Hildesheim - Jo Köhler, Jahrgang 1960, ist unermüdlich. Zahlreiche Literaturprojekte hat er schon ausgeheckt, darunter der Lyrik-Park oder die Hildesheimer Lesezeichen. Und er schreibt auch selbst: Mehr als 1500 Texte – Gedichte, Essays, kurze Geschichten und Romane – hat der Hildesheimer bereits verfasst. Zu lesen sind sie in 14 Büchern (Anthologien nicht mitgezählt). „Hauptsache Bewegung“ ist der neueste, rund 220 Seiten starke Titel.
Wie bei Köhler üblich, handelt es sich um eine Sammlung kurzer bis sehr kurzer Texte, diesmal ergänzt um den – ebenfalls kurzen – „Anfang eines Romans“. Es ist ein nachdenklicher Mensch, der aus den Texten hervortritt. Begonnen beim eigenen Ich, das um die Kindheit, das Älterwerden, das Glück, die Heimat, Beziehungen zur Geliebten, zu Eltern und vielen weiteren Menschen kreist. Wie so oft in Gedichten geht es hier um die Frage: Wer bin ich?
Zwei Seiten der Medaille
Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Der Autor möchte die Welt erklären. Wie die Menschheit als Ganzes in Zeiten der Globalisierung so drauf ist. Ab wann man ein Antisemit ist. Was die Politik früher besser gemacht hat. Warum sich Menschen von der Demokratie abwenden. Was die wahre Cancel Culture ist. Was Jesus mit der Bergpredigt gemeint hat. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Wenn man sich gerne belehren lässt, mag das prima sein. Wenn nicht, kann einem die Besserwisserei ganz schön auf Zwirn gehen.
Der Romanbeginn (eine seltsame Kombi übrigens) erzählt von einem Dichter, dem die Anerkennung vorenthalten bleibt, obwohl „seine Gedichte, wenn man die Aneinanderreihungen von Worten so nennen konnte, immer für eine unerwartete, tiefgreifende, manchmal sogar mystische Wendung gut“ sind. Klingen da etwa autobiografische Bezüge durch?
Sätze auseinandergeschnippelt
Schwer zu sagen. Jo Köhler geht in seinen Gedichten und Aphorismen jedenfalls einen anderen Weg als der Protagonist des offenbar entstehenden Romans. Er reiht nicht Worte aneinander, sondern schnippelt Sätze auseinander, so dass oft nur ein einziges Wort in einer Zeile steht.
Beispiel: „Das Paradies oder die Insel der Seligen ist wohl eher da, wo es langweilig ist, wo nur wenig oder gar nichts passiert, Gott sei Dank. Ihre Bewohner wissen es nur nicht. Noch nicht.“ Hier sind das wenige Zeilen, im Buch ist es eine ganze Seite. Optisch verwandelt sich der Text so in ein Gedicht – Poesie wird deshalb noch nicht daraus.
Was ist ein gutes Gedicht
Zwischendurch klärt Köhler noch die Frage, was ein gutes Gedicht ausmacht – nämlich dass es „immer ein Stück klüger als sein Autor“ ist – und erklärt an anderer Stelle, dass solch ein Gedicht eher in den Medizinschrank gehört als in die Bibliothek. Warum, fragt der Dichter sein Lesepublikum und liefert sogleich die Antwort: „Darum.“ Wenn das keine mystische Wendung ist.
Jo Köhler – Hauptsache Bewegung. Gedichte, Essays und der Anfang eines Romans. ISBN: 9783758370151. Book on Demand. 224 Seiten Hardcover 22 Euro, eBook 8,49 Euro. Zu beziehen unter anderem via: www.forum-literatur.de
