Hildesheim - Fünf Zentimeter. So groß ist der Höhenunterschied zwischen Fahrbahn und Radweg, den Fahrradfahrer nehmen müssen, wenn sie aus Richtung Hindenburgplatz die Garten- zur Theaterstraße überqueren. Fünf Zentimeter, die laut Dietmar Nitsche, erster Vorsitzender des Hildesheimer ADFC, bei mindestens zwei Radfahrern schon zu Unfällen geführt hätten. „Tückisch“, nennt er den Bereich zwischen Zingel Optic und der Grünfläche des tfn. Der Grund: Weil die Zufahrt zur Straße ebenerdig ist, rechnen viele Radler auf der Gegenseite nicht mit dem hohen Bordstein. Den hat die Stadt Hildesheim kurioserweise zwecks Barrierefreiheit gelassen: Die geriffelten Bodenindikatoren dienen sehbehinderten Menschen als Orientierungshilfe. „Rechtlich ist das alles okay, trotzdem ist das eine gefährliche Stelle“, sagt Nitsche zu den sieben mit gelben Warnwesten bekleideten Menschen, die sich an ihre Fahrräder lehnen.
Der Bereich am Zingel ist eine von mehreren Punkten, die heute von vier Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer ganz besonderen Radtour begutachtet werden. Auf Einladung des Hildesheimer Seniorenbeirats und in Begleitung des ADFC sollen dabei Verkehrspunkte in der Innenstadt gezeigt werden, die besonders für ältere Radfahrende gefährlich werden können.
Menschen über 65 verletzen sich folgenschwerer
Dass gerade sie zu den Verkehrsteilnehmenden zählen, die häufig in schwere Verkehrsunfälle verwickelt sind, erklärt Christian Koplin, Verkehrssicherheitsberater bei der Polizeiinspektion Hildesheim, der die Tour begleitet. „Menschen über 65 Jahre verunglücken im Straßenverkehr zwar seltener, dafür folgenschwerer. Jeder dritte Verkehrstote war im Jahr 2023 ein Mensch dieser Altersgruppe.“
Die Gründe hierfür seien vielfältig: Neben einer allgemeinen höheren Verletzlichkeit von Seniorinnen und Senioren verändern sich im Alter vor allem kognitive und motorische Fähig- und Fertigkeiten. Dazu komme, sagt Koplin, dass bei älteren Menschen oft das Wissen über aktuelle Änderungen und Vorschriften im Straßenverkehr fehle. „Oft ist die Handhabung die Ursache, etwa der fehlende Helm oder der sichere Umgang mit E-Bikes oder Pedelecs.“
Experte rät zu regelmäßigen Sicherheitstrainings
Auch der Überzeugung, beim Alkoholkonsum könne man getrost auf das Fahrrad vertrauen, gibt Koplin einen Dämpfer. So riskiere man schon mit einer Promillezahl von 0,3 eine Strafanzeige – sofern die Beamten einen beim Schlangenlinienfahren erwischen. „Auf dem Fahrrad hat man keinen Freifahrschein“, sagt der Verkehrssicherheitsberater. Er rät deshalb vor allem älteren Menschen zum Besuch von Fahr- und Sicherheitstrainings – aber auch zu regelmäßigen Hör- und Sehtests. „Man kann eine Menge tun, um als älterer Mensch auf der Straße sicher zu sein.“
Unübersichtliche Beschilderung
Zum Beispiel, sich die Strecken, auf denen man regelmäßig mit dem Rad unterwegs ist, einmal genauer anzuschauen. Neben dem Bereich am Zingel machen die Hildesheimer Radler auf ihrer Radtour auch an anderen kritischen Verkehrspunkten in der Innenstadt Halt. Etwa im Bereich Ostertor, Ecke Bahnhofsallee. Nitsche weist darauf hin, dass, kommt man aus Richtung Bahnhof, die Fußgängerampel am Ostertor eine längere Grünphase hat als die Fahrradampel. „Das kann ziemlich irritierend sein.“ Zudem könne man durch die unübersichtliche Beschilderung leicht annehmen, dass man vom Zingel kommend in Richtung Bahnhof den linken Fahrradweg auf Höhe von Fielmann nutzen könne – was jedoch strengstens verboten sei.
Grünphase zu kurz
Auch die Fahrradampel an der Kreuzung Osterstraße und Kaiserstraße wird begutachtet. Thomas Meyer-Hermann, Vorsitzender des Seniorenbeirats, erzählt, wie er selbst einmal mit dem Rad bis zur Straßenmitte gekommen sei – und dann die Ampel auf Rot gesprungen sei. „Die Autofahrer wurden nervös und ich musste mein Rad vor mich schmeißen.“ Die Grünphase sei hier deutlich zu kurz, zudem sei die Fahrradampel in der Straßenmitte nicht gut aufgehoben. „Die sieht man dort nicht gut“, bestätigt auch Hans-Jürgen Pütz, Fahrsicherheitstrainer beim ADFC.
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Spurmarkierung sorgt für Stirnrunzeln
Weiter geht die Radtour zur Kreuzung Kaiserstraße und Bahnhofsallee. Hier sei laut Nitsche die Straßenführung eigentlich gut gelöst – allein eine Radspurmarkierung sorgt für Stirnrunzeln: Will man aus Richtung Osterstraße kommend an der Kreuzung die Straßenseite wechseln, hat man dort die Fahrradampel im Rücken. Um zu wissen, ob man fahren kann oder warten muss, muss man sich also ordentlich verrenken. „Das haben wir auf dem Schirm“, sagt Christoph Brandes, der bei der Stadt als Fahrradbeauftragter tätig ist und ebenfalls an der Radtour teilnimmt.
Die endet nach knapp zweieinhalb Kilometern, wo sie begonnen hat: Auf dem Verkehrsübungsplatz an der Steingrube. Dort radeln ein paar Kinder gerade ihre Runden, gucken an der Kreuzung nah links und rechts und werfen der Gruppe von Senioren mit gelben Warnwesten neugierige Blicke zu. In Sachen Fahrradfahren lernt man ein Leben lang.
Der Hildesheimer Seniorenbeirat und der ADFC bieten regelmäßig Fahrsicherheitstrainings für ältere Menschen an. Infos gibt es unter www.stadt-hildesheim.de/bildung-soziales/senioren/seniorenbeirat oder www.hildesheim.adfc.de.
