Kreis Hildesheim - Der Hildesheimer Stichkanal ist für schwer beladene Motorgüterschiffe bislang nur begrenzt geeignet: Der Ausbau der Wasserstraße vom Hafen zum Mittellandkanal sollte schon längst im Gange sein, doch etliche Hürden verzögern den Baustart. Schon seit Jahren wird dieser immer wieder aufgeschoben. Auch die Verlegung der B6 und der Neubau der Bundesstraßen-Brücke zwischen Hildesheim und Hasede sind weiterhin nicht absehbar. Die Verlegung der Fernstraße ist ein Baustein des geplanten Gewerbeparks Nord der Stadt Hildesheim zusammen mit der Gemeinde Giesen. Nun steht der nächste Schritt des Kanal-Projekts bevor: Die Öffentlichkeit hat bald Zugang zu den Unterlagen, die dem Vorhaben zugrundeliegen.
Im Rahmen eines Planänderungsverfahrens sind diese vom 2. September bis zum 1. Oktober in den Rathäusern von Hildesheim, Giesen, Harsum und Algermissen einsehbar. Und: Bürger und Bürgerinnen können nach Angaben der Gemeinde Einwände gegen das Vorhaben bis zum 15. Oktober schriftlich bei der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Hannover einreichen.
Wassertiefe erhöhen
Grundsätzlich ist die Erweiterung der knapp 13 Kilometer langen Strecke von Hildesheim bis zur Schleuse Bolzum in mehreren Abschnitten von je drei bis fünf Kilometern Länge geplant. Ziel ist, die Wassertiefe von drei auf vier Meter zu erhöhen, um die Nutzung des Kanals wirtschaftlicher und so auch den Hafen als Umschlagplatz von Gütern attraktiver zu machen. Ab September liegen in den vier betroffenen Kommunen die Planänderungsunterlagen zum Ausbau des südlichen Abschnitts des Kanals samt Verlegung der B6 aus.
Doch wann startet der Ausbau der Wasserstraße überhaupt? Die Arbeiten beginnen erst dann, wenn ein Planfeststellungsbeschluss rechtskräftig ist. „Dies hängt maßgeblich von den jeweiligen Einwänden und Stellungnahmen ab“, erklärt die Sprecherin der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV), Claudia Thoma, auf Nachfrage der HAZ. Heißt: Der Baubeginn bleibt zumindest bislang offen.
Artenschutz ist maßgebend
Auch artenschutzrechtliche Auflagen bremsten zuletzt das Projekt. So musste nach Angaben des WSV insbesondere ein Ausgleichskonzept für den Feldhamster und die Feldlärche umfassend überarbeitet werden.
Und: Liegt die Baugenehmigung für den südlichen Teil samt Brücke vor, wartet noch eine weitere Hürde auf die Planer. Denn eine Analyse des Kampfmittel-Beseitigungsdienstes hat ergeben, dass sich dort, wo die B6 künftig verlaufen soll, sehr viele sogenannte Kampfmittelverdachtsflächen erstrecken. Das bedeutet: Dort könnten sich durchaus einige Mengen an Weltkriegsmunition im Boden verbergen. Und diese muss beseitigt werden – eine zwingende Vorgabe bei Bauprojekten diesen Außmaßes.
Kriegsmunition im Boden?
Die Bereiche müssen für diese Aktion vorab sondiert und dann gegebenenfalls geräumt werden. Aber: „Auch dies kann erst beginnen, wenn der Planfeststellungsbeschluss rechtskräftig ist“, erklärt Sprecherin Thoma.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt des Artenschutzes: Es ist laut WSV sehr wahrscheinlich, dass der Kanal erst auf der einen und dann auf der anderen Seite erweitert wird – und nicht etwa auf beiden Seiten parallel.
Bäume und Sträucher neu anpflanzen
Weil Böschungen abgeflacht werden müssen, sollen Arbeiter erst Bäume und Sträucher entfernen und danach wieder anpflanzen. Erst wenn sich neue „Leitstrukturen“ dank der Pflanzen gebildet haben, also Orientierungshilfen für Säugetiere auf der Jagd nach Insekten, ist die andere Kanalseite an der Reihe.
Dies betrifft den nördlichen Abschnitt der Verbindung. Das Ganze erfordert der Behörde zufolge ein weiteres Planfeststellungsverfahren, dessen Einleitung ebenfalls offen ist. Noch eine Hürde auf dem beschwerlichen Weg zum Ausbau der Wasserstraße also. Der soll dem Bundesverkehrswegeplan zufolge eigentlich 2030 abgeschlossen sein.
Immense Kosten
Unklar neben dem Ausbaubeginn sind auch die immensen Kosten des Projekts. Im Jahr 2018 hatte die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung noch mit etwa 130 Millionen Euro gerechnet. 2021 kalkulierten die Planer mit insgesamt 156 Millionen Euro. Diese Prognose dürfte nicht zu halten sein. „Mit Blick auf die Baupreisentwicklungen aus der Corona-Zeit sowie den Ukraine-Krieg werden diese Angaben derzeit überprüft“, so Thoma weiter.
Die Planunterlagen liegen vom 2. September bis 1. Oktober in den Rathäusern von Hildesheim, Giesen, Harsum und Algermissen werktags zu bestimmten Zeiten bereit. Zudem sind sie beim Wasserstraßen-Neubauamt Hannover einsehbar. Auch online ist ein Zugriff unter www.gdws.wsv.bund.de in der Rubrik Service/Planfeststellung/Planfeststellungsverfahren möglich. Eingaben sind schriftlich bei der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Hannover möglich. Eine E-Mail genügt dafür nicht.
