Hildesheim - Ein Becher Kaffee, ein gekochtes Ei, ein halbes Brötchen mit Salat und Wurst und zwei Schokoladenkekse. Rolf Kunze sitzt allein an einem kleinen Tisch im Tagestreff Lobby in der Hannoverschen Straße. Auf der anderen Straßenseite ist die Sozialverwaltung des Landkreises Hildesheim. Kunze ist gewissermaßen ein Teil ihrer Arbeit. Er gilt als von Wohnungslosigkeit bedroht.
142 als wohnungslos registrierte Menschen leben in städtischen Unterkünften, hinzu kommen 17 Familien mit 56 Angehörigen plus rund 30 Menschen, die in der Herberge zur Heimat Unterschlupf finden. Bundesweit sind es geschätzt 420 000 Menschen. Hinzu kommen aber auch etliche junge Leute, die sich als Couchsurfer bei Freunden über Wasser halten und einige Leute, die draußen übernachten, in Deutschland sind es etwa 35- 40.000 – geschätzt. Im Sommer mehr als im Winter, sagt Laura Spies vom Team des Tagestreffs.
Corona macht die Lage noch schlimmer
Kurz vor Weihnachten haben ihre Kollegen rund 80 Weihnachtspakete an Wohnungslose verteilt. „Die meisten kennen wir mittlerweile mit Namen“, sagt sie, „wir wissen aber nicht, wie viele es wirklich in Hildesheim gibt.“ Nur so viel: Die meisten leben hier – wie und wo auch immer. „Seit Corona gibt es kaum noch Obdachlose, die von Stadt zu Stadt wechseln.“
Rolf Kunze ist Hildesheim auch treu geblieben. Er ist Mitte 50, ist hier zur Schule gegangen, hat Zweiradmechaniker gelernt, eine Familie gegründet, die ist auseinandergegangen, er hat seine Arbeit verloren, ist sozial abgestiegen, lebte 16 Monate auf der Straße, hat zwischendurch wieder gejobbt, ist herzkrank geworden und hat seit einiger Zeit eine kleine Wohnung im Ortsteil Hildesheimer Wald. Die zahlt das Jobcenter. Dann bekommt er zum Leben noch 446 Euro Hartz-IV-Unterstützung. „Nächstes Jahr gibt es drei Euro mehr“, sagt er, „dann lassen wir es so richtig krachen.“
3 Euro mehr vom Jobcenter – monatlich
Kunze spricht offen über sein Leben, die anderen im Raum schweigen, eine Frau versteckt sich hinter der Tageszeitung, als das Foto von Kunze gemacht wird. „Armut ist eben kein schönes Thema“, sagt er und sagt auch: „Aber meist werden nur extreme Bilder gezeigt, von Menschen, die in Schlafsäcken im Winter unter einer Brücke liegen.“
Armut ist häufig einfach nicht sichtbar. Kunze wirkt fit und gesund. Jeden Tag geht er rund zwei Stunden von seiner Wohnung zum Tagestreff, frühstückt, plaudert ein bisschen mit den anderen hier, nutzt den Computer mit Internetanschluss, wenn er sich informieren oder seiner Tochter eine E-Mail schreiben will. Im ersten Stock gibt es ein Telefon, das man gebührenfrei nutzen kann.
Der Rucksack kommt mit auf die Dusche
Im Vorraum verschwindet ein junger Mann in Richtung Herrendusche, seinen schwer bepackten Rucksack nimmt er mit. Sicher ist sicher. Auch er wird sich gleich an den Frühstückstisch setzen. Eine Stunde lang, dann muss der Platz geräumt werden, sagt Dennis Kastinat, Kollege von Laura Spies. Beide sitzen hinter einer Glastür neben dem Frühstücksraum, jederzeit ansprechbar, um zu helfen, Probleme zu lösen.
Intensive Beratungen gibt es ein paar Meter weiter im Hauptbüro. „Wir helfen weiter, wenn es bei den Behörden klemmt, wir helfen auch bei der Wohnungssuche“, sagt Spies. Und damit sind die Probleme ihrer Klienten auch die ihres Teams. Denn: Wohnungen, für die das Jobcenter die Miete zahlen würde, gibt es kaum. Vermieter, die Menschen von der Straße ein Dach über den Kopf geben würden, so gut wie gar nicht. „Das ist oft hoffnungslos“, sagt Kastinat. Aber, wenn es eine Option gibt, dann sind wir immer mit im Boot, damit alles glatt läuft: „Wir kennen ja unsere Leute.“
Fester Tagesablauf
Und das ist in der Tat ein wichtiger Punkt bei der Arbeit der Lobby. Kunze ist nur einer von vielen, die hier vorbeischauen, Dinge für sich regeln, vor allem aber einen festen Tagesablauf einhalten und soziale Kontakte pflegen. Das Jobcenter versucht, ihm eine Arbeit zu vermitteln, doch er sei aufgrund seiner gesundheitlichen Einschränkung nicht leicht zu vermitteln, sagt Kunze: „Am besten so etwas wie in einer Poststelle, wo ich zwischen Sitzen und Gehen wechseln kann und nichts Schweres tragen muss.“
Über Weihnachten war er zu Besuch bei seiner Tochter und den vier Enkeln in Salzgitter. Selbstgebasteltes hat er ihnen mitgebracht. „Mehr geht eben nicht“, sagt er. „Ich habe gelernt, draußen in der Kälte zu überleben und bin froh, ein Dach über dem Kopf zu haben“, sagt Kunze. Ein Anfang, um weiter zu kommen. Doch genau das ist das Problem.
Kontakt zum Tagestreff Lobby
Der Tagestreff in der Hannoverschen Straße ist telefonisch unter 05121-93572510 erreichbar, online unter info@hzh-himmelsthuer.de. Verantwortlich ist die Herberge zur Heimat, Träger ist die Diakonie Himmelsthür.
