Hildesheim - Das Gesicht des Oberbürgermeisters ist ernst. „Es ist eine dramatische Situation“, sagt Ingo Meyer. Und: „Wenn wir nichts machen, geht das Haus in die Insolvenz.“ Das „Haus“ ist das Roemer- und Pelizaeus-Museum. Seit Wochen war aus museumsnahen Kreisen von finanziellen Problemen zu hören, seit Freitag ist das ganze Ausmaß der Krise öffentlich bekannt: Im September oder spätestens im Oktober wird das Roemer- und Pelizaeus-Museum nicht mehr zahlungsfähig sein. Bis zum Jahresende ist mit einem Liquiditätsdefizit von etwa 600 000 Euro zu rechnen. Das steht Schwarz auf Weiß in einer Vorlage für die gemeinsame Sitzung von Finanz- und Kulturausschuss am kommenden Mittwoch. Das Papier enthält auch Ideen für die Rettung. Teuer wird es werden: 1,6 Millionen Euro sofort, und dann kommt noch einiges nach.
Wie aus der Vorlage hervorgeht, wurden seit 2019 – also schon vor der Coronakrise – kontinuierlich hoch defizitäre Jahresergebnisse erwirtschaftet, die das Eigenkapital nunmehr sukzessive aufzehren. Und das erwartete Minus des Museums, das eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Stadt ist, wird sich nach dem gegenwärtigen Stand 2023 noch deutlich vergrößern.
Hiobsbotschaft im Februar
Diese „Hiobsbotschaft“, so Meyer, habe man im Februar erhalten; just, als die Stelle der wissenschaftlichen Direktorin neu ausgeschrieben werden sollte. Regine Schulz hat noch einen Vertrag bis Anfang 2024. Die Ausschreibung wurde gestoppt, stattdessen nahm eine Gruppe um den Oberbürgermeister das Museum unter die Lupe und entwickelte ein Konzept, wie das marode Schiff wieder flott gemacht werden soll.
Die Vorschläge sind weitreichend, betreffen die Gestaltung der Ausstellungen ebenso wie eine Reduzierung des Personals, die Gastronomie und den Museumsshop, die Zusammenführung der gemeinnützigen Museums-GmbH und der Service-GmbH – und das Stadtmuseum.
Das ist allein mit Tariferhöhungen nicht zu erklären
Das Personal ist mit 1,64 Millionen Euro der größte Brocken im Museums-Etat, die Summe entspricht fast dem bisherigen Jahreszuschuss der Stadt. Seit 2017 sind offenbar die Personalausgaben stetig gestiegen. „Das ist allein mit Tariferhöhungen nicht zu erklären“, so der Oberbürgermeister. 2023 soll das Museum 250.000 Euro weniger ausgeben – an welchen Stellen das umgesetzt werden soll, schreibt das Papier nicht vor. An anderer Stelle ist aber von einer „Reduzierung und Fokussierung der Forschungstätigkeit“ die Rede.
Das Stadtmuseum soll sein bisheriges Domizil im Knochenhauer-Amtshaus verlassen und ins Hauptgebäude Am Steine integriert werden. Es wird mit einem jährlicher Spareffekt von 72.000 Euro gerechnet, wobei der Umzug einmalig zusätzliche Kosten verursachen wird.
Neuer Museumsshop
Einsparmöglichkeiten sieht die Arbeitsgruppe auch beim Museumsshop, der seit Jahren ein Minusgeschäft ist. Auch hier schlagen hohe Personalkosten zu Buche. Der Shop soll verkleinert und an den Kassenbereich angegliedert werden, um mit weniger Mitarbeitenden auszukommen.
Der frei werdende Raum soll zur einen Seite mit der Gastronomie des Restaurants Nil verbunden werden, zur anderen Seite mit dem Schafhausensaal. So werde Platz für größere Veranstaltungen geschaffen und der Eventbereich gestärkt. Ein tragfähiges Gastronomiekonzept soll auf dieser Grundlage entstehen – laut Meyer geht damit keine Vorfestlegung auf den bisherigen Service-Anbieter Matthias Mehler einher, der eine Ausweitung der Eventkapazitäten vorgeschlagen hatte. Nach dem Umbau soll dann die Verschmelzung der beiden Museums-Gesellschaften erfolgen.
Langfristig wirkende Veränderungen runden den Katalog ab. Mindestens 60 000 zahlende Besucher und Besucherinnen pro Jahr soll das RPM künftig anlocken – und vor allem für Familien attraktiver werden. Künftig soll es nur noch eine große Sonderausstellung im Jahr geben, die sich an aktuellen Themen und den Bedürfnissen des Publikums orientiert. Eine multimediale und erlebnisorientierte Präsentation sei nötig.
Auch an den Eintrittspreisen wird geschraubt: Die Arbeitsgruppe schlägt in ihrer Beschlussvorlage ein „angepasstes und dynamisches Preissystem“ vor. Heißt: Der Eintritt zur Dauerausstellung soll günstiger werden, teure Sonderausstellungen kosten mehr.
Photovoltaik auf dem Dach
Um darüber hinaus Geld zu sparen, sind energetische Maßnahmen geplant. Die hohen Energiekosten des Museums könnten mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Neubaus gesenkt werden.
All diese Maßnahmen haben gemein, dass sie nicht von heute auf morgen Entlastung bringen. Damit das Museum zahlungs- und handlungsfähig bleiben kann, schlägt die Arbeitsgruppe einen einmaligen städtischen Sonderzuschuss von 1,6 Millionen Euro vor. Im städtischen Haushalt gebe es eine Rückstellung, die dafür verwendet werden könne, sagt der Oberbürgermeister. Die Ausgabe gehe also nicht zu Lasten anderer Einrichtungen.
Einzige Alternative: die Schließung
Zudem ist eine dauerhafte Erleichterung des Museums vorgesehen. Bisher zahlte das RPM der Stadt jährlich 130.000 Euro für Miete und Nebenkosten des Magazins und 195.000 für drei Mitarbeitende, die nicht im Museum, sondern in der Stadt angestellt sind. Auf diese Beträge soll die Stadt nach dem Willen der Arbeitsgruppe künftig verzichten.
Ob es dazu kommt, wird zunächst in den städtischen Fachausschüssen beraten und am 4. Juli im Rat entschieden. Gibt der grünes Licht, soll nach der Sommerpause der Umbau des bisherigen Shops beginnen – und die Stelle der wissenschaftlichen Direktorin neu ausgeschrieben werden. Eine Alternative zu den Vorschlägen sieht Meyer nicht. Selbst wenn man das Museums schließe, müsse man die Sammlung mit einem Wert von 160 Millionen Euro immer noch sachgerecht verwahren, was allein schon erhebliche Kosten verursache.
Kommentar: Wurde im Roemer- und Pelizaeus-Museum verschlampt oder verschleiert?
Das grundlegende Problem bleibt ungelöst: Für ein städtisches Museum ist das RPM viel zu groß. Es gehört eigentlich in die Trägerschaft des Landes, doch das Land will nicht.
Trotzdem muss man kritische Fragen stellen. Inhaltlich ambitionierte Sonderausstellungen ziehen seit Jahren weniger Publikum an als kalkuliert. Die Präsentation hinkt heutigen Möglichkeiten oft weit hinterher.
Auch beim Personal darf man sich wundern: Wie kann das Museum mehr Leute einstellen, wenn es gar kein Geld dafür hat? Apropos Geld: Wieso ist der gesamte Umfang der Misere erst im Februar klar geworden, so dass jetzt in großer Eile gehandelt werden muss? Wurde da geschlampt oder verschleiert?
Die Antworten muss die Museumsleitung dringend geben. Denn die Hildesheimerinnen und Hildesheimer zahlen die Zeche – die 1,6 Millionen Euro hätte die Stadt gut an anderer Stelle gebrauchen können.

