Kreis Hildesheim - Immer wieder gibt es in der Region Berichte über marode Zustände in Grundschulen. In Sibbesse etwa haben einige Kinder Angst, aufs Schulklo zu müssen. Ein Gespräch mit Fachärztin Dr. Ulrike Horacek darüber, wie robust ein Kind sein muss – und welche Probleme trotz aller Finanznot nicht tragbar sind.
Frau Dr. Horacek, wie effektiv lernt ein Kind in Fleecejacke, das sich überlegt, im Laufe des Schulvormittags besser nicht auf die Toilette zu müssen?
Wenn man sich nicht wohlfühlt, hat man keine Ressourcen für etwas Produktives und Beteiligendes, schon gar nicht fürs Lernen.
In der Grundschule Sibbesse etwa haben einige Kinder Angst, auf die Toilette zu müssen. Immer wieder gibt es im Landkreis Hildesheim Berichte über marode Zustände in Grundschulen. Die Betroffenheit ist dann groß, aber vieles bleibt trotzdem erstmal, wie es ist. Warum?
Bei diesem Thema macht sich ein Fatalismus breit. Das heißt, dass wir diese angenommene Unvermeidlichkeit der schicksalhaften Abläufe akzeptieren. Man darf aber nicht vergessen, dass der Staat eine allgemeine Schulpflicht ausgibt. Deshalb sehe ich seine Organe auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene in Mitverantwortung. Der Staat ist also grundsätzlich in der Pflicht, für Verhältnisse zu sorgen, die dem Wohl der Kinder und ihren Rechten auf Gesundheit in der Erfüllung der Schulpflicht Rechnung tragen. Das heißt: Der Schulträger – wer auch immer das im Detail ist – hat für einen Mindeststandard an angemessenen Bedingungen Sorge zu tragen. Im Idealfall bringen sich darüber hinaus auch Lehrkräfte und Eltern mit ein. Gut Lernen kann man eben nur in einem guten Klima – und das reicht von der Schultoilette bis zur Lernatmosphäre.
Was sind vernünftige Bedingungen, was ist Schulkindern zumutbar? Müssen sie ohne Sorge aufs Klo gehen können?
Ganz klar: Ja, das müssen sie. Es gibt verbindliche Hygienepläne für Schulen, die vom Land vorgegeben sind und überwacht werden müssen, unter anderem vom Gesundheitsamt. Auch zum Thema Unfallschutz auf dem Schulgelände gibt es Vorgaben. Die Schule ist ein öffentlicher Raum, da müssen Kinder natürlich in Ruhe zur Toilette gehen können. Bei den elementaren Hygieneaufgaben gibt es aber auch die berechtigte Erwartung, dass Eltern diese mit ihren Kindern einüben. Jedes Schulkind sollte wissen, wie man sich auf der Toilette verhält. Leider muss man aber immer wieder feststellen, dass es hier hapert.
Auch mit Heizungen gibt es in Grundschulen immer mal Probleme. Ist das tolerierbar?
Es gibt empfohlene Raumtemperaturen für Schulen. Heizungsanlagen müssen an einem öffentlichen Ort, den man „pflichtig“ aufsucht, intakt und regulierbar sein. Sind sie das nicht, muss der Schulträger Abhilfe schaffen. Man darf aber natürlich nicht vergessen, was vor allem in Grundschulen für eine Gemengelage an Aufgaben für Lehrkräfte und Schulpersonal besteht. Pädagogisches Personal sollte die Chance haben, sich vorrangig auf seine Kernaufgaben zu konzentrieren und Unterstützung durch multiprofessionelle Teams bekommen. In vielen europäischen Ländern gibt es sogenannte Kümmerer – das sind Gesundheitsfachkräfte, die Lehrer unterstützen. Die Raumlufthygiene übrigens ist ein zu wenig beachtetes Thema. Wir wissen durch Messungen, dass vielfach zu selten gelüftet wird und sich Kinder bei zu hohen CO2-Gehalten schlechter konzentrieren können.
Das heißt im Umkehrschluss auch: Grundschulkinder müssen robust sein.
Grundschulkinder sind ungeheuer robust. Unsere Kinder sind nicht alle verweichlicht, wie ja einige Erwachsene meinen. Aber wie schnell ein Kind friert, ist individuell. Da sind die Eltern gefragt: Ein Kind muss angemessen ausgestattet sein und wissen, wann es seine Jacke anziehen sollte. Diese Themen sollten bei Elternversammlungen besprochen werden. Kommunikation mit Eltern ist wichtig, solche Dinge dürfen nicht eskalieren. Was nicht heißt, dass eine defekte Heizung in Ordnung und tolerierbar ist.
Was könnte den Grundschulen trotz knapper Kassen der Kommunen helfen?
Was mir dazu wirklich am Herzen liegt: Eigentlich bräuchte es auch in Deutschland in jeder Grundschule einen Kümmerer. Der Hausmeister kann nicht alles im Blick haben, der Klassenlehrer auch nicht, die Gremien sehen vieles im Schulalltag ebenfalls nicht. Deshalb müsste es im Alltag vor Ort jemanden geben, der greifbar ist, auf diese Dinge achtet und die Brücke zum Thema Kindergesundheit ganz allgemein schlägt. Denn diese Probleme in den Schulen haben eben ganz viel mit Gesundheit zu tun. Und Ansprechpartner für Gesundheit gibt es in den Schulen in der Regel nicht.
Wie realistisch sind solche Schulgesundheitsfachkräfte angesichts der finanziellen Lage in den Kommunen?
Das ist natürlich eine Idealvorstellung. Jemanden zu haben, der Lüftung, Heizung und auch den Unfallschutz im Blick hat. Jemanden, der für die Kinder da ist, die etwa chronische Erkrankungen oder einen besonderen Bedarf haben – natürlich in Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern und Kinderärzten. Lehrer haben bei Gesundheitsthemen oft zu Recht Vorbehalte, weil sie ihre Kompetenzen überschreiten würden. Und dann wäre da jemand, der einen fachkundigen Blick auf ein Kind wirft, wenn es über Unwohlsein klagt – und nicht sofort die Eltern zum Abholen auffordert. Zudem haben viele Kinder gesundheitliche Probleme, die im Schulalltag zu berücksichtigen sind, etwa Diabetes. Für diese Kinder und Familien wäre es sehr entlastend, wenn jemand in der Schule wäre, der sich damit auskennt. So könnten auch Schulfehlzeiten möglichst gering gehalten werden. Ich spreche nicht von Schulbegleitern, die machen einen anderen Job.
Stichwort Fachkräftemangel: Gäbe es denn solche Menschen überhaupt auf dem Arbeitsmarkt?
Ganz klares Ja. Es geht hier nicht um Kinderärzte, sondern zum Beispiel um Gesundheits- und Kinderkrankenschwestern, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr im Schichtdienst oder Klinikalltag arbeiten wollen oder können. Das Berufsbild Schulgesundheitsfachkraft (SGFK) ist sehr beliebt und wird von vielen engagierten Menschen ausgefüllt.
Man ist in dieser ganzen Diskussion um Grundschulen schnell beim Thema Kinderrechte. Wie passen marode Grundschulen zu diesen Rechten?
Einen Mindeststandard vernünftiger Lernbedingungen in der Schule definiere ich als Grundrecht – auch vor dem Hintergrund der staatlichen Schulpflicht. Wir sind immer noch ein Wohlfahrtsstaat, das darf man nicht vergessen; er kann es sich nicht leisten, dass Kinder vermeidbar auf der Strecke bleiben. Und nicht zuletzt hat sich Deutschland der EU-Kinderrechtskonvention angeschlossen.
Zur Person
Dr. Ulrike Horacek ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin sowie für öffentliches Gesundheitswesen, Gesundheitswissenschaftlerin, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ e.V.) sowie langjährige Leiterin des Gesundheitsamts Kreis Recklinghausen. Sie ist 1954 geboren, lebt in Dortmund und arbeitet eng mit der Hildesheimerin Dr. Bettina Langenbruch zusammen, ebenfalls Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und tätig im Hildesheimer Gesundheitsamt.

