Irmenseul - Wer fleißig seinen Asterix gelesen hat, der weiß, dass die Gallier ein furchtloses Völkchen waren, denen nicht einmal römische Legionen einen Schrecken einjagen konnten. Nur eines hat sie wirklich geängstigt: die Vorstellung, dass ihnen eines unschönen Tages der Himmel auf den Kopf fallen könnte. So ganz geheuer war auch ihren Nachbarn weiter im Osten, den Sachsen, dieses große blaue, manchmal auch matt graue Ding da oben nicht. Doch die frühen Vorfahren der Irmenseuler wussten sich zu helfen: Sie stellten eine Säule, die Irminsäule, auf, die das Himmelszelt immer hübsch auf Abstand hielt.
Wo genau dieser Pfahl mit den geradezu magischen Kräften einmal gestanden hat, was sein Name wirklich bedeutet und warum das nur knapp 300 Einwohner zählende Örtchen Irmenseul so heißt, wie es heißt, weiß heute niemand mehr mit Sicherheit zu sagen. Fest steht nur eines: „Auf der ganzen Welt gibt es keinen zweiten Ort mit Namen Irmenseul“, versichert Karl Schön, der Vorsitzende des Heimatvereins.
Der Stolz auf die Irminsäule
Irmin könnte etymologisch groß und sul Säule bedeuten, also eine Große Säule bezeichnen. Irmin könnte ein anderer Name des sächsischen Kriegs- und Siegesgottes Tiwaz sein. Oder bezeichnet Sul einfach nur eine Suhle, eine morastige Bodenvertiefung, in der sich Wildschweine mit Hingabe suhlen? Nix Genaues weiß man nicht.
Der Nebel der Geschichte hindert die Irmenseuler aber nicht daran, auf ihre Vergangenheit stolz zu sein. So stolz, dass sie 1996 auf der Bornhöhe am Romberg, einem dem Ort vorgelagerten Hügel, eine frei empfundene Nachbildung der Irminsul aufgestellt haben. „Warum hier? Weil es hier oben schön ist“, sagt Schön. Den mächtigen, neun Meter hohen Eichenstamm ziert an der Spitze ein Radkreuz aus Aluminium-Guss, das einen Durchmesser von anderthalb Metern hat und in der Metallgießerei Wilhelm Funke in Röllinghausen entstanden ist. Das Motiv ist an das Ortswappen angelehnt. Eingeweiht wurde die Säule 1998 – zur 700-Jahr-Feier des Dorfes, das 1298 als „Ermensulle“ erstmals urkundlich erwähnt wurde.
Drei verschiedene Wege
Heute lohnt nicht nur der Ausflug zu dem ungewöhnlichen Denkmal, auch die Landschaft zieht die Blicke aller Naturbegeisterten auf sich. Gleich hinter der adretten Ortschaft führt eine schmale Straße bergan zu einem eigens für Wanderer angelegten Parkplatz mit Info-Tafeln, von dem aus sich die Umgebung auf drei verschieden langen, farbig markierten Wegen ganz nach Lust und Laune, Zeit und Kondition erobern lässt.
Die grüne Wegstrecke führt über gut zwei Kilometer Länge und 20 Meter Höhenunterschied zur Irmensäule, die blaue Markierung leitet auf einen 4,5 Kilometer langen Rundweg mit 76 Metern Höhendifferenz, die weiße Strecke dehnt die Wanderung auf neun Kilometer aus. Zu entdecken gibt es hier mit Sicherheit genug, denn dem Sackwald, der südwestlich von Irmenseul liegt, ist ein 2,4 Hektar großes Naturschutzgebiet vorgelagert, das heute in der Obhut des Landes liegt.
Der Boden hier ist so kalkhaltig, dass manche Felder nach dem Pflügen aussehen, als habe es frisch geschneit
Der Halbtrockenrasen, der hier recht ungewöhnlich nach Norden ausgerichtet ist, bietet auf dem flachgründigen Muschelkalkboden alles, was man sich in unseren Breiten von einem solchen Biotop wünscht: Enziane und Orchideen wie der Mückenhändelwurz, Flockenblumen und auch Heilziest. „Der Boden hier ist so kalkhaltig, dass manche Felder nach dem Pflügen aussehen, als habe es frisch geschneit“, sagt Günter Löke, der Vorsitzende der BUND-Ortsgruppe Lamspringe.
Am Wegesrand wachsen verschiedene Wildrosenarten. „Um die zu unterscheiden, braucht man für die Details schon eine Lupe“, sagt der Ehrenvorsitzende der Ortsgruppe, Gerd Heine. „Aber das hier, das dürfte die Bibernell-Rose sein.“ Ein anderes botanisches Schätzchen ist das Zittergras, eine zierliche Pflanze aus der Familie der Süßgräser, dessen Ähren wie kleine Herzchen aussehen und bei jedem Windstoß herzallerliebst an dünnen Stielchen im Winde zittern. Die genügsame Pflanze kann viel vertragen – Nässe, Trockenheit, Hitze und auch Kälte – , doch sobald der Boden gedüngt wird, verschwindet sie. Deshalb steht auch sie inzwischen auf der Roten Liste bedrohter Arten.
Hier wächst der Klappertopf
Dass gar nicht weit vom Zittergras entfernt der Klappertopf wächst, freut nicht jeden Botaniker. Ihren Namen bekam die einjährige, gelb blühende Pflanze, weil die Samen in ihren reifen Früchten klappern, sobald man sie schüttelt. Doch der Klappertopf ist ein Halbparasit, der sich bei mehr als 50 Pflanzenarten, zumeist Süßgräsern, bedient. Zwar betreibt er selbst Photosynthese und kann damit auch ohne Wirt auskommen, doch über Saugorgane (Haustorien genannt) zapft er die Wurzeln benachbarter Pflanzen an und zieht aus deren Leitgefäßen die Nährstoffe ab. Ein arger Schlingel. Dabei sieht das Pflänzchen, das auf den ersten Blick an einen Lippenblütler erinnert, so harmlos aus.
Wer zum ersten Mal in der Umgebung von Irmenseul unterwegs ist, dürfte von der Vielgestaltigkeit der hügeligen Landschaft überrascht sein, die trotz ihrer landwirtschaftlichen Nutzung kein bisschen langweilig ist. Feldflächen wechseln sich ab mit kleinen Busch- und Baumbeständen, auf einer Wiese weiden gemächlich Highland-Rinder und sorgen dafür, dass die Hänge nicht überwuchert werden und die historische Weidewirtschaft nicht völlig in Vergessenheit gerät.
Endlich bei der Irminsul!
Der Heimatverein, der in der Pflege der Landschaft mit der BUND-Ortsgruppe Hand in Hand zusammenarbeitet, hat eine Schutzhütte aufgestellt. Das einzige feste Gebäude mitten in der Landschaft ist allerdings der Hochbehälter, der die Bürger über einen Brunnen mit Frischwasser aus 180 Metern Tiefe versorgt. Auch die ökologisch wertvolle Streuobstwiese ist der Tatkraft der unermüdlichen Ehrenamtlichen zu verdanken.
Und dann ist sie endlich erreicht: die Irminsul! Der Platz wirkt mit seiner Einfassung aus Büschen, Bäumen und Findlingen wie ein Ehrenmal und hat tatsächlich etwas Erhabenes. Der Ort ziehe immer wieder Esoteriker an, sagt Rolf Petrich, der zweite Vorsitzende des Heimatvereins, die hier einen besonderen Kraftort meinen wahrnehmen zu können. Fast ein bisschen Stonehenge-Atmosphäre also, hier im tiefsten Niedersachsen. Gemütliche Bänke laden zum Verweilen ein und zum Genießen des herrlichen Blicks über das Riehetal bis zum Heber in der Ferne. Gebaut hat das Mobiliar der Irmenseuler Wilhelm Flamme. Jedes Jahr macht er sich die Mühe, alle 41 Bänke im Gebiet wieder aufzumöbeln. Auch dieses ehrenamtlich, wie so vieles hier.
Ein unbeugsames Völkchen
Gerade sind die Felsenbirnen reif. Hobbybotaniker Gerd Heine zögert nicht lange, steckt sich ein paar der zuckersüßen aromatischen Früchte, die fast wie Heidelbeeren aussehen, in den Mund. Die Mitwanderer zögern noch, aber nicht lange. Was für ein schönes Stückchen Erde! Doch als ein Investor kürzlich ankündigte, genau hier große transparente Wohnkugeln als „Bubble“-Hotel aufstellen zu wollen, war es mit der Geduld der Irmenseuler vorbei.
Nicht hier, nicht mit ihnen, wie Transparente rund um die Irminsäule unmissverständlich klarmachen. Sprechchöre, Unterschriftenliste, ironisches Gelächter. Die Gallier würden Augen machen, wenn sie sehen könnten, was für ein unbeugsames Völkchen sich da in Irmenseul niedergelassen hat.


