Hildesheim - Eines Tages ging Lutz Krügener einfach los. Er ging nach Wrisbergholzen, dann weiter nach Göttingen, dann weiter nach Eisenach, dann weiter nach Worms, dann bis zur französischen Grenze. Während der Pandemie war der heute 63-Jährige auf diesem Weg sechs Wochen allein unterwegs. „Ich bin schon als Jugendlicher gewandert“, erklärt Krügener. Mittlerweile wandert er nicht mehr, er pilgert. Wenig überraschend, immerhin ist Krügener Pastor. Aber längst haben auch Nicht-Kirchgänger das spirituelle Durch-die-Lande-ziehen entdeckt.
Pilgern boomt. Das Pilgerbüro in Santiago de Compostela hat jüngst das dritte Rekordjahr in Folge vermeldet. 446.035 Menschen sind 2024 über den Jakobsweg in die spanische Küstenstadt, wo der Apostel Jakobus begraben liegt, gezogen. Die Pilgerinnen und Pilger stammen aus aller Herren Länder, selbst aus weit entfernten Nationen wie Myanmar, Lesotho oder von den Salomonen. Eine der größten Gruppen machen weiterhin die Deutschen aus. Rund 23.000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger haben sich am Ende des berühmten Pilgerwegs gemeldet.
Caspar David Friedrich und Fritz Meinecke
Einer der Hauptgründe dürfte „Ich bin dann mal weg“ sein. Der Reisebericht von Hape Kerkeling gehört zu den erfolgreichsten Sachbüchern überhaupt in Deutschland. Aber Pastor Krügener sieht noch andere Gründe für die Lust am Pilgern. „Es passt in unsere Zeit.“ Auch Wandern oder Waldbaden erleben einen Aufschwung. Die Leute haben Lust, Natur zu erleben. Ein Volk von Romantikern sind die Deutschen eh schon lange. Die Ausstellungen mit Gemälden von Caspar David Friedrich anlässlich des 250. Geburtstages des Malers haben Besucherrekorde verzeichnet, das Sachbuch von Florian Illies über den Künstler schaffte es 2024 ebenfalls nach ganz oben in die Bestenlisten. Mittlerweile produziert Youtuber Fritz Meinecke mit „7 vs. Wild“ die erfolgreichste Serie aus Deutschland, in dem er Promis und Experten in der Wildness aussetzt.
Fitness und Natur würden die Menschen aber auch beim Wandern bekommen. Pilgern verbindet die Bewegung in der Natur mit einer spirituellen Dimension, wie Krügener erklärt. Er glaubt, dass es eine Sehnsucht nach Spiritualität gibt, „die wir mit traditionellen Formen nicht abdecken“. Das würde die Diskrepanz zwischen der sinkender Zahl an Kirchenmitgliedern und konstanter Lust am Pilgern erklären. Seit vier Jahren ist Krügener als Pastor in der Martin-Luther-Kirche, davor war er 17 Jahre in der Funktion in Sarstedt tätig. Pilger-Touren bietet er regelmäßig an. Dafür hat er „Körpergebete“ entwickelt, die biblische Schöpfungspsalme aufgreifen. Auch führt er die Gruppen an spirituelle Orte wie abgelegene Klöster oder kleine Kirchen.
Offenheit ist wichtig
Auch seiner Erfahrung nach spricht Pilgern selbst kirchenferne Menschen an. Ein Bekannter von ihm war nach einer Tour „tief bewegt“. Dabei habe der Mann sonst mit Kirche nichts zu tun, sei Ingenieur. 2015 gab es ein Klima-Pilgern, nach Paris zur Klimakonferenz. Krügener begleitete die Gruppe von Hamburg nach Bremen. Gläubige und Aktivisten zogen gemeinsam los. „Es ist uns gelungen, das gut zusammenzubringen“, erinnert er sich. Neben spirituellen Orten ging es auch zum Torfanbau und Windkraftanlagen. „Man sollte mit möglichst großen Offenheit starten“, rät Krügener.
Er selbst geht gerne alleine. „So komme ich Gott näher.“ Auch wenn er zugibt, dass es für Frauen weiterhin eine andere Erfahrung sei, allein zu reisen, ermutigt er dazu. Routen hätten viele Wander-Apps parat. Sonst gibt es auch Wegweiser in der Landschaft, welche historische Wanderwege kennzeichnen. Dieses Netz durchzieht Europa, die meisten Wege führen nach Rom oder zum Jakobsweg. Auf den Spuren von Hape Kerkeling war Krügener selbst noch nicht („Vielleicht im Ruhestand“). Aber einen Teil der Via Scandinavica zwischen Skandinavien und Rom ist er schon gegangen. Es ist die Strecke über Eisenach.
Es geht auch in kurzen Etappen
Es muss auch niemand sechs Wochen am Stück durch die Lande ziehen. Krügener ist auch schon den Pilgerweg zwischen Loccum und Volkenroda gewandert. Die 360 Kilometer zwischen den Klöstern bei Hannover und in Thüringen ist während der EXPO 2000 ins Leben gerufen worden. Er hat die Strecke und Zeit aber nicht am Stück zurückgelegt, sondern über ein Jahr, auf lange Wochenenden verteilt.

