolut verstehen kann! Allerdings will ich auch auf keinen Fall, dass jemand meine Tagebücher liest. Allein dass jemand meine Notizen auf dem Smartphone, meine Chatverläufe oder sonst irgendetwas Persönliches in die Hände bekommt, wäre mir höchst unangenehm. Wobei ich es ja verstehen könnte, wenn jemand luschert – bin ja selbst ein neugieriger Mensch. Doch manches, was ich geschrieben habe, ist mir ja selbst peinlich, wenn es mir durch Zufall wieder unter die Augen kommt. Kennst du das auch?

Sind wir nicht alle schon mal auf der Suche nach der Einkaufsliste in den iPhone-Notizen aus Versehen auf eine tiefsinnige Nachricht gestoßen, die wir da vor dem Abschicken formuliert haben? Uaaagh, schnell weiterscrollen. Je weiter die Notizen in der Vergangenheit zurückliegen, desto schlimmer wird es meist. Muss ja nicht mal was Privates sein: Es reicht schon der Blick in die Facebook-Timeline von 2009. Die war ja sogar öffentlich. Schlimm, was ich da so ungefiltert in die Welt hinausposaunt habe. Andererseits hat mich so ein Blick in die Vergangenheit neulich ziemlich amüsiert. Ein lieber Kollege von uns und ich haben nämlich unsere alten Youtube-Kanäle rausgekramt und zusammen angesehen. Ich habe lange nicht mehr so doll gelacht! Eigentlich sind Jugendsünden also auch ein herrliches Entertainment – und wer ohne Jugendsünden ist, der werfe das erste Bolero-Jäckchen! Anfangen will ich aber auch nicht mit der Offenlegung von Details. Vielleicht willst du?


In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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