Reportage

Zwischen PET-Rohling und Riesenspülmaschine: Einblicke in die Coca-Cola-Produktion in Hildesheim

Hildesheim - Seit 1994 produziert Coca-Cola in Hildesheim Getränke, und seit acht Jahren trägt Bony Scheerschmidt als Betriebsleiter die Verantwortung für den Standort. Ein Job, der ihn stolz macht, ihm aber auch einiges abverlangt. Über einen, der gewaltige Mengen an Getränken produzieren und gleichzeitig Wasser und Strom sparen will. (Mit Video)

Hildesheim - Die Coca-Cola-Formel? Bony Scheerschmidt lächelt, und er wirkt halb verwundert, dass er wirklich danach gefragt wird, aber dann auch wieder nicht, weil es natürlich jeden interessiert, wie genau dieses geradezu mythische, 1886 erfundene Rezept des weltweit wohl bekanntesten Getränks zusammengesetzt ist. Also, sagt Scheerschmidt, seit 2016 Betriebsleiter des Coca-Cola-Werks in Hildesheim, dem drittgrößten von 14 Produktionsstätten des US-Konzerns in Deutschland, dann freundlich: „Die Formel ist eigentlich ganz einfach. Man braucht erstens Wasser.“ Aha. „Und Komponente 1. Dazu Komponente 2...“ Schon klar, dass das hier ins Nichts führt. Scheerschmidt grinst: Alle Komponenten müsse man dann nur im richtigen Mengenverhältnis in der richtigen Zeit bei der richtigen Temperatur vermengen.

Die Wahrheit ist: Der 57-Jährige kennt die Formel selbst natürlich auch nicht. Muss er auch nicht. Das Hildesheimer Werk bekommt so wie andere Standorte auch den Geheim-Sirup aus einer zentralen Produktion in Irland geliefert, die Anmischung der abfüllfertigen Flüssigkeit erfolgt nach strikter Gebrauchsanweisung.

Klare Zielvorgaben in Sachen Qualität, Menge und Sicherheit

„Eine Hand bitte an das Geländer“, fordert Scheerschmidt den Besucher auf der Wendeltreppe während des Wegs vom Besprechungsraum des Verwaltungstrakts zur Produktion im Erdgeschoss auf. „Wir machen große Sprünge, aber nicht auf der Treppe“ steht auf einem Plakat an der Wand. Sicherheit spielt hier eine große Rolle. Eine sehr große. Es gibt offen ausgehängte interne Zielvorgaben, nicht nur für die Einsparung von Energie und Wasser sowie das Volumen an abgefüllten Getränken, sondern auch für die Vermeidung von Unfällen im Betrieb. 1000 Tage ohne, da wollen sie hin.

Der aus Hessen stammende Maschinenbauingenieur Bony Scheerschmidt hat vor seinem beruflichen Wechsel zum Getränkegiganten in großen Unternehmen in der Produktion gearbeitet und Erfahrungen auf verantwortungsvollen Posten gesammelt. Aber er sagt: So konsequent hohe Ansprüche an die Qualität der Produkte und die Sicherheit bei der Produktion wie hier habe er noch nicht erlebt. „Bei Coke“ sagt Scheerschmidt, er benutzt im Gespräch ausschließlich die amerikanische Kurzvariante des Firmennamens, wenn er über seinen Arbeitgeber spricht.

457 Millionen Liter Getränke wurden 2023 in Hildesheim produziert

Coca-Cola ist einer der größten Arbeitgeber in Hildesheim, rund 550 Menschen sind am Sitz an der Industriestraße im Gewerbegebiet Bavenstedt beschäftigt, wo der Konzern vor 30 Jahren sein Werk in Betrieb nahm. Der Standort wurde im Lauf der Jahre erweitert, immer wieder modernisiert. Mehr als 40 Millionen Euro sind zwischen 2015 und 2017 in den Ausbau zweier Produktionslinien für Einwegflaschen geflossen. 457 Millionen Liter haben die Hildesheimer Produktion 2023 verlassen, darunter nicht nur das Ur-Getränk der Marke, sondern zudem zwölf weitere: unter anderem die Coca-Cola-Varianten light und zero, außerdem Fanta, Lift Apfelschorle und Mezzo Mix. Insgesamt 139.000 Quadratmeter umfasst die Betriebsfläche, das 24.000 Quadratmeter große Lager für rund 37.500 Europaletten mit Platz für jeweils 40 Getränkekisten soll im laufenden Jahr ergänzt werden: mit einer neuen 24.000 Quadratmeter großen Außenstelle in Bockenem mit Platz für mehr als 20.000 Paletten, die der Konzern von einem externen Dienstleister anmietet. Ende des Jahres soll sie in Betrieb gehen, dafür gibt das Unternehmen das bisherige Außenlager in der Nähe des Hildesheimer Flugplatzes auf.

Das ist schon etwas Besonderes

Bony Scheerschmidt, der Betriebsleiter über Coca-Cola als Arbeitgeber

Einen gewissen Stolz, für den Weltkonzern zu arbeiten, will Bony Scheerschmidt gar nicht verhehlen. „Das ist schon etwas Besonderes.“ Auch wenn der Konzernname in Medien mit nicht nur positiven Nachrichten in Verbindung gebracht werde, bekomme er selbst vor allem positives Feedback, wenn Leute hören, wo er arbeitet. Welche negativen Meldungen er meint, verrät er nicht. Und die Pressesprecherin aus der Deutschlandzentrale in Berlin, die das Treffen in Hildesheim freundlich aber wachsam begleitet, scheint ganz froh zu sein, dass Scheerschmidt das Thema wechselt, ehe sie womöglich eingreifen müsste.

Vielleicht hatte der hiesige Betriebsleiter Schlagzeilen wie diese aus dem Hamburger Abendblatt im Kopf: „Behörde lässt Coca Cola-Brunnen schließen.“ Dabei ging es um den Schlusspunkt unter eine jahrelange Debatte um die Nutzung eines neuen Grundwasserbrunnens nahe Lüneburg durch Coca-Colas Tochterunternehmen Apollinaris für die eigene Mineralwasser-Abfüllung. Bürger hatten protestiert, weil sie fürchteten, der Konzern würde die Trinkwasserressourcen der Region zu stark ausbeuten. Geplant war schließlich die jährliche Förderung von bis zu 350 Millionen Litern Wasser aus 195 Metern. Die 2021 gemachten Probebohrungen, so ordnete der Landkreis Lüneburg schließlich im November 2023 an, sollen komplett verschlossen werden. Zuvor hatte Coca-Cola das Projekt allerdings selbst bereits auf Eis gelegt – wegen zu geringer Nachfrage nach Mineralwasser.

Wasser, beziehungsweise weniger Wasser, ist ein Stichwort, zu dem Bony Scheerschmidt beim Gang durch die Hildesheimer Produktion an der Spülanlage für die Mehrwegflaschen vorbei eine Menge zu erzählen hat. Auf seinem Kopf trägt er vorschriftsmäßig trotz Halbglatze und kurz geschorenen Restbewuchses ein Haarnetz, darüber ein rotes Cap mit verstärktem Schutzeinsatz, Ohrstöpsel, dazu Sicherheitsschuhe und eine Schutzbrille, ohne die niemand den Bereich der Produktionslinien für Mehrweg-Glasflaschen betreten darf. Im Vorbeigehen begrüßt er einige Mitarbeiter per Handschlag. Es ist kurz vor 14 Uhr, gleich steht ein Schichtwechsel an.

Das Ziel: Den Wasserverbrauch nach unten drücken

Also, zurück zum Wasser. Die Massenproduktion von Getränken und deren Transport fressen eine Menge Ressourcen. Das für dutzende Standorte in Westeuropa und somit auch für Hildesheim zuständige Unternehmen Coca-Cola Europacific Partners will den Energie- und Wasserverbrauch so weit wie möglich reduzieren, hat das Konzernziel ausgegeben, bis 2040 klimaneutral zu sein. Und dabei liegt es eben auch an Führungskräften wie Scheerschmidt, das Team mitzunehmen, zu motivieren, zu experimentieren, um Vorgaben umzusetzen. Und sie seien damit erfolgreich, berichtet der 57-Jährige, beziehungsweise ruft es gegen die Dauergeräuschkulisse in der Halle an. Schon vor längerem gab es Modifizierungen an der Spülanlage für Mehrwegflaschen, in der zunächst der grobe Schmutz entfernt wird und zum Abschluss des Vorgangs Rückstände von Reinigungsmitteln abzuspülen sind. Das Wasser aus diesem letzten Spülgang wird aufgefangen und für den ersten Spülgang erneut genutzt. Das spart nach Unternehmensangaben bis zu zehn Millionen Liter Wasser pro Jahr je Mehrweglinie gegenüber dem vorherigen Ablauf ohne Wiederverwendung.

Eine wichtige Größe ist der Wasserverbrauch pro Liter Getränk, den wollen sie in Hildesheim wie auch an den anderen deutschen Standorten möglichst weit drücken. Bundesweit ist er laut Unternehmen zwischen 2010 und 2022 um 18,4 Prozent gesunken. Im Hildesheimer Werk hängt neben der Schleuse zur Produktion eine Tafel mit Zielvorgaben und erreichten Werten für den vergangenen Monat. Scheerschmidts Belegschaft wollte im März unter 1,46 Liter Wasser pro Liter Getränk kommen, sie landete bei 1,385.

Da ist das Verhältnis von Größe und Gewicht perfekt, die liegt schön in der Hand, fühlt sich richtig gut an

Bony Scheerschmidt, über die 0,2-Liter-Glasflasche von Coca-Cola

Der Betriebsleiter steht nun neben der Anlage, in der aus kleinen, knapp 20 Gramm leichten und rund zehn Zentimeter hohen Rohlingen, die aussehen wie Reagenzgläser mit Gewinde an der Öffnung, PET-Einwegflaschen geblasen werden. In rasender Geschwindigkeit werden die durchlaufenden, zum Großteil aus recyceltem Material hergestellten Rohlinge erwärmt, ehe sie in Formen geblasen und zu 1,5-Liter-Flaschen werden. Etiketten draufgeklebt, mit Folie zu Viererpacks gebündelt, fertig. Auch an dieser Anlage gab es Einsparpotenzial. Wie warm müssen die Rohlinge sein, und wie hoch muss der Druck fürs Blasen der Flaschen tatsächlich sein? Die Hildesheimer haben fortlaufend überlegt, berechnet und ausprobiert, um beide Parameter Temperatur und Druck in ein Verhältnis zu bringen, das gewohnte Qualität garantiert und zugleich Energie spart. Seit 2020 läuft die Einweganlage mit deutlich niedrigerem Druck. Energieeinsparungen pro Jahr laut Coca-Cola: 350.000 Kilowattstunden.

Sein Lieblingsgetränk aus eigener Produktion: Nicht Coca-Cola

Auf einem der Förderbänder der Mehrweglinie laufen jetzt noch unetikettierte, aber mit einer gelblichen Flüssigkeit befüllte Flaschen am Betriebsleiter vorbei. Und auch wenn Bony Scheerschmidt die Coca-Cola-Formel nicht preisgeben kann, verrät er nun zumindest ein kleines persönliches Geheimnis.

Seine Lieblingsflasche aus der Hildesheimer Produktion, das ist vielleicht nicht so überraschend, das ist die 0,2-Liter-Glasflasche. „Da ist das Verhältnis von Größe und Gewicht perfekt, die liegt schön in der Hand, fühlt sich richtig gut an.“ Aber, jetzt kommt’s: Bony Scheerschmidts Lieblingsgetränk aus der Produktion ist nicht etwa der Klassiker, nicht die Coke von Coca-Cola. Sondern, tatsächlich: Fanta Zitrone. Ohne Zucker.

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