Kunstausstellung

Zwischen Hermannsschlag und Holocaust: Anselm Kiefer im Schloss Derneburg

Hildesheim - Andrew Hall zeigt im Derneburger Schloss Künstlerbücher, Fotografien, Holzschnitte, Aquarelle und Ölbilder aus dem Frühwerk von Anselm Kiefer. Ein beeindruckendes Statement für Ehrlichkeit gegenüber der Geschichte.

Selbstportrait mit Hitlergruß: Mit seinem frühen Werk löste Anselm Kiefer Kontroversen aus. Jetzt empfängt es die Besucher in der neuen Ausstellung im Schloss Derneburg. Foto: Roman März

Hildesheim - Historienmalerei hat wieder Konjunktur. Aber nicht als die prachtvolle Verherrlichung siegreicher Schlachten, als repräsentatives und großformatiges Wimmelbild, wie es vor allem im 19. Jahrhundert in Mode war. Stattdessen ist Historienmalerei zu einem künstlerischen Instrument geworden, um Geschichte kritisch zu reflektieren. Im Zentrum dieser wieder stärker wahrgenommenen Kunstrichtung steht der in die letzten Tage des zweiten Weltkrieges Krieges hineingeborene Anselm Kiefer.

Der 76-jährige Maler wurde erst kürzlich, auf Einladung des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, mit einer Soloschau seiner Werke in Paris geehrt. Kiefer zeigte im Grand Palais Ephémère auf 10 000 Quadratmetern 23 monumentale Werke mit ebenso monumentalen Themen. Dass Hermannsschlacht und Holocaust, Nationalsozialismus und deutsche Mythen auch im kleinen Format ohne jedwede Verniedlichung und Verharmlosung ihren angemessenen Platz finden können, ist jetzt in einer beeindruckenden Ausstellung im Schloss Derneburg zu sehen.

40 ausgewählte Werke

Andrew Hall hat dafür aus seiner umfangreichen Sammlung von Werken des deutschen Anselm Kiefer um die 40 Werke ausgewählt. Es sind frühe Arbeiten, bedeutende und selten ausgestellte Künstlerbücher, überarbeitete Fotografien, Holzschnitte, Aquarelle und Ölbilder, die zwischen 1969 und 1982 entstanden.

Der anglo-amerikanische Hedgefond-Manager Hall, der zusammen mit seiner Frau Christine das Schloß Derneburg 2006 von dem Künstler Baselitz gekauft hatte, begann schon früh, zeitgenössische deutsche Kunst zu sammeln. Da lag es natürlich nah, einen der thematisch deutschesten Künstler in die Sammlung aufzunehmen.

Die Ausstellung eröffnet mit einem veritablen Paukenschlag, einem übergroßen Selbstportrait des Künstlers, das mit „Heroische Sinnbilder“ betitelt ist. Provokanter geht es kaum. Kiefer hatte sich bereits 1969, während seines Studiums an der Kunsthochschule in Karlsruhe, mit der Kriegsvergangenheit seines Landes und seiner Landsleute beschäftigt.

Als alle anderen noch verdrängten und verschwiegen, was jedem gleichwohl noch so sehr präsent war. Kiefer nahm die Wehrmachtsuniform seines Vaters und begann, sich darin zu fotografieren. Mal im Atelier, mal vor bedeutenden Denkmälern. Und immer mit dem längst geächteten, verbotenen Hitlergruß.

„Heroische Sinnbilder“

Später, 1970, begann Kiefer, seine „Heroischen Sinnbilder“ in Malerei zu übertragen. Dass die Besucher so begrüßende Bild war Teil seiner Abschlussprüfung an der Akademie, die sofort Diskussionen auslöste. Wie auch Hannah Ahrendt eine Diskussion auslöste, als sie über den SS-Obersturmbandführer Adolf Eichmann in Jerusalem und die „Banalität des Bösen“ schrieb.

Anselm Kiefer ließ sich nicht irritieren und blieb an den Themen Vergangenheit, Verantwortung und Vergessen. Er nahm sich die großen Mythen vor, den ‚Vater Rhein‘, ‚Brunhildes Tod‘ und auch die ‚Hermannsschlacht‘, die als eines der größeren Formate zu den zentralen Ausstellungsstücken in Derneburg zählt. Hier versammelt Kiefer über collagierte starkkontrastige schwarz-weiße Holzschnitte Portraits der Helden deutscher Kulturgeschichte. Einige davon sind einer Publikation der Nationalsozialisten entnommen, in der das Narrativ der ‚Hermannsschlacht‘ die deutsche Überlegenheit über alle andern Völker belegen sollte.

Hölderlin und Eichendorff sind mit von der Partie. Damit hat Kiefer viel Zorn auf sich gezogen. Wie kann er nur so etwas machen, fragten sich viele, dabei wäre die Frage gewesen, wie konnten sie, die Nationalsozialisten so etwas machen. Kiefer, aus seiner Sicht, geht es um Ehrlichkeit gegenüber der Geschichte. Es ist, wie so oft, die Diskussion um die Deutungshoheit.

In pastosen Schichten malt er seine bildnerischen Geschichten, die darüber sichtbar machen, wie Mythen noch immer wirken, wie sie auf die Seele wirken, und sie färben. Nicht nur braun. Damit das alles nicht in die falsche Richtung geht, wären sicher mehr Erklärungsschilder nötig, als das eine am Beginn der Ausstellung, die auch Werke wie „Ich – Du“ von 1971 zeigt, in der über arkadisch schöner Naturlandschaft die Namen seiner Frau, seinem Sohn und ihm selber eingeschrieben sind.

In den frühen Arbeiten ist das gesamte Werk bereits angelegt

Worte und kurze Sätze sind ein fester Bestandteil seiner Bildwerke. Sie öffnen eine andere Ebene der Reflektion, irritieren den auf Malerei und nicht Schrift gerichteten Blick des Betrachters. Und sie vermögen ebenso irritierende Kopfgeschichten zu evozieren, wie seine Bildmotive, wenn es denn so pathetische Sätze sind wie ‚die Geburt der Malerei‘ oder ‚Unternehmen Trappenfang‘.

In seinem frühen Arbeiten ist das gesamte Werk von Anselm Kiefer bereits angelegt. Seinen monumentalen Werken stehen sie in nichts nach. Die Präsentation in Derneburg ist dafür der beste Beleg.

Von Frank G. Kurzhals

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