Hildesheim - „Anders. Sehr anders!“, antwortet Alla Felser auf die Frage, wie denn künftig das Leben ihrer Tochter Anna Felser aussehen werde. Auf dem Feld absolviert Anna an diesem letzten Spieltag der Saison gerade ihre letzte Volleyball-Partie – am Samstagabend vor gut 200 Zuschauern in eigener Halle gegen die Stralsunder Wildcats. Es setzt am Ende eine 0:3-Heimniederlage, und damit schließen die Zweitliga-Frauen des MTV 48 Hildesheim, genannt Team 48, die Serie auf Rang fünf ab. „Die Platzierung ist gut, aber das Spiel gegen Stralsund war heute nichts. Wir hatten schon wesentlich bessere Auftritte. Ich hätte es mir am Ende meiner Karriere anders gewünscht“, sagt Anna Felser.
Schon beim Einlaufen in die Sporthalle Marienburger Höhe kullern bei ihr die Tränen – und nachher erst recht. Aber nicht wegen der 0:3-Pleite. Der Abschied vom Volleyball ist für sie sehr emotional. Obendrein gibt es einen Umbruch im Team 48 – dazu später mehr.
18 Jahre lang hat Anna Felser gespielt, immer für den MTV 48. Die angehende Ärztin könnte eigentlich noch weitermachen, sie ist gerade 30. „Doch irgendwie ist die Luft raus“, sagt sie. Die Motivation fehle. „Es fühlt sich nicht mehr richtig an.“
Ein schleichender Prozess, der beginnt, als die Saison noch gar nicht alt ist. „Ich merkte es beim Training, auch bei den Spielen, das Feuer fehlte plötzlich“, erzählt Felser. „Mir ging es nicht gut damit.“
„Es fiel eine große Last ab“
Gespräche mit der Familie und mit Lebensgefährten Moritz Hartmann folgen. „Schließlich sagte meine Mutter diesen Satz: Dann musst du eben mit Volleyball aufhören“, erinnert sich Anna Felser. Als das ausgesprochen ist, fließen auch Tränen. „Aber von mir fiel eine große Last ab.“
Sie ist die gute Seele des Team 48, oder zumindest ein erheblicher Teil davon. „Wie soll ich mir den MTV 48 ohne Anna vorstellen?“, fragt Magdalena Dudek, Libera und Mannschaftskollegin von Felser, nach dem Stralsund-Spiel. „Wirklich kaum vorstellbar.“
Anna Felser hat vor kurzem das zweite Staatsexamen abgelegt, steht vor dem Praktischen Jahr, dem letzten Akt des Medizinstudiums. Vier Monate davon wird sie im Bernward-Krankenhaus absolvieren. „Die weiteren acht eventuell woanders“, sagt Felser. „Ich war ja mehr oder weniger immer nur in Hildesheim, vielleicht sollte ich das nutzen, um noch mal eine andere Stadt kennenzulernen.“
Zwar hat sie in Göttingen und Mainz studiert, doch wegen des Volleyballs ist Felser meist nur kurz für ihre Seminare dort gewesen: Bloß schnell wieder nach Hause, um irgendetwas für die Mannschaft zu erledigen. Denn die Mittelblockerin spielt nicht nur für den Klub, sondern wuppt neben dem Feld vieles: Als Teammanagerin kümmert sie sich um die Verbandsarbeit, die Bürokratie in der Liga, „ach, und um alles mögliche“. Und wenn es irgendwo hakt, wird die 30-Jährige angerufen. „Das war nicht immer nur schön, da gab es auch Frust.“
Hildesheim etabliert sich
Gefühlt hat sie jetzt im Volleyball alles erreicht – gerade, was die jüngere Vergangenheit angeht. Da ist dieses Jahr 2022, ein verflixt hartes. Nachdem sich Sponsoren zurückgezogen haben, stehen die 48-erinnen damals vor einem Scherbenhaufen. Den Zweitliga-Aufstieg kann das Team nicht wahrnehmen. Mit viel Eigenleistung schaffen es die Hildesheimerinnen wieder, eine konkurrenzfähige Mannschaft auf die Beine zu stellen – Felser ist immer vorn mit dabei.
Bereits 2023 folgt doch der lange ersehnte Sprung in die 2. Liga Nord. „Wir haben dann 2024 die Klasse gehalten und uns in der Serie 2024/25 mit Platz fünf in der Liga etabliert“, sagt sie. Nun gehen ihr langsam die Ziele im Volleyball aus, man könnte auch sagen: Anna Felser hat erst einmal fertig.
Und einige andere Spielerinnen gehen ebenfalls: Inga Thiele (Außen/Annahme), Dana Lichtendonk (Mittelblock), Finja Ziegenmeyer (Außenangriff/Diagonal) und Sandy Fankhänel (Außenangriff). Auch im Management und Betreuerstab gibt es einen Umbruch. Unter anderem hören Annas Mutter Alla Felser als Spieltagsmanagerin, Mira Klemperer aus dem Marketing-Bereich sowie der Sportliche Leiter Patrice Fankhänel auf.
Aber es geht weiter – und zwar mit großen Ideen. Chefcoach Matthias Keller und Co-Trainer Harald Thiele werden mehr Verantwortung übernehmen und wollen den Frauen-Volleyball in der Stadt weiterentwickeln. „Ich kann keine Sache machen, nur um den Status quo zu halten. Wenn, dann will ich etwas voranbringen“, sagt der frühere Bundesligaspieler Keller. Ziel sei der Aufstieg in die 2. Liga Pro, also die Klasse direkt unter der 1. Bundesliga. „Wir wollen das in Angriff nehmen. Wir werden noch zwei Leute für das Management dazu holen, die Namen kann ich jetzt noch nicht öffentlich machen.“
Für die Pro-Liga braucht es einen Etat von etwas mehr als 100.000 Euro. Keller: „Das muss doch möglich sein“, immerhin sei das Team 48 das Aushängeschild des Hildesheimer Frauen-Sports. Es ist die mit Abstand am höchsten spielende Damen-Mannschaft im Landkreis.
Die Abschiedsreden nach dem Stralsund-Spiel sind gehalten, zig Umarmungen getan und die Tränen mittlerweile getrocknet. Neben Anna Felser steht ein große Flasche Schampus: „Wir werden heute noch feiern, in Hannover – wenn es nach mir geht im Palo Palo.“




