Hildesheim - Fans, Freunde und Verwandte – alle wollten sie nach Abpfiff zu Jan Jochens. Vor dem Torwart des Handball-Drittligisten HC Eintracht Hildesheim hatte sich eine Warteschlange gebildet. Die Menschen herzten ihn, wollten gratulierten. Und Jochens freute sich über so viel Zuneigung. „Danke, danke, danke.“
Er ist keiner, der sich nach so einem Spiel allzu sehr in den Mittelpunkt drängt. Dabei hatte er es nach seiner überragenden Leistung im zweiten Playoff-Spiel gegen den HC Empor Rostock verdient. Jochens war ein Garant dafür, dass die Eintracht den Fünf-Tore-Rückstand aus der ersten Partie in Rostock (27:32) doch noch wettmachen konnte – und durch die 30:24-Revanche am Sonntag im Rückspiel im Rennen um den Zweitliga-Aufstieg weiter am Ball bleibt.
Erst Krka, dann Jochens
Auch von seinem Hildesheimer Torwart-Kollegen Leon Krka wurde Jan Jochens innig umarmt. Krka hatte noch in der ersten Hälfte der Rostock-Begegnung im Kasten gestanden, aber nicht richtig in die Partie gefunden. Nach der Pause brachte Trainer Daniel Deutsch dann Jochens.
Und egal, ob die Würfe nun von der Kreismitte, aus dem Rückraum oder von den gegnerischen Außenspielern kamen – Jan Jochens hatte meist einen Fuß, ein Knie, einen Arm, eine Hand, manchmal nur die Fingerspitzen oder weiß Gott was für ein Körperteil am Ball. Zeitweise schien das Eintracht-Tor wie vernagelt. So konnten die Hildesheimer aus ihrer 15:13-Halbzeit-Führung zunächst ein 19:13, später sogar ein 27:18 und 29:20 (55.) machen.
Ich wollte halt nicht, dass das hier mein letztes Spiel gewesen ist
Freilich gehört zu einer guten Torwart-Performance immer auch eine starke Abwehr – aber der Keeper erwischte trotzdem einen ganz besonderen Nachmittag. Es war irgendwie der Tag des Jan Jochens.
„Ich wollte halt nicht, dass das hier mein letztes Spiel gewesen ist“, sagte der Gefeierte und deutete ein Grinsen an. Bekanntlich wird der erst 23-Jährige nach dieser Saison seine Karriere beenden – oder zumindest eine längere Handball-Pause einlegen. Er geht zurück in seine Heimatstadt Berlin, will sich auf sein Psychologie-Studium konzentrieren.
Ein Urschrei
Nach jedem gehaltenen Ball während des Rückspiels gegen Rostock puschte sich Jochens mehr: Er reckte die Faust in die Luft, riss den Mund weit auf, um dann einen Urschrei herauszulassen – die Fans in der Volksbank-Arena zogen mit und feierten den Keeper. Das Ganze wurde eine Art Wechselspiel: Erst die Jochens-Parade, dann die Siegerfaust und im Anschluss Ekstase bei den Fans, was wiederum den Torwart weiter antrieb. „Wenn man so einen Lauf hat, muss man sehen, dass man den Flow nicht verliert“, erklärte Jochens sein Explosivität nach gehaltenen Bällen. Im Alltag ist der Mann eher ein ruhiger Vertreter.
Viel mehr wollte oder konnte er zu seiner Leistung nicht sagen. „Meine Eltern sind da, ich würde die jetzt gern umarmen“, verabschiedete sich der 23-Jährige von dem Kurzinterview von der HAZ.
Nervöser Beginn
Überhaupt war es einer dieser Tage, an dem klar wurde, warum die Menschen den Sport lieben. Nach etwas nervösem Beginn fing sich die Eintracht und kämpfte sich in die Partie. Das Publikum ging mit, wurde von Minute zu Minute lauter. Die meisten Zuschauer standen die komplette zweite Hälfte. „Eintracht, Eintracht“, schallte es durch die Arena. Die Rostocker hatten diesen Emotionen wenig entgegenzusetzen.
Eintrachts Trainer Daniel Deutsch wirkte nach dem Sieg zufrieden und ziemlich entspannt: „Na, klar habe ich daran geglaubt, dass wir das noch drehen können. Ich kann doch den Spielern nicht irgendetwas erzählen, an das ich selbst nicht glaube.“ Und zur Jochens Torwart-Leistung: „Jan war überragend. Ohne Torhüter-Leistung gewinnst du so ein Spiel auch nicht.“
Jan hielt ganz stark. Das hat uns in der zweiten Hälfte den Zahn gezogen
Selbst die unterlegenen Rostocker kamen an einem Lob für den Keeper nicht vorbei. „Jan hielt ganz stark“, meinte Empor-Geschäftsführer Martin Murawski. „Das hat uns in der zweiten Hälfte den Zahn gezogen“.
Und Jochens selbst? Zwei Spiele stehen für ihn noch an, bevor er mit dem Handball aufhört. Etwas überraschend hatte er im Februar dieses Jahres seinen Rücktritt zum Ende der Saison mitgeteilt. Überraschend, da er gerade erst 23 ist. Leicht gemacht hatte er sich diese Entscheidung nicht: „Ich denke, dass ich von Beginn an den Leistungssport zu ernst genommen habe und mich des Öfteren mit meinem Ehrgeiz selbst kaputt gemacht habe“, sagte er damals dazu.
Jetzt gegen die HSG Konstanz
Jetzt geht es für ihn und das Team am kommenden Sonntag, 9. Juni, gegen die HSG Konstanz. Das Hinspiel findet in der Hildesheimer Volksbank-Arena statt (17 Uhr) – und das Rückspiel dann höchstwahrscheinlich am darauffolgenden Sonntag (16. Juni) am Bodensee. Setzt sich die Eintracht in der Endabrechnung gegen Konstanz durch, steigt der Klub in die 2. Bundesliga auf. Seit 2018 arbeiten die Hildesheimer an diesem Ziel.
Hier gibt es Tickets für die Partie gegen Konstanz
Die Eintracht-Handballer haben sich das Playoff-Finale um den Aufstieg in die 2. Liga erkämpft. Am Sonntag (9. Juni) steht für die Hildesheimer zunächst das Hinspiel in eigener Halle an. Anpfiff in der Volksbank-Arena ist um 17 Uhr.
Tickets für die Partie gibt es über die HiApp, über die Homepage des HC Eintracht und in der Vorverkaufsstelle bei Telco. Zudem sind Karten auch in der Eintracht-Geschäftsstelle (Pappelallee) erhältlich, die in dieser Woche Sonderöffnungszeiten hat: dienstags bis freitags von 9.30 bis 12.30 Uhr, mittwochs zudem von 14 bis 17 Uhr und am Samstag von 10 bis 12 Uhr. Am Sonntag öffnet die Tageskasse der Arena um 15 Uhr, Einlass in die Halle ist um 15.30 Uhr.


