Faktencheck

Anderthalb Millionen Euro für die Rettung des Hildesheimer Museums: Klingt viel, aber ist es das auch?

Hildesheim - Das Roemer- und Pelizaeus Museum soll vor der Insolvenz gerettet werden und muss künftig sparen. Doch wie gut ist die finanzielle und personelle Ausstattung überhaupt? Ein Vergleich.

Hildesheim - Die Stadt will das von der Insolvenz bedrohte Roemer- und Pelizaeus-Museum mit einer 1,6-Millionen-Euro-Spritze retten, außerdem soll der Zuschuss erhöht werden. Damit käme das RPM auf knapp 1,8 Millionen Euro pro Jahr aus dem Stadtsäckel. Eine beträchtliche Summe für eine notorisch klamme Kommune – und für die Steuerzahlenden, die letztlich dafür aufkommen. Aber ist es auch viel Geld für ein Museum? Der Blick auf andere Einrichtungen führt zu überraschenden Ergebnissen.

Zunächst einige eindrucksvolle Zahlen des Instituts für Museumsforschung in Berlin. Fast 7000 Museen gibt es in Deutschland, die meisten deutlich kleiner als das RPM. Einige spielen freilich auch in einer höheren Liga. 56 Prozent der Deutschen, so das Institut, gehen mindestens einmal im Jahr ins Museum – vor allem, wenn sie auf Reisen sind. Im Vor-Corona-Jahr 2019 registrierten die Museen 112 Millionen Besuche. Allerdings bezieht sich diese Zahl nur auf knapp 5000 Museen; die übrigen haben an der Umfrage nicht teilgenommen.

Bei den Sonderausstellungen waren Kunstmuseen mit 16,9 Millionen Besuchen am stärksten gefragt, gefolgt von archäologischen und historischen Museen (14,4 Millionen). Letztere verzeichneten im Durchschnitt rund 28 000 Besuche pro Sonderausstellung, die Kunstmuseen rund 79 000 Besuche.

Es ist es schwer, Museen miteinander zu vergleichen, weil Größe und inhaltliche Ausrichtung so verschieden sind. Dennoch ist der Blick über den Tellerrand spannend. In Hildesheim werden mit dem Budget von aktuell noch 1,45 Millionen Euro (inklusive Stadtmuseum) 31 Stellen finanziert, darin enthalten ist auch Personal für Reinigung, Bewachung oder Einlass. Vier Kuratorinnen und Kuratoren sowie zwei Restauratorinnen sind im Team.

Ziel für die Zukunft: 60 000 Gäste

In den Vor-Corona-Jahren kamen 35 000 bis 84 000 Menschen pro Jahr. 2019, im Jahr der Voodoo-Sonderausstellung, waren es 35 600 Menschen, im Pandemie-Jahr 2020 nur etwa die Hälfte, 2021 immerhin 25 600. Die Zielmarke der Stadt für das RPM liegt in der Zukunft bei 60 000.

Die drei Museen in Landesträgerschaft in Braunschweig, also Braunschweigisches Landesmuseum, Herzog Anton Ulrich Museum und Staatliches Naturhistorisches Museum, haben zusammen ein jährliches Budget von 12,3 Millionen Euro, davon fast 11 Millionen vom Land. 96 Mitarbeitende waren 2021 hier angestellt, davon 60 im wissenschaftlichen Bereich. 2019 besuchten die drei Museen insgesamt 133 500 Menschen, 2021 nur 43 500. Das Städtische Museum Braunschweig (Zuschuss der Stadt: 2,9 Millionen Euro) erreichte in der Zeit vor Corona jährlich rund 40 000 Menschen, 2021 knapp 10 000.

Das Landesmuseum Hannover wird vom Land mit 7 Millionen Euro gefördert, es hat 63 Mitarbeitende. 2019 zog es 123 000 Menschen an, 2021 dann 88 000. In Oldenburg betreibt das Land zwei Museen mit einem Zuschuss von 5,2 Millionen Euro. Zusammen hatten sie 2019 rund 100 000 Besucherinnen und Besucher, im vorigen Jahr 44 000.

Interessant wird es, wenn man den Zuschussbedarf pro Eintrittskarte errechnet. In den Jahren vor Corona pendelte er in Hildesheim zwischen 23 und 50 Euro. Das städtische Museum Braunschweig kam vor der Pandemie auf 72 Euro, die drei Landesmuseen in Braunschweig auf 92, das Landesmuseum Hannover auf 57 Euro. 2020 und 2021 war er überall erheblich höher. Oder, um zwei Beispiele aus dem Süden der Republik zu geben: Das Reiss-Engelhorn-Museum der Stadt Mannheim landet bei einem Zuschuss pro Ticket von 36,50 Euro, das Badische Landesmuseum Karlsruhe bei etwa 47 Euro.

Im Vergleich ist das RPM nicht teuer

Unterm Strich lässt sich feststellen: In Relation zu anderen Museen kostet das Hildesheimer Museum die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler eher wenig, auch die Personaldecke ist – angesichts der Größe – nicht üppig. Im Sanierungspapier, das der Rat Anfang Juli verabschieden will, sind Sparvorgaben im sechsstelligen Bereich enthalten. Der Vergleich legt die Vermutung nahe, dass das Museum schon am unteren Limit arbeitet – und dabei besser ist als sein aktueller Ruf. Die angepeilten 60 000 Gäste sind obendrein ein überaus stolzes Ziel.

Besuchszahlen wären in einem solchen Gedankengang dann kein Ziel per se

Kathrin Grotz, vom Institut für Museumsforschung

Kathrin Grotz, stellvertretende Direktorin des Instituts für Museumsforschung, reagierte auf die Nachricht von der Hildesheimer Museumskrise zunächst bestürzt („Ach du großer Gott!“) und riet in einer späteren Mail zu Besonnenheit: „Es wäre wünschenswert, wenn die Stadt und das Museum über Aufgaben und gemeinsame Ziele sprechen und wie diese zu erreichen/bewältigen sind. Das können neben den touristischen Zielsetzungen auch bürgerschaftliche und soziale Ziele sein, im Hinblick auf gesellschaftliche Teilhabe und das gemeinsame kulturelle Erbe, das das Museum ja langfristig bewahrt. Besuchszahlen wären in einem solchen Gedankengang dann kein Ziel per se, sondern eher ein Performanzindikator unter vielen.“


Andere Liga

Ein Beispiel dafür, was mit hohem finanziellen Aufwand im Museumsbereich möglich ist, ist das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. 2005 eröffnet, gehört es zu den best besuchten Museen in Deutschland. Pro Jahr kommen rund 180 000 Menschen – in Coronazeiten weniger – um die Geschichte der Auswanderer zu erleben. Die Gäste sind begeistert von der sinnlichen Aufbereitung der Ausstellung und den vielen interaktiven Stationen.

2007 wurde das Haus mit European Museum of the Year Award 2007 Europäischen Museumsforums EMF ausgezeichnet. Allein der im Juni 2021 eingeweihte – und schon zweite – Erweiterungsbau hat rund 9 Millionen Euro gekostet. Gut zwei Drittel zahlte die Freie Hansestadt Bremen, den Rest der Bund. Das Museum wird – wie das RPM – durch eine gemeinnützige GmbH betrieben. Eine Stiftung und diverse Förderprojekte ermöglichen den Betrieb. 66 Mitarbeitende hat das Haus (allerdings nicht alle in Vollzeit) davon 15 wissenschaftliche Mitarbeitende. Eigene Restaurator:innen hat das Auswandererhaus nicht, sondern beauftragt bei Bedarf externe Expertinnen und Experten für die jeweiligen Objekte.


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